Leidenschaft und Beruf: was beide voneinander unterscheidet

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Zwischen Leidenschaft und Beruf gibt es einen Unterschied, den viele erst spät im Leben erkennen. Die Leidenschaft erlaubt sich Pausen. Der Beruf nicht. Die Leidenschaft darf Stimmungen haben. Der Beruf liefert, auch wenn die Stimmung nicht passt. Janosch Vecernjes, der auf der Schwäbischen Alb Messer baut, kennt beide Seiten. Er hat sein Handwerk zuerst als Leidenschaft kennengelernt und später zum Beruf gemacht. Und er hat in den Jahren dazwischen viele Lektionen gelernt, die für jeden gelten, der beides verbinden möchte.

Mit zwölf Jahren stand er zum ersten Mal an einer alten Schleifmaschine. Das war Leidenschaft. Mit 26 gründete er die Manufaktur albMesser. Das wurde Beruf. Und irgendwo dazwischen liegen die Lektionen, die er heute an jeden weitergibt, der vor derselben Entscheidung steht.

Leidenschaft ist frei, Beruf ist verbindlich

Als Vecernjes noch im Finanzsektor arbeitete, war das Messermachen seine Freizeit. Er konnte nach Feierabend in die Werkstatt gehen, drei Stunden schmieden, dann wieder zurück ins Büro. Wenn etwas nicht klappte, war es ärgerlich, aber kein Desaster. Er hatte ein Gehalt, das ihn trug. Die Leidenschaft war ein Ventil, eine Erfüllung, ein Gegengewicht zum Alltag.

Als er im Sommer 2008 bei einem Aufenthalt bei seinem ungarischen Messermeister die Entscheidung traf, den Finanzberuf aufzugeben, wurde alles anders. Plötzlich musste das Messermachen ihn ernähren. Er musste jeden Tag in die Werkstatt, auch wenn der Kopf nicht mitmachte. Er musste Bestellungen liefern, auch wenn die Inspiration fehlte. Er musste sich auf einen Ofen verlassen, den er selbst gebaut hatte, in einem Gebäude, das er selbst gemietet hatte.

Bis 2012 war das hart. Vecernjes erzählt heute offen, dass er in dieser Zeit nicht immer seine private Krankenversicherung zahlen konnte. „Das war schon zum Teil eine extreme Durststrecke“, sagt er. Das war der Punkt, an dem aus Leidenschaft Beruf wurde. Und viele Menschen scheitern genau dort. Nicht weil sie ihre Leidenschaft verlieren, sondern weil sie die Transformation nicht aushalten. Wie das für die Suche nach der eigenen Berufung aussieht, habe ich in einem eigenen Text beschrieben.

Warum der Maßstab sich verändert

In der Leidenschaft arbeitet man mit dem eigenen Maßstab. Ein Messer, das die Familie schön findet, reicht. Im Beruf gibt es einen externen Maßstab. Das Messer muss einem Sternekoch standhalten, der es jeden Tag acht Stunden benutzt. Es muss elf Monate später nach der Herstellung noch die gleiche Qualität liefern wie am Tag der Übergabe. Es muss in einem Markt bestehen, in dem andere Messer zwischen 30 und 3000 Euro kosten.

Vecernjes sagt dazu: „In jedem Messer versuche ich das Bestmögliche reinzustecken und das dann so rauszugeben, wie wenn ich dann danach mit diesem Messer jeden Tag kochen müsste.“ Das ist ein Maßstab, den Leidenschaft nicht aushält. Leidenschaft schneidet ab und zu. Beruf schneidet jeden Tag. Und wer im Beruf steht, muss dafür sorgen, dass das Messer jeden Tag funktioniert.

Wann die Leidenschaft dem Beruf hilft

Obwohl Leidenschaft und Beruf unterschiedlich funktionieren, sind sie miteinander verbunden. Bei Vecernjes ist es die Leidenschaft, die seinen Beruf trägt, wenn es schwer wird. Wenn eine Bestellung nicht gelingen will, wenn eine Klinge wegen eines Fehlers im Stahl ausgeschieden werden muss, wenn ein Tag nicht vorankommt, dann rettet ihn nicht der Kalkulationsbescheid, sondern die Begeisterung, die ihn mit zwölf an die Schleifmaschine getragen hat.

Sein Meister hat es ihm einmal so gesagt: Er werde nach vielen Tausend Stunden merken, dass die Bestimmung darin liegt, den Beruf auch in den Durststrecken weiterzumachen. „Die Bestimmung ist auch, um wirklich zu sagen: Ja, das ist meine Bestimmung, das macht mir auch noch Spaß, wenn es mal wieder eine Durststrecke gibt.“ Leidenschaft ohne Beruf ist ein schöner Zustand. Beruf ohne Leidenschaft ist ein schmerzhafter Zustand. Beides zusammen ist das, was Vecernjes als Berufung bezeichnet.

Was viele falsch verstehen

Ein häufiges Missverständnis ist, dass Leidenschaft automatisch zu einem guten Beruf wird, wenn man sie nur stark genug empfindet. Vecernjes warnt davor. Er kennt Menschen, die ihren Hobbyberuf ergriffen haben und daran zerbrochen sind. Die Leidenschaft wurde durch den täglichen Druck erstickt. Das Gegenmittel, das er beschreibt, ist eine intrinsische Motivation, die tiefer geht als Stimmung. „Es muss in dir drin brennen, dass es nachher im Schmiedefeuer brennen kann.“

Ein Beruf hat nicht immer Feuer. Manchmal ist er zäh, bürokratisch, enttäuschend. Genau dann hilft die tiefere Ebene, die nicht von der aktuellen Stimmung abhängt. Bei Vecernjes ist das die Herkunft aus zwei Messermacherfamilien, die Lehre bei zwei Meistern, die rund 28.000 bis 30.000 Stunden eigener Arbeit und das Wissen, dass jede einzelne Klinge, die er baut, in einer direkten Linie zu seinem Großvater steht, der als Schmied im Krieg überlebt hat.

Das Modell für andere

Wer Leidenschaft und Beruf zusammenbringen will, kann von Vecernjes einen praktischen Rat mitnehmen. Fang mit der Leidenschaft an. Lass sie wachsen. Mach viele Stunden, ohne dass jemand dich dafür bezahlt. Schau, ob die Tätigkeit dich auch ohne Publikum trägt. Wenn ja, und nur wenn ja, kannst du versuchen, daraus einen Beruf zu machen. Wenn nein, genieße die Leidenschaft weiter und such dir einen anderen Beruf. Beides ist ein Gewinn.

Die Alb lehrt solche Sätze besonders gut. Der Wind ist ehrlich. Die Wege sind lang. Und ein Messermacher, der seit über zwei Jahrzehnten im Handwerk steht, sagt ohne Umschweife: Leidenschaft ist schön. Beruf ist schwer. Beides zusammen ist, was das Leben trägt.