Blaupließten: die fast vergessene Solinger Schleifkunst

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Das Wort Blaupließten hat heute kaum noch jemand gehört. Selbst in der Klingenstadt Solingen kennen es vor allem noch die alten Schleifer, die im Keller ihres Großvaters einmal eine solche Maschine gesehen haben. Blaupließten war einst eine der anspruchsvollsten Oberflächenbehandlungen, die im deutschen Klingenhandwerk bekannt waren. Sie gab den Klingen nicht nur eine besondere Schärfe, sondern eine bläulich schimmernde Oberfläche, die sofort erkennen ließ, aus welchem Haus das Messer kam. Heute ist das Verfahren in seiner ursprünglichen Form weitgehend verschwunden.

In einer Werkstatt auf der Schwäbischen Alb überlebt ein naher Verwandter davon. Janosch Vecernjes, der in Hohenstein-Bernloch die Manufaktur albMesser führt, schleift alle seine Klingen nach dem alten Solinger Dünnschliff. Er selbst vergleicht die Aufwendigkeit seines Verfahrens mit dem historischen Blaupließten: „Diese sehr aufwändige und anspruchsvolle Oberflächenbehandlung kann man mit dem bekannten Blaupließten vergleichen.“

Was Blaupließten war

In der klassischen Solinger Technik wurde die Klinge mit speziellen Schleifscheiben bearbeitet, die mit einem feinen Schleifmittel und unter Zugabe bestimmter Bindemittel belegt waren. Die Scheibe wurde bewusst langsam gedreht. Der Pließter führte die Klinge mit beiden Händen und veränderte den Druck und den Winkel in feinen Nuancen. Durch diese Technik wurde nicht nur die Schneide geschärft, sondern die gesamte Klingenfläche so bearbeitet, dass sie später wie aus einem einzigen Guss wirkte.

Die bläuliche Oberfläche, die dem Verfahren den Namen gab, entstand durch eine feine Oxidationsschicht, die beim Pließten zurückblieb. Sie war Zeichen echter Handarbeit und wurde zur Signatur einer ganzen Generation von Solinger Klingenbauern. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand die Technik nach und nach. Die Industrialisierung der Klingenproduktion hatte keinen Platz mehr für eine Schleifart, die pro Klinge eine Stunde und mehr beanspruchen konnte.

Wie Vecernjes das Erbe behandelt

In seiner Werkstatt steht eine über 60 Jahre alte Solinger Schleifmaschine. Vecernjes nutzt sie für jede einzelne Klinge. Die Scheiben sind Filzscheiben, die er mit Edelkorundpulver in jeweils feinerer Körnung belegt. Jedes Messer wird durch jede Scheibe geführt. Der Prozess dauert lange. Er ist nicht skalierbar. Und er liefert eine Oberfläche, die den Vergleich zum Blaupließten verdient.

„Bei unseren albMessern kommt der alte Solinger Dünnschliff zum Einsatz“, heißt es auf der Website der Manufaktur. „Mit unserer Schleifmethode gehen die Seitenflächen unserer Klingen fließend in die Schneidefläche über. Aufgrund des hierdurch verminderten Widerstandes gleiten unsere Messer leichter durch das Schnittgut.“ Das ist genau das Ergebnis, das auch das Blaupließten einst erreichte. Mehr dazu steht in einem eigenen Text über den Solinger Dünnschliff.

Warum die Technik heute selten ist

Wer ein Messer herstellt, das in einer Fabrik gefertigt wird, kann sich das Blaupließten nicht leisten. Die Stundenkosten liegen weit über dem, was ein Industriemesser einbringt. Vecernjes dagegen fertigt nicht auf Masse. Seine Wartezeit beträgt bis zu elf Monate, jede Klinge wird für einen einzelnen Kunden gebaut, und jede geht durch die gleiche sorgfältige Behandlung. Für ihn rechnet sich der Aufwand, weil er das Gesamtprodukt entsprechend kalkuliert und seine Kunden das Verständnis mitbringen.

Das Besondere am Solinger Ansatz ist, dass er die Klinge nicht als Werkzeug sieht, das schnell scharf gemacht werden muss, sondern als eine Fläche, die komplett durchdacht sein will. Der Übergang von Seitenfläche zu Schneide ist fließend. Die Oberfläche ist so fein, dass das Licht sich darin bricht. Ein Messer, das diese Behandlung bekommt, sieht anders aus. Und es schneidet anders.

Was das für das Handwerk bedeutet

Blaupließten ist damit mehr als ein Fachbegriff aus der Klingenstadt. Es ist ein Symbol für eine Schleifkultur, die auf dem Weg verloren zu gehen drohte. Dass einer der Wenigen, die noch in dieser Tradition arbeiten, nicht mehr in Solingen selbst sitzt, sondern auf der Schwäbischen Alb, ist ein kleines Wunder der Weiterführung. Der alte ungarische Meister, bei dem Vecernjes gelernt hat, hatte seine eigenen Traditionen. Der Damaskenermeister, bei dem er in zweiter Lehre war, hatte wieder andere. Die Solinger Schleifkunst hat Vecernjes sich zusätzlich aufgenommen, um ein abgerundetes Handwerk führen zu können.

In dieser Weise lebt Blaupließten auf der Alb weiter. Nicht unter dem alten Namen, aber in der gleichen Geisteshaltung: dass eine Klinge erst dann fertig ist, wenn jede Fläche, jede Kante, jedes Detail durch viele Hände gegangen ist.