Ein Pferd, das fünf Gangarten beherrscht, ist eine Ausnahme. Bernhard Podlech, der auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein bei Meidelstetten 140 Islandpferde stehen hat und 2019 in Berlin Vize-Weltmeister im Tölt geworden ist, kann genau erklären, was die Islandpferde Gangart so einzigartig macht.
Drei plus zwei
Die meisten Pferde haben drei Gangarten. Schritt, Trab, Galopp. Das Islandpferd hat fünf. Schritt, Trab, Galopp, Tölt und beim Fünfgänger zusätzlich den Rennpass. Diese Erweiterung ist genetisch verankert und über Jahrhunderte gezüchtet worden. Auf Island war das Pferd bis 1950 das einzige Reisemittel, und längere Strecken über karges Gelände forderten bequeme, ausdauernde Gangarten.
Bernhard Podlech beschreibt die Logik dahinter. „Das Islampferd ist einfach aus der Zucht und aus der Geschichte heraus ein sehr starkes und robustes Pferd, weil es in Island das einzige Lastentier war oder die einzige Reisemöglichkeit war. Bis 1950 war es üblich, mit dem Pferd in Island zu reisen, weil da gab es noch nicht viele Straßen oder Autos.“
Der Tölt
Der Tölt ist die wichtigste Sondergangart der Islandpferde Gangart. Bernhard erklärt: „Der Tölt, das kann man sich vorstellen, das ist eine sehr bequeme Gangart. Das ist sozusagen wie wenn das Pferd Schritt geht, nur dass es eben auch bis ins hohe Tempo diese Schrittfolge oder Fußfolge gehen kann.“
Der entscheidende Unterschied zum Trab oder Galopp ist die fehlende Schwebephase. „Im Trab oder im Galopp hat man immer eine Schwebephase, also das Pferd verlässt immer kurz mit allen Vieren auch den Boden, und das ist im Tölt nicht der Fall.“
Konkret heißt das: Beim Tölt steht immer mindestens ein Huf auf dem Boden. Es gibt keinen Moment, in dem das Pferd komplett in der Luft ist. Für den Reiter bedeutet das, dass er ruhig im Sattel sitzt, ohne mit dem Pferd auf und ab zu gehen. Der Tölt kann von ganz langsamem bis zum schnellen Tempo geritten werden. „Dadurch ist der Tölt so bequem und kann vom ganz langsamen Tempo bis ins schnelle Tempo geritten werden.“
Der Rennpass
Die zweite Sondergangart ist der Rennpass, oft einfach Pass genannt. Im Gegensatz zum Tölt wird er nicht im langsamen Tempo geritten, sondern als Sprint. „Der Pass wird aber in hohem Tempo auf kurze Strecke geritten, also in einem Sprint sozusagen, auf möglichst viel Tempo, und eben auf 100 bis 200 Meter sowas als Sprint.“
Beim Pass bewegen sich die Beine einer Körperseite gleichzeitig. Erst die rechten beiden Beine, dann die linken beiden, im schnellen Wechsel. Das gibt eine eigentümliche, aber sehr schnelle Bewegung. Die Geschwindigkeiten gehen weit nach oben. „Kann durchaus im Rennpass oder im Galopp bis fast 60 km/h erreichen.“
Im Sport gibt es eigene Rennpass-Prüfungen, bei denen über kurze Strecken gegen die Uhr geritten wird.
Vier- oder Fünfgänger
Nicht jedes Islandpferd kann Pass. Bernhard Podlech: „Es gibt Vier- und Fünfgänger, also Viergänger wäre ohne Pass und Fünfgänger mit Pass.“
Diese Unterscheidung ist im Sport wichtig. Es gibt Viergangprüfungen, in denen Schritt, Trab, Galopp und Tölt gezeigt werden müssen. Und Fünfgangprüfungen, in denen zusätzlich Pass dazukommt. Beim Kauf eines Islandpferds sollte man wissen, ob das Tier ein Vier- oder Fünfgänger ist. Mehr unter Welche Pferde können tölten.
Wie das Pferd zwischen Gängen wechselt
Ein gut ausgebildetes Islandpferd wechselt auf feinste Hilfen vom einen in den anderen Gang. Vom Schritt in den Tölt, vom Tölt in den Trab, vom Trab in den Galopp. Das ist eine Übung, die Jahre dauert. Bernhard Podlech beschreibt das Ausbildungsziel so: „Sodass die Kommunikation immer feiner wird und das Pferd auf die kleinsten Hilfen reagiert, das macht einfach unheimlich Freude.“
Wer ein Islandpferd anreitet, beginnt mit den Grundgangarten Schritt, Trab und Galopp und arbeitet sich dann an den Tölt heran. Manche Pferde töten von Natur aus leicht, bei anderen braucht es Geduld. Die Veranlagung ist genetisch.
In der Viergangprüfung
In einer Viergangprüfung muss das Pferd vier verschiedene Bewegungsformen zeigen. Bernhard erklärt das Format: „Da kann man sich vorstellen, das gibt dann verschiedene Prüfungen. Das eine ist Viergang- oder eine Fünfgangprüfung beziehungsweise auch Tölt- Prüfungen oder Rennpassprüfungen. Und jetzt in der Viergangprüfung zum Beispiel ist es so, dass man eben Schritt, Trab und Galopp zeigen muss und den Tölt in ganz langsamem Tempo, das nennt man Arbeitstempo, oder im starken Tempo, also im schnellen Tempo zeigen muss.“
Was den Tölt vom Schritt unterscheidet
Auf dem Papier sehen Schritt und Tölt ähnlich aus. Beide sind Vierschlag-Gangarten ohne Schwebephase. Der Unterschied liegt im Tempo und im Bewegungsablauf. Der Schritt ist langsam, ruhig, gleichmäßig. Der Tölt kann das Tempo eines schnellen Trabs oder mehr erreichen, ohne dass das Pferd dabei aussetzt oder die Hufe in eine Schwebephase nimmt. Diese Kombination aus Tempo und Vierschlag macht den Tölt einzigartig.
Im Vergleich zu anderen Pferden
Die meisten Pferderassen sind Dreigänger. Es gibt einige andere Gangrassen, etwa den Tennessee Walker oder den Paso Fino, aber das Islandpferd ist die bekannteste und am weitesten verbreitete. Was es unter den Gangrassen besonders macht, ist die Kombination aus Tölt und Pass. Tölten allein können einige andere Rassen auch, Pass im sportlichen Sinne kaum. Mehr unter Pferde Gangarten.
Islandpferde Gangart, kurz zusammengefasst
Fünf Gangarten beim Fünfgänger, vier beim Viergänger. Tölt als bequeme, schwebephasenfreie Gangart, die vom langsamen bis zum schnellen Tempo gehen kann. Rennpass als Sprint über kurze Strecken, mit Geschwindigkeiten bis 60 km/h. Diese Vielfalt ist über Jahrhunderte gezüchtet worden, weil das Pferd in Island Reise- und Lasttier in einem war. Heute ist die Gangart-Vielfalt der Hauptgrund, warum Menschen mit dem Islandpferd anfangen.
Bernhard Podlech ist Pferdewirtschaftsmeister auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein und Vize-Weltmeister im Tölt. Das ganze Gespräch mit Bernhard Podlech gibt es bei pekuu audiostories.
