Eine normale Schauhöhle besucht man, indem man hineinläuft. Bei der Laichinger Tiefenhöhle steigt man hinab. Fünfundfünfzig Meter senkrecht. Sechshundertzwanzig Stufen.
Alexander Schneider, Vorstand im Höhlen- und Heimatverein Laichingen, sagt es nüchtern: „Normalerweise sind Schauhöhlen Horizontalhöhlen, die einigermaßen eben begangen werden können. Die Laichinger Tiefenhöhle ist eine Schachthöhle, bei der man 55 Meter in die Tiefe hinabsteigt.“ Das ist kein Marketing-Satz. Das ist die geologische Sortierung.
Im deutschen Schauhöhlen-Verzeichnis stehen Tropfsteinhöhlen, Wasser-Höhlen, lange Gänge mit gemütlicher Beleuchtung. Die Laichinger Tiefenhöhle steht woanders. Sie ist nicht die längste. Sie ist nicht die mit den schönsten Stalaktiten. Sie ist die tiefste.
Was eine Schachthöhle ist
Eine Horizontalhöhle entsteht meistens durch Wasser, das einen Gang aushöhlt. Über Jahrtausende fließt es seitlich, bis ein Tunnel da ist, durch den ein Mensch laufen kann. So sind die meisten Tropfsteinhöhlen Süddeutschlands aufgebaut.
Eine Schachthöhle entsteht anders. Hier geht es um Spalten im Gestein, die sich vertikal weiten. Wasser sickert von oben nach unten, löst den Kalk Schicht für Schicht. Was übrig bleibt, ist kein Tunnel, sondern ein Schlot. Manchmal mehrere, parallel.
Genau das ist das Faszinierende an der Laichinger Tiefenhöhle. Schneider beschreibt es so: „Es liegen zwei Schächte parallel nebeneinander und die sehen komplett unterschiedlich aus. Das liegt einfach daran, weil sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstanden sind und auf unterschiedliche Weise entstanden. Dieser Gegensatz direkt nebeneinander, das ist so das Schönste für mich an der Laichinger Tiefenhöhle.“ Wer mit offenem Auge durchgeht, sieht das. Wer nur die Tiefe abhakt, übersieht es.
Warum es ein Alleinstellungsmerkmal ist
Wenn Schneider von „Alleinstellungsmerkmal“ spricht, klingt das wie ein Werbe-Begriff. Ist es aber nicht. „Die Laichinger Tiefenhöhle ist die tiefste Schauhöhle Deutschlands. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt er. Tiefste heißt: keine andere Schauhöhle in Deutschland geht so weit nach unten, wie ein Besucher kommt. Und „Schauhöhle“ heißt: ausgebaut, gesichert, ohne Ausrüstung begehbar.
Es gibt tiefere Höhlen in Deutschland. Aber die sind Forscher-Reviere. Wer da rein will, braucht Seil, Helm, Lampe, Erfahrung. In der Laichinger Tiefenhöhle braucht man festes Schuhwerk und einigermaßen Kondition. Den Rest übernehmen die fest verbauten Leitern und Treppen.
Was unten passiert
Wer 55 Meter senkrecht in die Erde steigt, verlässt für eine halbe Stunde die Oberwelt. Kein Handy, keine Geräusche, keine Witterung, kein Licht außer dem, was der Verein installiert hat.
Für Schneider ist das genau der Punkt. „An Höhlen allgemein fasziniert mich, dass es einfach eine unterirdische Welt ist, komplett abgeschottet von allem anderen. Man hat kein Licht, hat keinen Handyempfang, man hat gar nichts da unten außer sich selber. Man hat eine unglaubliche Ruhe, die man sonst nirgends finden kann.“ Die Ruhe ist messbar. Felswände schlucken Schall. Frequenzen, die oben durch Verkehr und Stadtgeräusch durchgeschwemmt sind, hört man hier nicht mehr.
Das Gestein selbst ist warm-braun. Kalkstein in dieser Tiefe sieht anders aus als an der Oberfläche. Weniger weiß, mehr Lehmton, leicht patiniert. Es gibt Stellen, an denen Wasser über Jahrhunderte geflossen ist und Spuren hinterlassen hat. Wer hinschaut, sieht die Strömungsrichtungen noch.
Wer das Ganze trägt
Die Laichinger Tiefenhöhle wird nicht von einer Gemeinde betrieben, nicht von einem Touristik-Konzern und nicht vom Land Baden-Württemberg. Sie wird von einem Verein getragen. Schneider: „Die Laichinger Tiefenhöhle wird durch den Höhlen- und Heimatverein Laichingen betrieben. Wir organisieren den ganzen Wirtschaftsdienst und Höhlendienst, haben auch festangestellte Leute, aber sonst wird alles ehrenamtlich gemacht.“
Ungefähr dreißigtausend Besucher kommen pro Jahr. Bei rund elftausend Einwohnern in Laichingen ist das fast die dreifache Bevölkerung. Eine Kleinstadt im Jahr, die in die Tiefe will.
Was sie nicht ist
Die Laichinger Tiefenhöhle ist keine Tropfsteinhöhle im klassischen Sinn. Wer Stalaktiten in Buchgröße sehen will, ist hier falsch. Schneider sagt es ehrlich, wenn man ihn nach Tropfsteinen fragt: In der Tiefenhöhle gibt es nicht so viele, die meisten sind klein. Wer große Tropfsteine sehen will, dem empfiehlt er Häuser in der Nähe, die genau das bieten, die Sontheimerhöhle oder die Schertelshöhle.
Die Tiefenhöhle macht etwas anderes. Sie zeigt, wie das Innere des Alb-Sockels wirklich aussieht. Wer schon mal in einem Bergwerk war, kennt das Gefühl. Hier ist es kein Bergwerk, sondern Natur. Aber das Raumgefühl ist verwandt.
Und sie zeigt etwas, das die meisten anderen deutschen Schauhöhlen gar nicht zeigen können: was passiert, wenn man Gestein einfach senkrecht in die Tiefe nimmt und dabei die Spuren von hundertfünfzigtausend Jahren Karst-Geschichte mitliest.
Wie man hinkommt
Die Höhle liegt am Ortsrand von Laichingen, vom Ortsschild aus etwa vierhundert Meter. Ein großer Parkplatz, ein Rasthaus, eine Spielwiese und der Kletterwald Laichingen direkt nebenan. Wer für einen Tag plant, plant nicht nur die Höhle.
Die Saison läuft von Palmsonntag bis Ende der Herbstferien. Im Winter ist die Höhle gesperrt. Nicht weil es kalt ist (in der Höhle ist es das ganze Jahr ähnlich), sondern weil dort Fledermäuse schlafen, die nicht gestört werden dürfen.
Wer mehr wissen will: Die ganze Geschichte des Höhlen- und Heimatvereins Laichingen, die Entdeckung 1892 durch Johann Georg Mack und seinen vierzehnjährigen Sohn Ulrich, und der Blick auf die Forschungsarbeit, die hinter der Schauhöhle steckt, in der Podcast-Episode mit Alexander Schneider.
