Damastmesser handgeschmiedet: 150 Lagen und eine Tradition

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Damast hat in den letzten Jahren eine Karriere gemacht, die nicht immer dem Handwerk gerecht wird. In Kaufhäusern liegen Messer mit Damastmuster für unter hundert Euro, serienmäßig gefräst, und werden manchmal zweihundertlagig genannt. Damit wird ein Bild verkauft, das mit dem eigentlichen Verfahren wenig zu tun hat. Ein echtes Damastmesser handgeschmiedet entstehen zu lassen, ist kein Muster. Es ist ein langer, langsamer Prozess, bei dem Stahl mit sich selbst und mit anderen Stählen verschweißt, gefaltet, ausgezogen und wieder verschweißt wird.

Janosch Vecernjes macht genau das. In seiner Werkstatt in Hohenstein auf der Schwäbischen Alb sind die Damastmesser das, was er am längsten lernen musste. Nach seiner ersten Ausbildung bei einem ungarischen Messermeister ging er zu einem berühmten Damaskenermeister, der ihn eingeweiht hat. „Das hat ein paar Jahre gedauert, damit er das Vertrauen komplett hatte, um mir dann auch alle Geheimnisse zu offenbaren.“ Vecernjes war 26, als er beide Traditionen zusammenführte und albMesser gründete.

Was Damast eigentlich ist

Damaszenerstahl verbindet die Eigenschaften von weicheren und härteren Stählen, indem mehrere Sorten miteinander verschweißt werden. Das entstehende Paket wird erhitzt, gefaltet, wieder geschmiedet. Immer und immer wieder. Jede Faltung verdoppelt die Zahl der Lagen. Bei Vecernjes sind es mehr als 150, oft mehrere hundert. Das sichtbare Muster, das viele Käufer als erstes bemerken, ist ein Nebeneffekt. Das Entscheidende passiert im Gefüge. Die chemische Seite des Materials habe ich getrennt beschrieben: was ist Damaststahl.

„Ein guter Stahl ist wie ein guter französischer Rotwein“, hat sein Meister immer zu ihm gesagt. „Wenn er viel viel Zeit hat, wenn er perfekt produziert wird und wenn man ihm danach viel Zeit gibt, dann wird daraus ein wahres Kunstwerk.“ Sein Meister hatte keine Ahnung von Wein. Aber das Prinzip stimmt. Ein hastig verarbeiteter Stahl bleibt grob. Ein langsam gefalteter, in kontrollierten Temperaturen bearbeitet, wird dicht, fein und belastbar.

Warum ein Damastmesser handgeschmiedet 200 Schritte braucht

Bei einem gewöhnlichen Küchenmesser rechnet Vecernjes mit rund 60 einzelnen Arbeitsschritten und mindestens 20 Arbeitsstunden. Bei Damast verdoppelt und verdreifacht sich das. „Ich habe mal hochgerechnet, da sind wir bei mindestens 200 einzelnen Schrittchen“, sagt er.

Zu sehen ist das Feuer der Schmiede im 300 Jahre alten Bauernhausmuseum von Hohenstein. Das Paket aus unterschiedlichen Stählen geht in die Esse, wird auf eine ganz bestimmte Temperatur gebracht, kommt heraus, wird geschmiedet. Der Federhammer hat 40 Kilo Schlagkraft. Kleine Hämmer mit 10 und 5 Kilo folgen. Zwischen den Schmiedevorgängen wird das Paket immer wieder erhitzt und gefaltet. Später, wenn die Klinge Form hat, wird kalt nachgeschmiedet. Und erst dann darf die Klinge in den über 80 Jahre alten Härteofen.

Der Härteofen wird übrigens nur nachts gezündet. Nicht aus Mystik, sondern aus Notwendigkeit. Vecernjes muss die Farbe des glühenden Stahls exakt ablesen, und das gelingt ihm nur, wenn kein Tageslicht das Bild verfälscht. Fällt der Zeitpunkt der Härtung falsch, ist die Klinge nach zehn bis vierzehn Stunden Arbeit unbrauchbar. Mehr zum Prozess steht im Artikel über Damast-Messer schmieden.

Was das Muster verrät

Nach dem Härten wird die Klinge dünn geschliffen, auf Wasserschleifsteinen, und schließlich auf einer über 60 Jahre alten Solinger Schleifmaschine poliert. Dafür kommen Filzscheiben zum Einsatz, die mit Edelkorund in immer feiner werdender Körnung beschichtet sind. Jedes Messer durchläuft jede einzelne dieser Scheiben. Die Oberfläche wird glatter und glatter, bis die Schneide fließend in die Klingenfläche übergeht.

Erst am Ende taucht das Muster auf. Die feinen Wellen, die Adern, die Stromung. Je nachdem, wie die Lagen beim Schmieden geführt wurden, entsteht ein eigenes Bild. Kein Damastmesser sieht aus wie das andere. Vecernjes fertigt jede Klinge einzeln für einen bestimmten Kunden, nach einem ausführlichen Vorgespräch und einem Probeschnitt. Die Bedeutung des Musters steht dabei hinten an.

„Irgendwann ist die Härte nicht mehr wichtig“, hat sein Meister zu ihm gesagt. „Irgendwann ist der Stahl nicht mehr wichtig. Irgendwann spürst du es. Irgendwann fühlst du es.“ Vecernjes hat ungefähr dreißigtausend Stunden gebraucht, um den Punkt zu erreichen, an dem ein Damastmesser handgeschmiedet nicht mehr nach Anleitung entsteht, sondern nach Gefühl. Und genau das macht den Unterschied zu den industriellen Damast-Klingen, die das Muster haben, aber keine Geschichte erzählen.