Messermeister in Deutschland: was es heute heißt

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Als Janosch Vecernjes vierzehn war, reiste er mit seinem Vater im VW-Bus tausend Kilometer nach Ungarn. Das Ziel: ein Dorf nahe der serbischen Grenze, in dem ein Messermeister arbeitete, der in der Region einen Namen hatte. Seine Großmutter hatte dort ein Ferienhaus gekauft. Auf diesem Weg waren sie schließlich an den Meister geraten. Der Vater wollte, dass der Sohn bei ihm lernte. Die Antwort fiel kurz aus. Die Ausbildung werde nur von Generation zu Generation an den nächsten Auserwählten weitergegeben, und dieser Sohn sei nicht auserwählt.

So beginnt kein Karrierepfad. So beginnt eine Lehrzeit. Heute ist Vecernjes 42 und führt zusammen mit seinem Vater die Messermanufaktur albMesser auf der Schwäbischen Alb. Wie er Messermeister wurde, erzählt einiges darüber, warum das Wort in diesem Handwerk anders wiegt als in anderen.

Kein Meister ohne Schweigen

Der ungarische Meister nahm Vater und Sohn unter einer Bedingung auf. Vier Jahre später, und erst als der eigene Sohn des Meisters in die ungarische Jungkoch-Nationalmannschaft aufgenommen wurde und keine Zeit mehr für die Schmiede hatte, wurden die Geheimnisse weitergegeben. Das ganze Wissen, nach Jahrzehnten gehütet. Und es kamen klare Regeln dazu.

„20 plus“, sagte der Meister oft. Erst nach 20 Jahren eigener Praxis darf der Lehrling seinem Meister gegenüber den Mund aufmachen. Vorher schweigt er. Denn im Handwerk gilt für einen Messermeister etwas, das in der Schule nicht steht. „Janosch, du kommst aus Deutschland, du weißt immer alles besser“, sagte der Meister zu ihm, als Vecernjes als Jugendlicher vorschlug, die Nieten am Griff doch anders zu setzen. „Aber hast du jemals in deinem Leben schon mal komplett ein Messer ganz alleine mit deinen Händen gemacht, ohne Hilfe von irgendjemand anderem?“ Die Antwort war nein.

Dann kamen die Stufen. Vier Messer ganz alleine, und der Lehrling denkt ein wenig anders. 40 Messer, und der Blick verändert sich. „Wenn du 400 Messer in deinem Leben mit deinen Händen fertig hast, wirst du wissen, dass du zuvor immer ein Idiot warst.“ Das war keine Demütigung. Das war der Weg.

Warum ein Messermeister 10.000 Stunden braucht

Vecernjes rechnet inzwischen in Dimensionen, die außerhalb klassischer Ausbildungen liegen. Er schätzt, zwischen 28.000 und 30.000 Stunden in das Thema gesteckt zu haben. Er begann mit zwölf, an einer alten Schleifmaschine für Ledermesser im Garten eines Ferienhauses, von dem eine eigene Geschichte handelt: Salamander, Lurchi und ein Ferienhaus auf dem Treifelberg. Danach folgten Hobby, Leidenschaft, dann die Lehrzeit beim ungarischen Meister. Mit 22 kam der nächste Schritt. Vecernjes lernte einen berühmten Damaszenermeister kennen und ging erneut in die Lehre. Auch dort dauerte es Jahre, bis Vertrauen entstand.

„Es muss in dir drin brennen“, sagt er heute über den Prozess, in dem man zum Messermeister wird. „Es muss in dir drin brennen, dass es nachher im Schmiedefeuer brennen kann.“ Ohne das innere Feuer, glaubt er, gelingt das Handwerk nicht. Wer zum Meistertitel kommt, weil andere ihn gut finden oder weil Social Media es belohnt, erreicht das echte Meistertum nie. „Du brauchst eine intrinsische Motivation. Diese Motivation muss aus dir, aus deinem Innersten, von dir alleine kommen, damit du ein Meister werden kannst.“

Was ein Messermeister heute tut

In der Werkstatt in Hohenstein-Bernloch arbeitet Vecernjes zwischen einer alten Schmiede im Bauernhausmuseum und einem mehr als 80 Jahre alten Härteofen. Rund 60 Arbeitsschritte begleiten ein normales Kochmesser. Bei Damast sind es über 200. Jede Klinge geht durch seine Hände. Kein Rohling wird aus einer Fabrik zugekauft. Keine Maschine übernimmt ein Urteil.

Kunden, die zu ihm kommen, erleben das schnell. Bevor eine Klinge gefertigt wird, redet Vecernjes eine halbe Stunde mit dem zukünftigen Besitzer. Kochgewohnheiten, Hand, Anspruch. Dann kommt der eigentliche Test. Er legt drei oder vier Klingen auf den Tisch und sagt: schneide. „Sobald die schneiden, sehe ich innerhalb von fünf Minuten, welche Klinge, welche Ausführung, welcher Stahl, welcher Schliff für denjenigen das Beste ist. Und das passt zu 100 Prozent immer.“

Das ist die praktische Seite des Meistertums. Die Hand weiß, bevor der Mund etwas formulieren kann. Die vielen Tausend Arbeitsstunden haben nicht nur Wissen erzeugt, sondern Instinkt.

Was der Titel am Ende trägt

Der eigene Meister hat Vecernjes nach der Einweihung noch eine Regel mitgegeben. Wer bei ihm lernen und das Handwerk übernehmen will, muss sieben Jahre lang ausgebildet werden, bevor er das erste Messer selbst baut. Und am Ende muss die Prüfung in Ungarn abgelegt werden. Nicht in Deutschland. Nicht in einer Industrie- und Handelskammer. Im Dorf des alten Meisters, der überprüft, ob das Wissen angekommen ist.

Bei Vecernjes selbst hat das dazu geführt, dass er sich selten so nennt, wie andere ihn nennen. „Ich bin nicht der beste Schmied“, sagt er in einem Interview, in dem jemand ihn genau so bezeichnen wollte. „Es gibt ganz viele Kunstschmiede und ganz viele tolle Schmiede auf der Welt.“ Sein eigener Anspruch sitzt nicht im Titel. Er sitzt in der Arbeit, die jeden Tag danebenstehen und sagen könnte: heute kannst du es besser. Morgen auch. Mehr zu dieser Haltung und zu der Frage, welche Handwerksberufe überhaupt Zukunft haben, in einem eigenen Text.

Ein Messermeister in Deutschland ist damit kein Abschluss, sondern eine Haltung. Sie wird weitergereicht, nicht verliehen. Und sie bleibt lernend, solange die Hand zuckt, wenn der Funke fliegt.