Die Frage spaltet seit Jahrzehnten die Reiterszene. Sind Isländer Pferde oder Ponys? Beim Stockmaß ein klarer Fall, beim Tragvermögen und beim Charakter völlig anders. Bernhard Podlech, der auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein bei Meidelstetten 140 Tiere stehen hat, lässt keinen Zweifel aufkommen.
Warum die Frage überhaupt aufkommt
Die Definition Pony oder Pferd läuft im Reitsport über das Stockmaß. Alles unter 1,48 Meter, gemessen am Widerrist, gilt offiziell als Pony. Alles darüber als Pferd. Das ist eine Vereinbarung, keine biologische Wahrheit. Gemeint ist sie für Sportprüfungen, Klasseneinteilung, Versicherungswesen.
Beim Islandpferd liegt das Stockmaß zwischen 1,35 und 1,50 Meter. Bernhard Podlech nennt diese Spanne im Gespräch direkt: „Ein Islandpferd ist von der Größe her so zwischen 1,35 Meter und 1,50 Meter.“ Damit liegt der Schnitt eindeutig im Pony-Bereich.
Warum heißt es dann Islandpferd und nicht Islandpony? Weil die Rasse selbst auf etwas anderes pocht.
Die Antwort der Isländer
Auf Island heißt das Tier seit über tausend Jahren Pferd. In der isländischen Sprache gibt es das Wort Pony für die einheimische Rasse nicht. Wer auf Island ein Islandpferd Pony nennt, erntet bestenfalls einen schiefen Blick. Die Rasse ist die einzige Pferderasse Islands, sie war über Jahrhunderte das einzige Reit- und Lasttier, sie hat eine genetische Geschichte, die aus Wikingerzeiten stammt.
Die offiziellen Zuchtverbände, allen voran die FEIF, der internationale Dachverband, führen die Rasse unter dem Namen Islandpferd. Daran hat sich die Reiterszene weltweit angepasst.
Was die Praxis sagt
Die spannende Antwort liegt in dem, was das Pferd tatsächlich kann. Bernhard Podlech beschreibt es so: „Trotzdem, dass es ein kleines Pferd ist, ein sehr kräftiges und robustes Pferd, das eben auch gut Erwachsene tragen kann.“
Ein klassisches Pony ist meistens ein Reittier für Kinder. Es trägt 30, vielleicht 40 Kilogramm. Ein Islandpferd trägt erwachsene Reiter. Faustregel im Reitsport sind 20 bis 25 Prozent des Körpergewichts des Pferdes. Bei einem 350-Kilogramm-Tier sind das 70 bis 90 Kilogramm Reiter mit Sattel. Das ist eine andere Liga als Pony-Reiten.
Hinzu kommt die Tatsache, dass Islandpferde eine ausgewachsene Reitsport-Disziplin tragen. Es gibt Welt- und Europameisterschaften. Bernhard Podlech ist 2019 in Berlin Vize-Weltmeister im Tölt geworden. Mit Pony-Reiten hat das nichts zu tun.
Körperbau, nicht nur Größe
Wer ein Islandpferd anschaut, sieht keinen Pony-Körperbau. Bernhard Podlech beschreibt das Zuchtideal: einen breiten, gut muskulösen Rücken, der nicht zu lang sein sollte. Eine starke Hinterhand. Kräftige Stämme und Gebeine. Diese Proportionen sind Pferd, nicht Pony. Sie sind nur kleiner skaliert.
Auch beim Verhalten zeigt sich das. Pferd-typische Eigenschaften wie Sensibilität, Spiegeln des Reiters, Reaktion auf feine Hilfen sind beim Islandpferd voll ausgeprägt. „Pferde sind einfach sehr sensible Tiere, die auch den Menschen eigentlich schnell spiegeln“, sagt Bernhard. Das gilt fürs Islandpferd genauso wie für ein Vollblut.
Was Bernhard Podlech dazu sagt
Im ganzen Gespräch nennt Bernhard die Tiere nicht ein einziges Mal Pony. Es heißt Islampferd, Pferd, Reitpferd, Sportpferd. Die Frage, ob Isländer Pferde oder Ponys sind, beantwortet sich beim Zuhören schon durch die Wortwahl.
Wenn man genau hinschaut, gibt es nur einen Punkt, an dem das Pony-Argument zieht. Im Sportprüfungs-Reglement, das ein striktes Stockmaß-System fährt. In der Praxis, im Stall, auf der Weide, im Gespräch unter Reitern, ist das Islandpferd ein Pferd. Weil es sich so verhält, so getragen wird, so respektiert wird.
Sind Isländer Pferde oder Ponys, kurz zusammengefasst
Nach Stockmaß sind sie Ponys. Nach Tragkraft, Körperbau, Charakter, Sportgeschichte und Selbstverständnis sind sie Pferde. Im Sprachgebrauch und in den Zuchtbüchern heißen sie Islandpferde. Das ist die offizielle und in der Praxis durchgesetzte Antwort. Wer sie Ponys nennt, wird in einem isländischen Reitstall darauf hingewiesen, dass dieses Wort hier nicht passt.
Mehr zum Thema unter Wie groß sind Islandpferde und im Vergleich verschiedener Pferderassen.
Bernhard Podlech ist Pferdewirtschaftsmeister auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein und züchtet Islandpferde mit drei Generationen Erfahrung. Das ganze Gespräch mit Bernhard Podlech gibt es bei pekuu audiostories.
