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Tölt – die fünfte Gangart der Islandpferde verstehen

Wer einmal im Tölt geritten ist, vergisst es nicht. Bernhard Podlech, der auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein bei Meidelstetten 140 Islandpferde stehen hat und 2019 in Berlin Vize-Weltmeister im Tölt geworden ist, kennt diese Gangart besser als die meisten. Was Tölt ist, wie er sich anfühlt und warum er das Markenzeichen der Islandpferde ist.

Tölt ist die fünfte Gangart, oder genauer die vierte, denn er rangiert vor dem Galopp und nach dem Trab. Es gibt Pferderassen, die ihn beherrschen, und solche, die es nicht tun. Beim Islandpferd ist er Standard, hochgezüchtet, kultiviert. Diese Übersicht zeigt, was hinter dem Wort Tölt steckt, von der Mechanik bis zum Sportreglement.

Wie Tölt funktioniert

Bernhard Podlech erklärt es so: „Der Tölt, das kann man sich vorstellen, das ist eine sehr bequeme Gangart. Das ist sozusagen wie wenn das Pferd Schritt geht, nur dass es eben auch bis ins hohe Tempo diese Schrittfolge oder Fußfolge gehen kann.“

Der Tölt ist eine Vierschlag-Gangart. Das heißt, die vier Hufe setzen nacheinander auf, in einem regelmäßigen Takt: erst der eine Hinterhuf, dann der gleichseitige Vorderhuf, dann der andere Hinterhuf, dann der andere Vorderhuf. Vier verschiedene, gleich verteilte Geräusche, wenn das Pferd auf festem Boden geht.

Was den Tölt von Trab und Galopp unterscheidet, ist das, was nicht passiert. „Im Trab oder im Galopp hat man immer eine Schwebephase, also das Pferd verlässt immer kurz mit allen Vieren auch den Boden, und das ist im Tölt nicht der Fall“, sagt Bernhard. Im Tölt steht immer mindestens ein Huf auf dem Boden. Es gibt keinen Moment, in dem das Pferd in der Luft ist.

Diese fehlende Schwebephase ist der Schlüssel zum Komfort. Beim Trab oder Galopp wird der Reiter nach oben geworfen und fällt zurück in den Sattel. Im Tölt passiert das nicht. Er sitzt ruhig.

Warum der Tölt so bequem ist

Ein Reiter im Trab muss aussitzen oder leichttraben, also bei jedem zweiten Tritt aufstehen. Im Galopp wird er mit dem Rhythmus durch den Sattel bewegt. Im Tölt sitzt er einfach, ohne mit dem Pferd auf und ab zu gehen. Bernhard Podlech: „Dadurch ist der Tölt so bequem und kann vom ganz langsamen Tempo bis ins schnelle Tempo geritten werden.“

Genau diese Spannweite macht den Tölt zur Sondergangart unter den Pferdegangarten. Schritt-Geschwindigkeit oder Galopp-Geschwindigkeit, beides geht. Und immer in der gleichen sitzenden Haltung.

Tempo-Spektrum

Der langsame Tölt liegt etwa beim Tempo eines flotten Schrittes. Etwa 7 bis 10 Kilometer pro Stunde. Der mittlere Tölt entspricht einem Trab-Tempo, also 12 bis 16 Kilometer pro Stunde. Der schnelle Tölt geht bis 30 Kilometer pro Stunde, in Spitzen darüber. Bernhard Podlech beschreibt die obere Grenze des Islandpferds: „Kann durchaus im Rennpass oder im Galopp bis fast 60 km/h erreichen.“ Im Tölt selbst ist die Höchstgeschwindigkeit etwas niedriger als im Galopp, aber bequemer zu reiten.

Welche Pferde tölten können

Tölt ist nicht erfunden, sondern gezüchtet. Genetisch verankert in bestimmten Rassen. Beim Islandpferd ist er Standard. Bei einigen anderen Rassen kommt er vor, bei den meisten nicht. Mehr unter Welche Pferde können tölten.

Auch beim Islandpferd ist nicht jedes Tier ein Spitzentölter. Die Veranlagung ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Manche Pferde tölten von Natur aus leicht, schon als Fohlen. Bei anderen ist mehr Ausbildungsarbeit nötig.

