Es gibt Pferderassen, die mehr durch Tradition als durch echte Eigenheiten von anderen abgrenzbar sind. Beim Islandpferd ist das anders. Bernhard Podlech, der auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein bei Meidelstetten 140 Tiere stehen hat, kann eine Liste an Besonderheiten aufzählen, die sich nicht in andere Rassen übertragen lassen.
Fünf Gangarten statt drei
Das ist das bekannteste Merkmal. Während die meisten Pferderassen Schritt, Trab und Galopp beherrschen, kommen beim Islandpferd zwei Gangarten dazu. Der Tölt und beim Fünfgänger der Rennpass.
Bernhard Podlech erklärt den Tölt so: „Der Tölt, das kann man sich vorstellen, das ist eine sehr bequeme Gangart. Das ist sozusagen wie wenn das Pferd Schritt geht, nur dass es eben auch bis ins hohe Tempo diese Schrittfolge oder Fußfolge gehen kann.“ Das entscheidende Merkmal ist die fehlende Schwebephase. „Im Trab oder im Galopp hat man immer eine Schwebephase, also das Pferd verlässt immer kurz mit allen Vieren auch den Boden, und das ist im Tölt nicht der Fall.“
Der Rennpass ist die zweite Sondergangart. „Der Pass wird aber in hohem Tempo auf kurze Strecke geritten, also in einem Sprint sozusagen, auf möglichst viel Tempo, und eben auf 100 bis 200 Meter sowas als Sprint.“ Geschwindigkeiten von fast 60 km/h sind möglich. Mehr unter Islandpferde Gangart.
Dichtes Winterfell
Das Islandpferd ist gemacht für Wetter, das andere Pferde überfordert. „Es hat relativ viel Winterfell und kann dadurch auch problemlos bei ganz eisigen und kalten Temperaturen draußen sein“, sagt Bernhard. Im Winter wachsen lange, dichte Haare, die das Tier wie eine Decke einhüllen. Im Frühjahr werden sie abgeworfen, oft in dicken Büscheln.
Diese Anpassung kommt aus der Heimat. Auf Island gibt es keinen Winterschutz aus Stallungen oder Decken, die Pferde leben jahrhundertelang draußen. Das Fell ist die Lösung. Wer ein Islandpferd in Deutschland hält, muss nicht für den Winter aufrüsten. Das Tier macht das selbst.
Hohe Tragkraft
Trotz seiner kleinen Größe trägt das Islandpferd Erwachsene mühelos. Bernhard Podlech beschreibt das so: „Trotzdem, dass es ein kleines Pferd ist, ein sehr kräftiges und robustes Pferd, das eben auch gut Erwachsene tragen kann.“
Die Tragkraft erklärt sich über den Körperbau. Ein breiter, gut muskulösen Rücken, der nicht zu lang ist. Eine starke Hinterhand. Kräftige Stämme und Gebeine. Die Faustregel im Reitsport sind 20 bis 25 Prozent des Pferdegewichts als Tragelast. Bei einem 350-Kilogramm-Tier sind das bis zu 90 Kilogramm. Reichlich für die meisten Reiter inklusive Sattel.
Lange Lebenserwartung
Islandpferde werden alt. Im Schnitt 30 bis 35 Jahre, einzelne über 40. Das ist deutlich mehr als bei den meisten anderen Pferderassen. Mehr unter Wie alt werden Islandpferde.
Ein Grund liegt in der späten Reitausbildung. „Die Islandpferde werden erst mit vier Jahren eingeritten“, sagt Bernhard. Bei vielen anderen Rassen sitzt der Reiter schon mit drei. Die spätere Belastung gibt Knochen, Sehnen und Muskeln Zeit, sich zu entwickeln. Ein zweiter Grund ist die genetische Robustheit der Rasse, die seit über tausend Jahren auf Island isoliert gezüchtet wird.
