Im April und Mai zieht es Reiter und Pferde auf die Weide. Aber das frische Frühjahrsgras ist Risiko, kein Geschenk. Bernhard Podlech, der auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein bei Meidelstetten 140 Islandpferde stehen hat, kennt das Anweiden als jährliche Pflichtübung. Was Pferde Anweiden bedeutet und wie es richtig gemacht wird.
Warum überhaupt anweiden
Im Winter bekommen die meisten Pferde Heu. Heu ist trocken, faserreich, energiearm. Der Magen-Darm-Trakt ist auf diese Kost eingestellt. Die Darmflora hat sich an Heu, Wasser und vielleicht etwas Kraftfutter angepasst.
Im Frühjahr kommt das Gras. Frisches Gras ist nicht trocken, sondern feucht. Es hat einen hohen Gehalt an leicht verdaulichen Kohlenhydraten, vor allem Fruktan. Es enthält viele Eiweiße. Wer ein Pferd, das den Winter über Heu gefressen hat, plötzlich auf eine üppige Frühjahrsweide stellt, riskiert ernsthafte Erkrankungen.
Die zwei Hauptrisiken sind Hufrehe und Koliken. Hufrehe ist eine entzündliche Erkrankung der Huflederhaut, ausgelöst durch Stoffwechselüberlastung. Koliken sind Bauchschmerzen, oft durch fehlerhafte Verdauung. Beide können tödlich enden.
Die Anweide-Phase
Pferde Anweiden bedeutet, das Tier langsam an die Weide zu gewöhnen, über mehrere Wochen. So bekommt der Magen-Darm-Trakt Zeit, sich umzustellen.
Eine bewährte Vorgehensweise:
– Tag 1 bis 5: 15 Minuten Weide pro Tag
– Tag 6 bis 10: 30 Minuten pro Tag
– Tag 11 bis 15: 1 Stunde pro Tag
– Tag 16 bis 20: 2 Stunden pro Tag
– Tag 21 bis 25: 3 bis 4 Stunden pro Tag
– Ab Tag 26: allmählich auf ganztägige Weide steigern
Wichtig ist, das Pferd vor dem Weidegang Heu zu füttern. Ein satter Magen-Darm-Trakt verhindert, dass das Tier sich auf der Weide überfrisst.
Das Frühjahr auf dem Hof Hohenstein
Auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein ist der Frühjahrsstart Anfang Mai. Bernhard Podlech zu seinen Pferden: „Jetzt gehen sie dann Anfang Mai auf die Weide raus und wahrscheinlich Mitte Oktober wieder rein in den Stall.“ Der Übergang läuft schrittweise. Die Pferde sind Islandpferde, also robuste Stoffwechseltypen, die mit weniger Energie auskommen als die meisten Sportpferde. Trotzdem wird auch hier angeweidet.
Bei Islandpferden ist die Vorsicht beim Anweiden besonders wichtig. Sie sind genetisch auf karge Bedingungen eingestellt und reagieren auf zu viel Energie schneller mit Hufrehe als andere Rassen.
Welche Pferde besonders gefährdet sind
Manche Pferde brauchen mehr Vorsicht beim Anweiden als andere.
Übergewichtige Pferde. Bei Insulinresistenz oder EMS (Equines Metabolisches Syndrom) sind sie hochgradig anfällig für Hufrehe. Anweiden mit Maulkorb oder gar nicht.
Robuste Rassen. Islandpferde, Haflinger, Shetland-Ponys sind genetisch sparsam. Sie reagieren auf üppiges Gras schneller als Vollblüter oder Warmblüter.
Pferde mit früherer Hufrehe. Wer einmal Rehe hatte, ist lebenslang gefährdet.
Cushing-Pferde. Diese hormonelle Erkrankung erhöht das Hufrehe-Risiko erheblich.
Bei diesen Tieren ist Anweiden mit reduzierter Weidefläche, Maulkorb oder ganz ohne Frühjahrsweide angesagt. Im Zweifel beim Tierarzt nachfragen.
Was die Tageszeit ausmacht
Frisches Gras enthält tagsüber mehr Fruktan als nachts. Vor allem in den frühen Morgenstunden, nach kalten Nächten, ist die Fruktan-Konzentration besonders hoch. Pferde, die zum Anweiden auf eine empfindliche Frühjahrsweide kommen, sollten besser am späten Vormittag oder frühen Nachmittag dort sein, nicht morgens. Auch das Wetter spielt eine Rolle. An sonnigen Tagen nach kalten Nächten ist das Hufrehe-Risiko besonders hoch.
Frische Weide oder vom Vorjahr
Eine Weide, die im Vorjahr abgeerntet wurde und nun frisches Gras trägt, ist anders als eine, die den Winter über mit Heu nachfüttert hat oder gemulcht wurde. Wer Weiden im Wechsel führt, kann gezielt Flächen für das Anweiden nutzen, mit moderatem Gras-Aufwuchs.
Pferde Anweiden, kurz zusammengefasst
Im Frühjahr darf das Pferd nicht plötzlich auf die Weide. Über zwei bis vier Wochen wird die Weidezeit langsam gesteigert, beginnend mit 15 Minuten pro Tag. Heu vorher füttern, Tageszeit beachten, gefährdete Pferde zusätzlich schützen. Auf dem Hof Hohenstein wird traditionell Anfang Mai angeweidet, mit Vorsicht bei den robusten Islandpferden. Wer das Anweiden überspringt, riskiert Hufrehe und Koliken.
Mehr im Pillar Pferde Stall und unter Pferde Weide.
Bernhard Podlech betreibt das Islandpferdegestüt Hohenstein auf der Schwäbischen Alb. Das ganze Gespräch mit Bernhard Podlech gibt es bei pekuu audiostories.
