Tiere brauchen die Höhle nicht. Sie nutzen sie.
Das ist die nüchterne Korrektur eines romantischen Bilds. Alexander Schneider, Vorstand im Höhlen- und Heimatverein Laichingen, sagt es ohne Pathos: „Die Tiere brauchen die Höhle nicht als Lebensraum, die nutzen ihn nur temporär.“
Dieser eine Satz erklärt, warum Höhlenfauna eine andere Logik hat als die Tierwelt im Wald oder auf der Wiese. In einer Höhle gibt es kein Sonnenlicht, keine Pflanzen außer am Eingangsbereich oder bei künstlicher Beleuchtung, kaum Nahrung, ständig kühle Temperaturen. Wer hier lebt, lebt entweder kurzzeitig oder ist hochspezialisiert.
Fledermäuse als Winterschläfer
Die bekanntesten Höhlennutzer auf der Schwäbischen Alb sind Fledermäuse. Sie nutzen Höhlen als Winterquartier. Schneider beschreibt es: „Fledermäuse suchen Höhlen gerne als Winterquartier auf, denn Fledermäuse halten einen Winterschlaf. Und diese beim Schlafen sozusagen nicht zu stören, nicht ihren Kreislauf anzukurbeln, sind eben die Höhlen in Deutschland von November bis Anfang April gesperrt.“
Eine schlafende Fledermaus fährt ihren Stoffwechsel auf ein Minimum herunter. Atemfrequenz und Herzschlag verlangsamen sich extrem. Die Körpertemperatur sinkt nahe Umgebungstemperatur. So überlebt das Tier den Winter, in dem keine Insekten als Nahrung verfügbar sind, fast nur von seinen Fettreserven.
Was passiert, wenn so eine Fledermaus geweckt wird? Ihr Kreislauf fährt hoch. Das verbraucht enorm viel Energie, gemessen in Tagen bis Wochen normaler Aktivität. Wer eine schlafende Fledermaus mehrmals weckt, kann sie töten, weil ihre Reserven nicht ausreichen.
Deshalb sind Schauhöhlen in Deutschland von November bis Anfang April geschlossen. Mehr zu den Öffnungszeiten der Tiefenhöhle und ihrer Verbindung zum Fledermausschutz.
Welche Arten in Alb-Höhlen überwintern
In Höhlen auf der Schwäbischen Alb überwintern verschiedene Fledermausarten. Häufig vertreten sind Mausohren (Myotis myotis), eine der größeren mitteleuropäischen Arten. Außerdem Mopsfledermäuse, Wasserfledermäuse, Bartfledermäuse und einige seltenere Arten.
Welche Fledermäuse genau in welcher Höhle leben, schwankt von Jahr zu Jahr. Bestandserhebungen werden von Fledermausschutz-Beauftragten und Wissenschaftlern durchgeführt, meist im Winter, mit minimaler Störung. Eine systematische Begehung mit gedämpftem Licht reicht oft, um die Tiere zu zählen und die Arten zu bestimmen.
Was Fledermäuse im Sommer machen
Im Sommer sind Höhlen für Fledermäuse weniger wichtig. Sie haben dann Wochenstuben in Dachstühlen, Baumhöhlen oder anderen Quartieren, in denen sie ihre Jungen aufziehen. Höhlen sind im Sommer höchstens Übernachtungs-Plätze oder Rückzugsorte bei schlechtem Wetter.
Erst wenn die Temperaturen sinken und Insekten knapper werden, suchen Fledermäuse wieder Höhlen auf. In der Zeit von Oktober bis November ziehen sie ein, halten Winterschlaf, fliegen ab März wieder aus, je nach Wetter und Außentemperatur.
Andere Höhlentiere
Fledermäuse sind nicht die einzigen Höhlennutzer. Es gibt weitere Tiergruppen, die in oder am Rand von Höhlen leben.
Höhlenkrebse und kleine Krebstierchen leben oft in den Wasserwegen unter Höhlen. Sie sind oft farblos und blind, weil sie kein Licht brauchen. Auf der Schwäbischen Alb sind diese Lebewesen meist nicht direkt sichtbar, weil sie in den wassergefüllten Bereichen unterhalb der zugänglichen Höhlen leben.
Höhlenspinnen sind in den meisten zugänglichen Höhlen vorhanden. Sie sind klein, oft hellbraun gefärbt, und ernähren sich von anderen Höhleninsekten oder Insekten, die in die Höhle hineingeflogen sind.