Über 300 Farben
Während andere Rassen oft nur eine Handvoll erlaubter Farben im Zuchtbuch führen, geht das Islandpferd weit darüber hinaus. „Wir haben beim Isländer, also in Island, im Ursprungszuchtbuch sind über 300 eingetragene Farben“, sagt Bernhard. Die Isländer unterscheiden detaillierter. Heller Fuchs, dunkler Fuchs, Fuchs mit silberner Mähne, alles eigene Farbbezeichnungen. Mehr unter Pferde Farben und Pferde Fellfarben.
Robustheit und Genügsamkeit
Was die Haltung von Islandpferden einfach macht, ist ihre Anspruchslosigkeit beim Futter. Sie sind genetisch auf karge Bedingungen eingestellt. Wer zu energiereich füttert, schadet ihnen, sie werden anfällig für Stoffwechselprobleme. Mit gutem Heu und ausreichend Bewegung sind sie zufrieden.
„Es ist sehr trittsicher und hat raumgreifende Gänge oder Bewegungen“, beschreibt Bernhard. Trittsicherheit ist eines der Merkmale, die Islandpferde fürs Gelände prädestinieren. In schwierigem Terrain finden sie Tritte, wo andere Pferde stolpern.
Geschichte aus Wikingerzeit
Das Islandpferd ist nicht in der Neuzeit entstanden, sondern hat Wurzeln, die in die Wikinger-Besiedlung Islands zurückgehen. Seitdem ist die Rasse auf der Insel isoliert, kein anderes Pferd darf rein, ein einmal exportiertes Tier nicht zurück. Daraus ist eine genetisch sehr eigene Rasse geworden, ohne Einkreuzungen, mit klarem Stammbaum.
Bernhards Familie war an der Verbreitung in Deutschland früh beteiligt. Sein Großvater hat in den Fünfzigern die ersten Tiere importiert, sein Vater hat den Wiesenhof bei Karlsruhe als eines der größten deutschen Islandpferde-Gestüte geführt. Heute betreibt Bernhard Podlech die dritte Generation auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein.
Sportdisziplin mit eigenem Regelwerk
Für eine Pferderasse ist es eine Besonderheit, eine eigene Reitsport-Disziplin zu tragen. Beim Islandpferd ist das so. Es gibt Welt- und Europameisterschaften, eigene Töltprüfungen, Viergang- und Fünfgangprüfungen, Rennpassprüfungen. Bernhard Podlech ist 2019 in Berlin Vize-Weltmeister im Tölt geworden. Geld gibt es im Islandpferdesport keines. „Wir haben jetzt im Islampferdesport keine Preisgelder, sondern da geht es um den Ruhm.“
Vielseitigkeit
Wenn man alle Besonderheiten zusammennimmt, läuft es auf eine Eigenschaft hinaus, die Bernhard Podlech mit einem Satz fasst: „Ein Pferd, was man wirklich für ganz viele Sachen einsetzen kann.“ Familienpferd, Sportpferd, Wanderpferd, Geländepferd, Zuchttier. Das Islandpferd lässt sich in viele Rollen drücken, ohne dabei seine Identität zu verlieren.
Islandpferde Besonderheiten, kurz zusammengefasst
Fünf Gangarten, dichtes Winterfell, hohe Tragkraft trotz kleiner Größe, lange Lebenserwartung, über 300 anerkannte Farben, geringer Futterbedarf, eigene Sportdisziplin, Wikingerzeit-Geschichte, hohe Vielseitigkeit. Was das Islandpferd ausmacht, ist nicht ein einziger Punkt, sondern die Kombination. Diese Kombination findet man nicht bei anderen Rassen.
Mehr im Pillar Islandpferde und im Vergleich Pferderassen.
Bernhard Podlech ist Pferdewirtschaftsmeister auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein und züchtet Islandpferde in dritter Generation. Das ganze Gespräch mit Bernhard Podlech gibt es bei pekuu audiostories.
