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Tiefenhöhle Laichingen: Die zwei Schächte, die nichts miteinander zu tun haben

Wer mit Alexander Schneider in die Tiefenhöhle Laichingen steigt und ihn fragt, was ihm hier am meisten gefällt, bekommt keine Geste auf einen Tropfstein und keinen Hinweis auf eine tiefe Stelle. Schneider zeigt auf zwei Wände.

„Es liegen zwei Schächte parallel nebeneinander“, sagt er, „und die sehen komplett unterschiedlich aus. Das liegt einfach daran, weil sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstanden sind und auf unterschiedliche Weise entstanden. Dieser Gegensatz direkt nebeneinander, das ist so das Schönste für mich an der Tiefenhöhle.“ Zwei Schächte, kein Meter Abstand, und dazwischen liegen vielleicht hunderttausend Jahre Geologie.

Das ist die Geschichte, die niemand erzählt, wenn er die Tiefenhöhle als die tiefste Schauhöhle Deutschlands anpreist. Die Tiefe ist das Aushängeschild. Die Schächte sind das, was Insider sehen.

Was Schneider sieht und Laien nicht

Schneider unterscheidet im Gespräch ohne Häme zwischen dem geschulten und dem ungeschulten Auge. Ein Laie steigt hinab und sieht Felsen. Eindrucksvoll, dunkel, eng. Schneider sieht Bewegung in Zeitlupe. Er sieht, wo Wasser geflossen ist, wo es gestanden hat, wo es geströmt ist und wo es nur getropft hat.

„An Wänden gibt es zum Beispiel Fließfassetten“, erklärt er, „die auf einen früheren Wasserlauf hinweisen. Es gibt verschiedene Sinterformen, die nur unter Wasser entstehen. Darauf kann man dann schließen, dass einfach mal in der Höhle Wasser stand oder Wasser geflossen ist.“ Fließfassetten sind kleine, fischschuppenartige Mulden im Gestein. Sie zeigen die Strömungsrichtung des einstigen Wassers. Wer sie liest, liest die Hydrologie der Höhle vor hunderttausend Jahren.

Warum zwei Nachbar-Schächte verschieden aussehen können

In einer Schauhöhle wirkt das Gestein wie ein einheitlicher Block. Ist es aber nicht. Karst-Höhlen entstehen nicht in einem einzigen Akt. Sie entstehen über Hunderttausende von Jahren, in Phasen. Jede Phase hat ihr eigenes Wasser, ihre eigene Temperatur, ihre eigene Chemie.

In einer Phase sickert Wasser an einer bestimmten Spalte entlang. Es löst Kalk, weitet den Schlot, hinterlässt eine bestimmte Wandstruktur. Dann ändert sich das Grundwasser, die Spalte trocknet aus, die Erweiterung pausiert. Hunderttausend Jahre später öffnet sich daneben eine andere Spalte, das Wasser sucht neue Wege, ein zweiter Schacht entsteht, unter komplett anderen Bedingungen.

Das Ergebnis: zwei Schächte direkt nebeneinander, der eine rauer, der andere glatter. Der eine mit deutlichen Sinterüberzügen, der andere fast metallisch glatt. Wer das einmal verstanden hat, sieht die Tiefenhöhle Laichingen mit anderen Augen.

Die Farben sind nicht zufällig

Die Wände der Tiefenhöhle wirken dunkler als die Felsen oben auf der Alb. Auch dafür hat Schneider eine Erklärung. „Der farbliche Eindruck ist eher so ein warmes, bräunliches Gestein“, sagt er. „Der Kalkstein an sich ist ja eher weiß bis hellbraun, aber die Wände hier sind eher so ein dunkleres Braun, leicht lehmig.“

Kalkstein verwittert an der Oberfläche, wird vom Regen gewaschen, von der Sonne gebleicht. Unter Tage passiert das nicht. Was hier in der Tiefe braun erscheint, ist Kalkstein im natürlichen Zustand, oft überzogen von Tonmineralien aus dem Wasser, das einst hier floss. Dieses Lehmige ist nichts anderes als ein dünner Film aus dem, was das Wasser mitgebracht hat.

Was Besucher nicht sehen

Was die rund 30.000 Besucher pro Jahr nicht zu sehen bekommen, ist der Forscherteil der Tiefenhöhle. Der Schauteil endet bei 55 Metern. Schneider und die anderen aktiven Vereinsmitglieder gehen weiter. „Für die Höhleforscher ist die Tiefenhöhle natürlich noch mal größer als das, was die Besucher im Schauteil sehen. Insgesamt können wir bis auf fast 100 Meter runtergehen.“

Diese unteren Bereiche sind nicht ausgebaut. Wer dorthin will, braucht Seil, Helm, gute Lampe und Erfahrung. Sie sind weder beleuchtet noch begehbar im klassischen Sinn. Der Verein nutzt sie zum Üben, bevor er ins Hochgebirge fährt, etwa zu seinem Forschungsgebiet im Toten Gebirge in Österreich.

Warum das Gestein hält

Eine Frage, die in fast jeder Höhle aufkommt: Wie stabil ist das eigentlich? Schneider beantwortet sie mit einem überraschenden Hinweis. „Der Kalkstein ist relativ stabil. In einer Höhle ist es so, dass man keinen Witterungseinfluss hat. Es gibt zum Beispiel keine Frostsprengung, wie man sie an der Oberfläche hat. Das Gestein verwittert nicht. Dass Räume zusammenbrechen, ist eigentlich nicht der Fall ohne dass Einwirkungen von außen kommen, sei es der Mensch oder ein Erdbeben.“

An der Oberfläche bricht Kalkstein, weil Wasser in Spalten gefriert und das Gestein sprengt. In der Tiefenhöhle bleibt die Temperatur das ganze Jahr im einstelligen Plus-Bereich. Kein Frost, kein Sprengen, keine Witterung. Das Gestein steht so, wie es vor zehntausend Jahren stand.

Was bleibt, wenn man wieder hochkommt

Wer die Tiefenhöhle Laichingen das erste Mal besucht, geht meistens wegen der Tiefe. Wer ein zweites Mal kommt, kommt wegen der Schächte. Wer ein drittes Mal kommt, kommt wegen des Vereins, der das alles aufrechterhält und der jeden Stein, jede Treppe und jede Lampe selber instandhält.


Mehr über die Arbeit des Höhlen- und Heimatvereins Laichingen, die Schachthöhlen-Geologie und Alexander Schneiders persönliche Höhlen-Geschichte gibt es im Podcast-Gespräch mit Alexander Schneider.