Rita Goller

Rita Goller: Die Schneckenbotschafterin der Schwäbischen Alb

Die Top 5 Zitate von Rita Goller

  1. „Hat man viele Weinbergschnecken im Garten, hat man fast keine Nacktschnecken. Man braucht dieses Gleichgewicht für einen echten Naturgarten.“ – Rita Goller

  2. „Eine Schnecke hat genauso Gefühle wie jedes andere Tier. Wenn man sich mit ihr befasst, lernt man, sich in sie hineinzudenken.“ – Rita Goller

  3. „Das ist ein Handwerk, das die Schnecke im tiefen Winterschlaf verarbeitet – das ist die absolut tierfreundlichste Art.“ – Rita Goller

  4. „Für mich ist es immer ein Erlebnis, wenn Kindergartengruppen kommen, wir Schneckenrennen machen und die Kinder ihre Vorurteile komplett abbauen.“ – Rita Goller

  5. „Es ist schade, dass bei uns so viel durch Vorschriften und Gutachten unterbunden wird, dass kleine regionale Initiativen oft aufgeben müssen.“ – Rita Goller

Von der historischen Handelstradition zur eigenen Schneckenfarm

Die Geschichte von Rita Goller und den Schnecken beginnt weit vor ihrer eigenen Zeit. Ihr Ur-Urgroßvater war ein traditioneller Schneckenhändler im Großen Lautertal. Aus historischen Dokumenten der Familie und alten Lagerbüchern der „Ulmer Schachteln“ (historische Boote auf der Donau) geht hervor, dass er jährlich bis zu 250.000 Weinbergschnecken in Holzfässern bis nach Wien und Budapest transportierte. Der Grund für die hohe Nachfrage? Schnecken galten im katholischen Glauben nicht als Fleisch und waren daher eine begehrte Speise für die Fastenzeit in den Klöstern.

Als Rita Goller Jahre später ihre Ausbildung zur Kulturlandschaftsführerin (Alb-Guide) absolvierte, stieß sie wieder auf dieses vergessene Handwerk. Fasziniert von der Historie und der Biologie des Tieres, beschloss sie, die Tradition wiederzubeleben. Gemeinsam mit ihrem Mann kaufte sie ein Grundstück in Rietheim (Münsingen) und baute ein großes Freilandgehege auf. Zu Spitzenzeiten beherbergte ihre Farm über 70.000 heimische Weinbergschnecken.

Helix Pomatia: Ein faszinierendes Wunder der Natur

Rita Goller hat sich bewusst gegen schnell wachsende Zuchtschnecken aus dem Süden (Helix aspersa) entschieden. Ihr Herz schlägt für die heimische Weinbergschnecke (Helix pomatia), die in Deutschland unter Naturschutz steht. Wer sich mit Rita Goller unterhält, taucht in die faszinierende Biologie dieser Tiere ein:

  • Der perfekte Winterschlaf: Wenn die ersten Nachtfröste im September kommen, baut die Weinbergschnecke innerhalb eines Tages einen harten Kalkdeckel (wie Tuffstein) und gräbt sich ein. Sie verschläft den Winter und wird nur geerntet, wenn sie sich im absoluten Tiefschlaf befindet – eine stress- und schmerzfreie Methode.

  • Langsame Reife: Im Gegensatz zu Turbo-Zuchtschnecken braucht die heimische Weinbergschnecke drei bis vier Jahre, um geschlechtsreif zu werden.

  • Ein romantisches Liebesleben: Als Zwitter können Weinbergschnecken sich gegenseitig befruchten. Das Liebesspiel, eingeleitet durch den Schuss eines sogenannten „Liebespfeils“, dauert oft über einen ganzen Tag. Anschließend gräbt die Schnecke eine kleine Bruthöhle und legt 20 bis 40 perlengroße Eier ab.

Der Garten-Mythos: Warum Weinbergschnecken Nützlinge sind

Viele Gartenbesitzer sehen Rot, wenn sie eine Schnecke in ihrem Beet entdecken. Rita Goller leistet hier wichtige Aufklärungsarbeit. Die Weinbergschnecke frisst nämlich keine frischen Pflanzen.

Sie bevorzugt welkes, leicht angesengtes Blattwerk und fungiert als natürliche „Gesundheitspolizei“ im Garten. Ihre Leibspeise sind welke Löwenzahnblätter, Gurkenschalen oder auch mal ein Stück Wassermelone. Der eigentliche Feind des frischen Salats ist die Nacktschnecke, die nachts aktiv wird. Rita Goller weiß: Wer viele Weinbergschnecken in seinem Naturgarten beheimatet, hält die Nacktschnecken-Population auf natürliche Weise in Schach.

Das Ende der großen Zucht – Ein Opfer der Bürokratie

Trotz des großen Erfolgs und der enormen Faszination der Besucher musste Rita Goller ihre gewerbliche Schneckenzucht während der Corona-Pandemie einstellen. Die Gastronomie als Hauptabnehmer brach weg.

Doch der eigentliche Todesstoß für das Projekt war die überbordende Bürokratie. Da Rita Goller keine klassische Landwirtin im Haupterwerb war, fielen für den Bau und den Erhalt der Zäune immense Auflagen an: Zeitlich befristete Baugenehmigungen, ständige neue Auflagen durch Naturschutz, Tierschutz und die Stabsstelle für Ernährungssicherheit sowie teure Gutachten machten einen wirtschaftlichen Betrieb auf Dauer unmöglich.

Die Schneckenbotschafterin: Bildungsarbeit für die nächste Generation

Auch wenn die kommerzielle Zucht beendet ist, hat Rita Goller der Schnecke nicht den Rücken gekehrt. In einem kleineren Schaubeet in Rietheim empfängt sie weiterhin Kindergärten, Schulklassen und interessierte Besucher.

Ihre Bildungsarbeit baut tiefe Vorurteile ab. Wenn sie mit Kindern Schneckenrennen veranstaltet, verfliegt der Ekel sofort. Die Kinder lernen, das Tier sanft zu behandeln, erfahren, wie leicht ein Schneckenhaus brechen kann, und entwickeln echten Respekt für die Natur. Zudem bietet sie im Freilichtmuseum Beuren das Bemalen von Schneckenhäuschen an – Aktionen, die sich bei den Kindern oft jahrelang ins Gedächtnis einprägen.

Heimat Schwäbische Alb: Ein Rückzugsort

Rita Gollers Leidenschaft für die Schnecke ist untrennbar mit ihrer Liebe zur Schwäbischen Alb verbunden. Das UNESCO-Biosphärengebiet bietet mit seiner rauen Schönheit, den tiefen Tälern und den weiten Ausblicken (wie von der Aussichtsplattform Gänsewag) eine einzigartige Artenvielfalt.

Hier, wo man beim Wandern noch absolute Stille finden kann, lehrt Rita Goller ihre Gäste, genau hinzuschauen. Denn oft sind es die kleinsten, langsamsten Bewohner unserer Landschaft, die die faszinierendsten Geschichten erzählen.