Ein Taschenmesser ist das Messer, das ein Mensch am häufigsten bei sich trägt. Es liegt morgens auf der Kommode, wandert in die Hosentasche, kommt beim Essen auf den Tisch und verschwindet abends wieder. Es wird mehrmals am Tag aufgeklappt, zugemacht, mal für eine kurze Handlung verwendet. Genau deshalb ist es anspruchsvoller als ein Küchenmesser, das in einer Schublade ruht. Das Taschenmesser muss die Hand jedes Mal neu finden, und es muss ebenso sicher schließen wie es sicher schneidet.
Ein Taschenmesser handgeschmiedet zu bekommen, ist in Deutschland nicht leicht. Die meisten deutschen Hersteller haben ihre Klappmesser in die maschinelle Fertigung gegeben. Wer das Handwerk sucht, landet bei Spezialisten wie albMesser auf der Schwäbischen Alb. Dort fertigt Janosch Vecernjes das albMesser Klapp, ein Klappmesser mit 6,5 Zentimeter Klingenlänge und 3 Millimeter Klingenstärke.
Was ein Klappmesser anders macht
Ein feststehendes Messer hat eine einfache Aufgabe. Es schneidet. Ein Klappmesser hat zwei. Es schneidet, und es klappt zu. Dieser zweite Schritt ist mechanisch deutlich anspruchsvoller. Die Klinge muss in der Halterung sicher festsitzen, wenn geschnitten wird. Sie darf gleichzeitig leicht und kontrolliert zuklappen, ohne den Finger zu verletzen. Die Scharniere müssen spielfrei bleiben, auch nach vielen Tausend Bewegungen. Die Verriegelung muss fest und doch einfach zu lösen sein.
Bei Vecernjes entstehen diese Teile in der gleichen Werkstatt wie die Klingen. Die Klappmechanik wird von Hand eingepasst. Das Federgehäuse wird auf die Klinge abgestimmt, nicht umgekehrt. Dadurch entsteht ein Klappmesser, das nicht wie ein Industrieprodukt wirkt, sondern wie ein Werkstück, das einen Kunden über Jahrzehnte begleitet.
Der Stahl und die Pflege
Das albMesser Klapp wird in der Regel aus denselben Stählen gefertigt wie die größeren Klingen der Manufaktur. Das kann ein Damast-Stahl sein, mit über 150 Lagen. Das kann ein alter deutscher Kohlenstoffstahl sein. Das kann auch ein bald hundertjähriger Panzerstahl sein, aus Restbeständen, die heute kaum noch auf den Markt kommen. Die Wahl des Stahls erfolgt im persönlichen Vorgespräch mit dem Kunden.
Ein Carbon-Stahl, also ein nicht rostfreier Kohlenstoffstahl, ist pflegeintensiv. Er muss nach jedem Gebrauch abgetrocknet und gelegentlich geölt werden. Das ist nichts für den Hobbytrekker, der sein Messer in einer nassen Regenjacke vergisst. Es ist aber etwas für jemanden, der bewusst Zeit investiert. Wer das nicht möchte, kann sich für rostfreie Legierungen entscheiden, die Vecernjes ebenfalls anbietet.
Der Griff: Ruhe aus dem Wald
Der Griff des Klappmessers ist in der Regel kürzer als der eines Küchenmessers und stellt andere ergonomische Anforderungen. Er muss in der geschlossenen Position gut in der Tasche liegen, in der geöffneten in der Hand Halt geben. Die Dicke, die Krümmung, die Oberfläche, all das wird vom Messermacher in einem Testaufbau ermittelt. Vecernjes arbeitet mit heimischem Wurzelholz, das mehrere Wochen stabilisiert wurde.
Ein handgeschmiedetes Taschenmesser hat damit am Ende nicht nur einen individuellen Klingenschliff, sondern auch einen Griff, der auf die Hand des Kunden passt. Bei zwei Menschen, die dasselbe Modell bestellen, entstehen zwei leicht unterschiedliche Messer. Beide heißen albMesser Klapp. Aber keines gleicht dem anderen.
Die Haltung zum Klappmesser
Vecernjes selbst nutzt Klappmesser, die er vor vielen Jahren gebaut hat, bis heute. Er zeigt sie gern Gästen. Viele sind inzwischen dunkler geworden, weil die Carbon-Stähle mit dem Alter eine Patina entwickeln. Kein Makel. Eine Geschichte. Er schleift solche Messer in wenigen Minuten wieder scharf. Ein paar kurze Züge, und die Klinge gleitet wie am ersten Tag. Das ist der eigentliche Punkt eines handgeschmiedeten Taschenmessers. Es ist kein Verbrauchsgegenstand. Es ist eine Investition in ein Werkzeug, das länger hält als der Käufer selbst.
Vecernjes sieht darin auch ein kleines Stück Lebensphilosophie. Er selbst sagt, dass er durch das Leben auf der Alb und durch die tägliche Arbeit in der Schmiede zu einem Menschen geworden ist, der sich wenig um Moden kümmert. „Ich bin einfach zum Waldmenschen geworden“, sagt er. Und genau wie sein Leben eher länger trägt als glitzert, tut es auch ein Taschenmesser, das er gebaut hat. Kein Spielzeug. Kein Accessoire. Eine Klinge, die in der Tasche liegt, bis sie gebraucht wird, und die dann funktioniert.
Der Weg zur Bestellung
Wer ein Taschenmesser handgeschmiedet aus der Werkstatt möchte, meldet sich zunächst bei der Manufaktur. Es folgt ein Termin in Hohenstein-Bernloch. Dort lernt Vecernjes den Kunden kennen, tastet die Hand ab, prüft Vorlieben, stellt Testklingen zur Verfügung. Die Fertigung dauert bis zu elf Monate. Das klingt lang, ist aber logisch. Ein Taschenmesser, das eine Lebensentscheidung ist, darf auch entsprechend heranreifen. Die Klinge, die am Ende in der Tasche liegt, ist keine Ware. Sie ist ein Teil der Ausrüstung, die ein Mensch mit sich trägt, solange er sie nicht verliert und niemand anders bekommt.