Es gibt einen Satz, den Janosch Vecernjes von seinem Meister in Ungarn bekommen hat und den er heute an jeden weitergibt, der ihn fragt, wie man seine Berufung findet. Der Satz lautet: „Mach 10.000 Stunden Messer, um zu merken, ob es deine Bestimmung ist.“ Er ist hart. Er ist unbequem. Und er ist nach Jahren das Konkreteste, was Vecernjes dazu zu sagen hat.
Vecernjes ist 42 und führt auf der Schwäbischen Alb die Messermanufaktur albMesser. Er hat für seine Berufung zwei Karrieren durchlaufen. Die erste endete in einem Sommer 2008 in Ungarn, als er entschied, den sicheren Finanzberuf auf dem Wirtschaftsgymnasium Reutlingen und den damit verbundenen Weg zum Investmentfachmann aufzugeben. Die zweite, das Messermachen, begann damit, dass er mit zwölf Jahren an einer alten Lederschleifmaschine im Garten eines Ferienhauses stand. Ob das nun Berufung war oder nicht, das wurde ihm erst nach Jahren und vielen Stunden klar.
Warum 10.000 Stunden das Minimum sind
Der Meister in Ungarn, bei dem Vecernjes mit 14 Jahren begonnen hatte, stellte hohe Anforderungen. Vier Jahre lang gab er überhaupt keinen Lehrstoff heraus, weil die Familie Vecernjes in seinen Augen noch nicht „auserwählt“ war, um die Familiengeheimnisse zu empfangen. Erst später wurde Vater und Sohn der Zutritt zur Werkstatt gewährt, und dann kamen die Regeln. Eine davon war: 10.000 Stunden praktische Arbeit, dann darfst du überhaupt eine Stimme in diesem Handwerk haben.
Warum diese Zahl? Der Meister hat sie Vecernjes nicht erklärt. Sie war für ihn einfach der Maßstab, ab dem aus Interesse eine ernstzunehmende Tätigkeit wurde. Zehntausend Stunden sind bei einer Tätigkeit von 20 Stunden pro Woche rund zehn Jahre. Bei einer Vollzeittätigkeit mit 40 Stunden pro Woche etwa fünf Jahre. In beiden Fällen ist das ein langer Atem. Wer das aushält, hat seine Berufung gefunden, sagt der Meister. Wer es nicht schafft, hat etwas über sich gelernt, was er sonst nie gewusst hätte.
Warum Berufung nicht am Anfang steht
Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass man seine Berufung in einem Moment findet. Ein Gefühl, ein Impuls, ein magischer Zufall. Vecernjes sieht das anders. Er beschreibt Berufung als etwas, das sich im Tun zeigt. Nicht am ersten Tag. Nicht in der ersten Woche. Oft nicht im ersten Jahr. Manchmal erst, wenn der eigene Körper schon mehrere Tausend Stunden mit dem Handwerk verbracht hat und die Hand weiß, was der Kopf noch überlegt. Der Unterschied zwischen „ich mag das“ und „das ist meine Bestimmung“ ist nicht intellektueller Natur, sondern praktischer.
„Die Bestimmung ist auch, um wirklich zu sagen: Ja, das ist meine Bestimmung, das macht mir auch noch Spaß, wenn es mal wieder eine Durststrecke gibt“, sagt Vecernjes. Die Durststrecken kamen bei ihm ab dem Moment, in dem er den Finanzberuf hinter sich ließ. Bis 2012 war die Zeit hart. Es war kaum möglich, die private Krankenversicherung zu zahlen. Viele hätten an dieser Stelle aufgegeben und wären in den alten Job zurück. Vecernjes hat durchgehalten, weil er nach 15 Jahren Messerpraxis wusste, dass das seine Bestimmung war.
Was die intrinsische Motivation ausmacht
Ein zentraler Begriff in allem, was Vecernjes zu Berufung sagt, ist die intrinsische Motivation. Er meint damit den Antrieb, der nicht von außen kommt, sondern aus dem Menschen selbst. „Du brauchst eine intrinsische Motivation. Diese Motivation muss aus dir, aus deinem Innersten, von dir alleine kommen, damit du ein Meister werden kannst.“ Und ein paar Sätze später: „Wenn du nur extrinsische Motivation hast, ja dann mache ich es, weil die anderen es gut finden, dann weißt du, dass du keine Meisterschaft erreichen wirst, weil der Weg, an solchen Dingen zu scheitern, wird so groß werden, dass du das gar nicht überleben kannst.“
Wer seine Berufung aus extrinsischen Gründen wählt, ist deshalb gefährdet. Wenn die Anerkennung wegbricht, das soziale Feedback leiser wird, der öffentliche Erfolg verzögert, dann fehlt der Treibstoff. Intrinsische Motivation dagegen arbeitet weiter, auch wenn niemand zuschaut. Sie macht Unterschiede wie den, dass Vecernjes mit 26 albMesser gründete und dabei in seinem Dorf vermutlich anfangs ausgelacht wurde. Ein promovierter Investmentfachmann, der jetzt mit dem Hammer auf Stahl schlägt.
Wie man seine Berufung finden kann
Wer sich fragt, wie man seine Berufung finden kann, bekommt von Vecernjes eine einfache Anweisung, die unbequem ist. Such dir eine Tätigkeit, die dich trägt, auch wenn niemand zuschaut. Steck 10.000 Stunden rein. Wenn du danach noch Freude dran hast, ist es deine Bestimmung. Wenn nicht, hast du immer noch 10.000 Stunden an Erfahrung gewonnen, die dich anderswo weiterbringt. Dieses Prinzip setzt den gleichen Maßstab wie der Unterschied zwischen Leidenschaft und Beruf.
Er ergänzt diese Haltung mit einem Satz, der auf einem Friedhof landet. „Ich möchte nicht der reichste auf dem Friedhof sein, sondern ich möchte der glücklichste sein.“ Glück definiert Vecernjes dabei nicht über Ergebnisse, sondern über den Weg. Über die Stunden, in denen er in seiner Schmiede steht und das tut, wofür er geboren ist. Wer seine Berufung finden will, sagt Vecernjes, darf nicht das fertige Ergebnis suchen. Er muss die Arbeit suchen, die ihn auch dann trägt, wenn sie schwer ist. Den systemischen Blick darauf, wie sich das mit der Zukunft des Handwerks verträgt, gibt es in einem eigenen Text.