Insekten kommen vor allem in der Nähe des Eingangsbereichs vor. Schmetterlinge, Käfer und Spinnen finden hier ihren Lebensraum, weil noch genug Licht und Außenluft vorhanden ist, aber gleichzeitig die geschützte Höhlentemperatur die Überwinterung erleichtert.
Lampenflora als künstlicher Lebensraum
Eine besondere Form von Höhlen-Biologie entsteht erst durch den Menschen. Schneider beschreibt sie: „In der Höhle gibt es normalerweise keine Pflanzen außer am Eingangsbereich oder eben in künstlich beleuchteten Höhlen wie zum Beispiel in der Schauhöhle. Da gibt es die sogenannte Lampenflora, das heißt überall dort wo Lampen angebracht sind, können sich auch Moose, Ferne oder Algen bilden.“
In einer ungestörten Höhle ohne künstliches Licht wachsen keine Pflanzen, weil Photosynthese ohne Licht nicht möglich ist. In einer Schauhöhle mit installierter Beleuchtung verändert sich das. Wo die Lampen leuchten, bekommen Moose, Algen oder Farne Licht. Wo Wasser sickert oder die Luftfeuchtigkeit hoch ist, finden sie auch Wasser. Wo organisches Material verfügbar ist (von Besuchern eingebracht oder von Luftströmungen mitgenommen), finden sie Nährstoffe.
So entsteht in jeder Schauhöhle nach einigen Jahren eine Lampenflora. Sie ist nicht erwünscht. Sie verdeckt die natürliche Geologie und kann auf Dauer auch Tropfsteine angreifen. Mehr dazu im Artikel zur Lampenflora in Schauhöhlen.
Wie Schauhöhlen mit dem Naturschutz umgehen
Der Höhlen- und Heimatverein Laichingen berücksichtigt den Naturschutz in seinem Betrieb. Die Saison-Sperrung von November bis Anfang April ist Ausdruck davon. Mehr zur Saisongestaltung.
Außerdem gibt es konzeptionelle Regeln. Beleuchtung wird so gewählt, dass sie die Lampenflora möglichst wenig fördert. Wege sind so angelegt, dass Besucher nicht in besonders empfindliche Bereiche vordringen können. Die Audioguide-Stationen sind so platziert, dass sich keine Menschen in der Nähe von Fledermaus-Schlafplätzen versammeln müssen.
Wer auf der Alb in eine Schauhöhle geht, geht in ein System, in dem Tourismus und Naturschutz austariert wurden. Das funktioniert, weil die Saison-Sperrung Fledermäusen den Winter gibt und die Schautechnik so gestaltet ist, dass sie tagsüber die Höhlen-Biologie möglichst wenig beeinflusst.
Warum Forscher trotzdem in Höhlen gehen
Höhlenforscher betreten auch unausgebaute Höhlen, in denen Tiere leben. Wie ist das mit dem Naturschutz vereinbar?
Antwort: durch Zurückhaltung und Wissen. Wer in der Höhle ist, weiß, welche Bereiche zu meiden sind. Wo Fledermäuse hängen, geht man nicht hin, vor allem nicht im Winter. Wo seltene Insekten oder Krebse zu finden sind, wird die Beobachtung kurz gehalten. Höhlenforschung ist Forschung. Sie zielt auf Erkenntnis, nicht auf Tourismus.
In wissenschaftlichen Studien werden auch Höhlenforscher zur Bestandserhebung von Fledermäusen eingesetzt. Wer Erfahrung hat, kann unter minimaler Störung Daten erheben, die zum Schutz der Tiere beitragen.
Was bleibt
Höhlen sind nicht Tierreiche im klassischen Sinn. Sie sind Refugien für spezialisierte Nutzer, die sie zu bestimmten Zeiten für bestimmte Zwecke aufsuchen. Fledermäuse im Winter. Kleine Krebse im Wasser. Spinnen das ganze Jahr in begrenzten Bereichen.
Wer eine Höhle besucht, sollte das wissen. Die meisten Tiere, die sich hier aufhalten, sind kaum sichtbar. Aber sie sind da, sie sind oft selten, und ihr Schutz ist Voraussetzung dafür, dass Höhlen-Tourismus überhaupt langfristig funktionieren kann.
Mehr zur Lampenflora, zur Saisongestaltung und zur Tiefenhöhle im Podcast mit Alexander Schneider.
