Das Wirtschaftsgymnasium Reutlingen ist eine der traditionsreichen beruflichen Schulen in Württemberg. Es bereitet Schülerinnen und Schüler auf kaufmännische Berufe vor und führt in drei Jahren zum Abitur mit wirtschaftlichem Schwerpunkt. Die Lehrpläne umfassen Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Rechnungswesen, oft auch Finanzmärkte. Wer dort das Abitur macht, landet meistens in Banken, in Steuerkanzleien, in Unternehmensberatungen oder in der Industrie.
Ein Schüler der Jahrgänge um 2000 landete anderswo. Sein Name ist Janosch Vecernjes, und heute ist er Messermacher in Hohenstein-Bernloch auf der Schwäbischen Alb. Wie ein Absolvent des Wirtschaftsgymnasiums Reutlingen in einer Werkstatt endet, in der er per Hand Klingen für Sterneköche in Dubai schmiedet, ist eine Geschichte über Berufswahl, Finanzwissen und den Mut, gegen eine erfolgreich angefangene Karriere umzusteuern.
Warum das Wirtschaftsgymnasium
Vecernjes‘ Leidenschaft für die Finanzwelt begann früh. „Mit 14 habe ich Capital abonniert“, sagt er. „Zu Weihnachten wollte ich die aktuelle Hörzu und die aktuelle Capital unterm Weihnachtsbaum haben.“ Capital ist ein deutsches Wirtschaftsmagazin, das sich vor allem an Anleger und Unternehmer richtet. Für einen 14-Jährigen auf der Schwäbischen Alb war das eine ungewöhnliche Lektüre.
Das Wirtschaftsgymnasium Reutlingen lag damit nahe. Die Schule bot genau die Inhalte, die Vecernjes faszinierten. „Habe auch mein Abi in der Wirtschaftsschule gemacht“, sagt er. Nach dem Abitur folgten die Zertifizierungen, die in der Finanzwelt gebräuchlich sind. Bank- und Versicherungsfachmann, Versicherungskaufmann, und schließlich die Anerkennung als zertifizierter Investmentfachmann. Mit Anfang zwanzig hatte Vecernjes eine Karriere aufgebaut, die ihm Türen öffnete.
Die parallele Leidenschaft
Während Vecernjes seine Finanzkarriere vorantrieb, lief im Hintergrund eine andere Entwicklung. Mit zwölf hatte er an einer alten Lederschleifmaschine im Ferienhaus der Firma Salamander-Schuhe auf dem Treifelberg seine ersten Messer geschliffen. Mit vierzehn hatte er den ungarischen Messermeister kennengelernt. Mit achtzehn war er eingeweiht worden. Mit 22 ging er in die Damaskener-Lehre.
Die beiden Welten koexistierten einige Jahre. Tagsüber Finanzberuf, abends oder am Wochenende Schmiede. Das funktionierte, aber es wurde enger. Wer zwischen zwei Lebensentwürfen pendelt, muss irgendwann entscheiden. Bei Vecernjes kam diese Entscheidung in einem Sommer 2008 in Ungarn.
Die Entscheidung
Er war bei seinem Messermeister, wie jeden Sommer. Es war heiß, gegen Mittag. Er saß mit dem Meister und dessen Kochlehrling, seinem eigenen Sohn, auf einer Bank vor der Schmiede. Er schaute in die Landschaft. Und in diesem Moment wurde klar, dass er sein bisheriges Leben nicht mehr führen wollte. „Ich muss Messermacher werden, ich mache einfach das, was meine Bestimmung ist.“
Die Rückkehr nach Deutschland bedeutete den Bruch. Vecernjes verließ den Finanzberuf. Er kündigte seine Positionen, gab seine Praxis als Investmentfachmann auf und begann, das Messermachen in Vollzeit zu betreiben. Die ersten Jahre waren finanziell hart. „Bis 2012 teilweise nicht mal meine private Krankenversicherung bezahlen können“, erzählt er. Für jemanden, der gerade noch mit Anlageportfolios anderer Menschen gearbeitet hatte, war das eine dramatische Veränderung.
Was das Wirtschaftsgymnasium trotzdem bedeutet
Man könnte meinen, dass das Wirtschaftsgymnasium Reutlingen für Vecernjes rückwirkend eine Sackgasse war. So sieht er es aber nicht. Die kaufmännische Ausbildung hat ihm viele Fähigkeiten gegeben, die er in der heutigen Manufaktur braucht. Vecernjes macht seine Buchhaltung selbst. Er verhandelt mit Kunden über Preise. Er kalkuliert Materialkosten und Arbeitsstunden. Er versteht die steuerlichen Konsequenzen verschiedener Unternehmensformen. Jemand, der nur Handwerk gelernt hat, muss sich diese Dinge mühsam aneignen. Für Vecernjes sind sie Routine. Die Unterschiede zwischen Leidenschaft und Beruf, die er aus diesem Wechsel kennt, hat er in einem eigenen Text beschrieben.
Er formuliert das Konzept heute als Berufung, die nicht nur aus einem inneren Gefühl besteht. „Die Bestimmung ist auch, um wirklich zu sagen: Ja, das ist meine Bestimmung, das macht mir auch noch Spaß, wenn es mal wieder eine Durststrecke gibt.“ Ohne die kaufmännische Grundausbildung hätte er die Durststrecke bis 2012 wahrscheinlich nicht durchgestanden. Ohne die Schmiedelehre hätte er aber nie den Grund gehabt, die Finanzkarriere überhaupt zu verlassen. Beides gehört zusammen.
Was andere daraus lernen können
Die Geschichte von Vecernjes ist ungewöhnlich, aber nicht einzigartig. Es gibt Menschen, die ihr Wirtschaftsgymnasium absolviert haben, die Finanzkarriere begonnen haben, und irgendwann festgestellt haben, dass ihr Leben in eine andere Richtung will. Der Weg zurück in ein Handwerk ist dabei oft schwer. Der Übergang ist finanziell riskant. Soziales Umfeld reagiert oft mit Unverständnis.
Vecernjes macht seinen Kunden und Zuhörern dabei keinen Mut um des Muthens willen. Er sagt klar, dass der Wechsel Durststrecken bringt, die nicht jeder aushält. Er sagt auch, dass intrinsische Motivation dabei die entscheidende Voraussetzung ist. „Du brauchst eine intrinsische Motivation. Diese Motivation muss aus dir, aus deinem Innersten, von dir alleine kommen, damit du ein Meister werden kannst.“ Wer einen Wechsel nur macht, weil er gerade populär ist, wird daran zerbrechen. Wer ihn macht, weil er nach vielen Jahren merkt, dass seine Bestimmung anderswo liegt, hat eine Chance.
Vecernjes selbst wirkt heute ruhig und geerdet. Die Werkstatt in Bernloch, die Familiengründung, das zweite Kind. Er ist angekommen. Das Wirtschaftsgymnasium Reutlingen ist für ihn ein Teil seiner Biographie, kein Bruch. Er hat sie zwischen den Hämmern nicht vergessen. Sie ist im Hintergrund weiter da. Und sie hilft ihm jeden Tag.