„Meine Superkraft ist, dass ich mich in ganz viele unterschiedliche Dinge reindenken kann und in ganz viele unterschiedliche Dinge auch interessieren kann, die jetzt vielleicht als allererstes vielleicht auch nicht interessant wirken oder wo vielleicht auch jemand außensteht und sagt, hm, okay, und damit hast du dich jetzt beschäftigt.“
So beschreibt sich Pascal Kaiser, Lehrer in Friedrichshafen und Inhaber des Escape Rooms Escape in Time in Ailingen. Wenn man ihm zuhört, wie er von seinen vielen parallelen Aktivitäten erzählt, Schule, Theater, Escape, Sauerteig, Hochzeitsfotografie, Flohmarktbesuche, Linoldruck, klingt das nach einem Phänomen, das in der Persönlichkeitspsychologie unter dem Begriff Scanner-Persönlichkeit bekannt ist.
Was eine Scanner-Persönlichkeit ist
Den Begriff prägte die US-Coach Barbara Sher in ihrem Buch „Refuse to Choose“ (2006). Eine Scanner-Persönlichkeit ist jemand, der nicht eine Sache spezialisiert vertieft, sondern viele parallele Interessen hat, und sich weigert, zwischen ihnen zu wählen. Was wie Sprunghaftigkeit wirkt, ist in Wirklichkeit ein eigener Persönlichkeitstyp. Die kanadische Karriere-Coach Emilie Wapnick popularisierte das Konzept später unter dem Namen Multipotentialist.
Pascal Kaiser ist ein lebendes Beispiel für diesen Typ. Wenn er weiter über sich spricht, klingt das so: „Sich in ganz viele Sachen ganz lang und intensiv reinzudenken und daraus auch wieder neue Projekte zu generieren, neue Ideen für Schule, für Privat und fürs Escape zu finden. Das ist eine Fähigkeit von mir.“
Wichtig: Es ist nicht Hopping. Pascal vertieft sich in jedes Thema intensiv. Was Scanner-Persönlichkeiten unterscheidet, ist die parallele Aktivität auf mehreren Tiefenebenen, nicht die Oberflächlichkeit.
Zwischen den Bereichen
Was Pascal in der Schule mit Linoldruck macht, fließt in seinen Escape Room.
„Dann sehe ich neue Ideen, wie man im Escape zum Beispiel Schilder oder Dinge damit machen könnte.“
Was er beim Sauerteig zuhause über Routine lernt, gibt er an seine Sechstklässler weiter. Was er auf Flohmärkten findet, eine alte Stadtkarte, ein Stahltelefon vom Bergwerk, wird zum Rätsel-Material. Diese Verbindung zwischen Bereichen ist ein zentrales Merkmal von Scanner-Persönlichkeiten. Wissen aus einem Feld gibt einem anderen Wind, der ihm sonst gefehlt hätte.
Wie Scanner Ideen verwalten
Wer viele Ideen parallel hat, braucht ein System. Pascal hat eines, und er beschreibt es selbst.
„Ich glaube, ich bin Jäger und Sammler und ganz viele Dinge verschwinden, glaube ich, erst überdeckt wieder durch neue Ideen und dann muss ich sie wieder rausholen.“
Sein System ist analog: „Ich sammle unglaublich viele Dinge, ich druck die auch aus, klebe die tatsächlich auf weißes Papier in ein Ordner rein und schreibt mir Dinge dazu, die mir einfallen. Und dann ist es aber häufig so, dass dann wirklich auch Wochen oder Monate vergehen, bis ich die wieder raushol und neu überprüfe oder neu gucke.“
Inspiriert hat ihn dabei ein Beitrag über Klaus Teuber, den Erfinder von „Die Siedler von Catan“.
„Ich habe mal einen Beitrag gesehen über Klaus Teuber, der die Siedler des Spiels entwickelt hat, wie jemand ein Spiel entwickelt oder Teile davon und die wird in Ordner und Schublade gepackt und dann guckt man die erstmal eine ganze Zeit lang nicht wieder an und holt sie dann erst wieder raus.“
Idee sammeln und Idee auswählen sind für Pascal zwei verschiedene Tätigkeiten, und diese Trennung gehört zu seiner Methode.
Pascal als Flohmarkt-Sammler
Eine weitere Eigenschaft, die Pascal bei sich beobachtet, ist das Sammeln von Material.
„Ich bin halt tatsächlich ein leidenschaftlicher Flohmarktgänger. Ich dadurch auch immer die Berechtigung sozusagen auf einen Flohmarkt zu gehen, weil hier wir zu Hause Wir brauchen eigentlich nichts mehr, aber fürs Escape darf ich immer auf den Flohmarkt gehen und Sachen kaufen und da kann man Dinge halt nur kaufen, wenn sie da sind.“
Diese Sammler-Eigenschaft hat eine pragmatische Begründung: Im Escape Room werden Dinge gebraucht, deren man auf dem Flohmarkt findet. Sie hat aber auch eine psychologische Komponente, die für Scanner-Persönlichkeiten typisch ist, die Sammlung möglicher Bausteine, aus denen später Projekte entstehen.
Wo Scanner aneinandergeraten
Was Pascal nicht direkt beschreibt, was aber aus der Forschung über Scanner-Persönlichkeiten bekannt ist: Ein Job, der nur eine Sache will, frustriert Scanner. Eine Karriere mit einer Spezialisierungsrichtung passt nicht. Was funktioniert: Berufe mit Vielfalt, wie der Lehrerberuf, von dem Pascal sagt: „So abwechslungsreich wie schlussendlich dann der Lehrerberuf dann für mich tatsächlich war. Ich glaube nicht, dass ich das mit einem anderen Beruf so hätte abdecken können.“
Vier verschiedene Fächer, immer wieder neue Kinder, immer wieder andere Tage. Plus parallel das Theater. Plus parallel der Escape Room. Plus parallel die autodidaktischen Hobbys. Für eine Scanner-Persönlichkeit eine fast ideale Lebenskonstruktion.