Vier- oder Fünfgänger

Bernhard Podlech weist auf eine wichtige Unterscheidung hin: „Es gibt Vier- und Fünfgänger, also Viergänger wäre ohne Pass und Fünfgänger mit Pass.“

Beide Typen tölten. Der Unterschied liegt im Pass. Fünfgänger beherrschen zusätzlich den Rennpass, eine sehr schnelle Gangart, die nur über kurze Strecken geritten wird. Viergänger tun das nicht. Sie haben Schritt, Trab, Galopp und Tölt. Das ist im Sport kein Nachteil, sondern eine eigene Disziplin. Mehr im Beitrag Islandpferde Gangart und Pferde Gangarten.

Tölt im Sport

Der Sport hat eigene Töltprüfungen. Das Pferd wird in unterschiedlichen Tempi vorgestellt, der Richter bewertet Takt, Versammlung, Rahmen, Ausstrahlung. Auf hohem Niveau geht es um Hundertstelpunkte.

Bernhard Podlech ist 2019 in Berlin Vize-Weltmeister im Tölt geworden. „Mein größter Erfolg ist der deutsche Meistertitel gewesen in der Tölt-Prüfung und auch der Vize-Weltmeister im Tölt-Preis“, sagt er. Geld gibt es im Islandpferdesport keines. „Wir haben jetzt im Islampferdesport keine Preisgelder, sondern da geht es um den Ruhm.“

Bernhard Podlech beschreibt den Sport als Teamsache. „Der Sport mit dem Pferd ist ein Teamsport, das kann man so sagen. Es geht nicht nur um einen selber, sondern der Partner muss auch mit dabei sein und mitmachen.“

Wie Reiter den Tölt lernen

Wer im Trab und Galopp zu Hause ist, muss umlernen. Statt aufstehen wie im leichten Trab oder rhythmisch mitschwingen wie im Galopp, sitzt der Reiter im Tölt einfach gerade da. Die Hüfte folgt dem Pferd, ohne aktiv mit zu gehen. Klingt einfach, fühlt sich am Anfang fremd an.

Bernhard Podlech beschreibt das Ausbildungsziel: „Sodass die Kommunikation immer feiner wird und das Pferd auf die kleinsten Hilfen reagiert, das macht einfach unheimlich Freude.“

Wichtig ist ein guter Reitlehrer, der die Töltmechanik kennt. Wer in einem normalen Reitstall startet, in dem nur Trab und Galopp gefragt sind, lernt den Tölt nicht. Es gibt spezialisierte Islandpferde-Reitschulen, die genau das anbieten. Mehr unter Islandpferde reiten und Reiten lernen.

Die Geschichte

Tölt ist nicht erfunden, sondern eine alte, bei Pferden weit verbreitete Anlage, die in den meisten Rassen verloren gegangen ist. Auf Island hat sich die Gangart in der Isolation der Insel erhalten und wurde gezielt weitergezüchtet. Ein Pferd, das tölt, war im Mittelalter und früher als Reisepferd hoch geschätzt, weil es lange Strecken bequem zurücklegt.

Bernhard Podlech beschreibt die Funktion des Pferdes in Island so: „Das Islampferd ist einfach aus der Zucht und aus der Geschichte heraus ein sehr starkes und robustes Pferd, weil es in Island das einzige Lastentier war oder die einzige Reisemöglichkeit war. Bis 1950 war es üblich, mit dem Pferd in Island zu reisen, weil da gab es noch nicht viele Straßen oder Autos.“ Tölt war auf Island Lebensqualität.

Tölt im Alltag

Wer Tölt nicht im Sport nutzt, profitiert trotzdem täglich davon. Lange Ausritte, Wanderritte, Reisen über Tage hinweg, all das wird mit Tölt entspannter. Auch Reiter mit Rückenproblemen finden im Tölt eine Möglichkeit, weiter zu reiten, wenn Trab und Galopp zu hart sind.

Bernhard Podlech: „Wenn man so ein Pferd hat und dann bei schönstem Wetter ausreiten gehen kann, dann gibt es eigentlich nichts Schöneres im Leben.“

Tölt, kurz zusammengefasst

Vierschlag-Gangart ohne Schwebephase. Bequem in jedem Tempo. Genetisch verankert beim Islandpferd, bei wenigen anderen Rassen ebenfalls. Der Hauptgrund, warum Menschen mit Islandpferden anfangen. Mehr unter Islandpferde Gangart und Pferde Geschwindigkeit.


Bernhard Podlech ist Pferdewirtschaftsmeister auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein und Vize-Weltmeister im Tölt 2019. Das ganze Gespräch mit Bernhard Podlech gibt es bei pekuu audiostories.