Mitte Mai geht es los. Auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein bei Meidelstetten beginnt die Fohlenzeit, und für Bernhard Podlech ist sie das Highlight des Jahres. Er züchtet Islandpferde in dritter Generation. Was er über Isländer Fohlen erzählt, klingt nach Routine und ist trotzdem jedes Mal neu.
Wann Isländer Fohlen zur Welt kommen
Die Fohlensaison fängt bei Bernhard Podlech Mitte Mai an. „Wenn die Fohlen geboren werden, die Jahreszeit, das geht jetzt Mitte Mai los, ist eigentlich immer die schönste Jahreszeit“, sagt er. Davor war die Stute elf Monate tragend. Die Geburten ziehen sich dann über mehrere Wochen, je nachdem, wann die Stuten im Vorjahr gedeckt wurden.
Bei Islandpferden ist die späte Geburt im Mai oder Juni Standard. Das Wetter ist mild, das Gras steht, die Weiden bieten Auslauf. Eine Geburt im Februar oder März, wie sie bei manchen anderen Rassen vorkommt, ist beim Islandpferd selten und nicht erwünscht.
Geburt auf der Weide
Was bei vielen Pferderassen in der Box passiert, läuft beim Islandpferd auf der Wiese ab. „Die Pferde bringen die Fohlen selber auf der Weide zur Welt, da ist im Normalfall niemand dabei“, sagt Bernhard. Stuten suchen sich einen ruhigen Platz in der Herde, das Fohlen wird ohne menschliche Hilfe geboren, steht nach einer Stunde, trinkt nach zwei. Das hat die Rasse seit über tausend Jahren so getan, in Island ohne Stallungen, in einer harten Landschaft.
Auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein wird das so weitergeführt. Bernhard und sein Team kontrollieren die Herde mehrmals täglich, sehen die Fohlen, schauen ob alles in Ordnung ist, greifen nur ein, wenn nötig. Die Spannung dieser Wochen liegt in den täglichen Weidekontrollen. „Da ist schon die tägliche Weidekontrolle spannend.“
Vertrauen aufbauen
Was Isländer Fohlen von Beginn an lernen müssen, ist Vertrauen zum Menschen. Das geht nicht von einer Sekunde auf die andere. Die Stuten beschützen die Neugeborenen, sind misstrauisch, weichen aus. „Die am Anfang etwas scheuer sind oder wenn die den Menschen noch nicht kennen, auch die Mütter manchmal da gut auf ihre Fohlen achten und erst mal ein bisschen weggehen.“
Bernhard Podlech beschreibt den Moment, an den er sich jedes Jahr erinnert. „Wenn man eben das Vertrauen auch hat, dass man dann wirklich an so ein junges oder neu geborenes Fohlen hinkommt und auch die Stute dann so viel Vertrauen hat, dass man an das Fohlen drankommt, das ist natürlich ganz toll.“ Diese Momente entstehen über Wochen, nicht Tage. Sie sind die Basis für alles, was später kommt.
Die ersten Lektionen
Im ersten Lebensjahr lernen Isländer Fohlen das Halfter, das Geführtwerden, das Hufgeben. „Das Fohlen muss man an das Halfter gewöhnen, man muss es überhaupt daran gewöhnen, dass man es anfasst und dass es führen lernt, dass es die Hufe geben kann.“ Das passiert in kleinen Einheiten, nicht in Trainingsblöcken. Ein paar Minuten am Tag, oft direkt im Anschluss an die Stute.
Diese frühe Arbeit zahlt sich Jahre später aus. Ein Fohlen, das den Menschen früh kennenlernt, ist als Drei- oder Vierjähriges leichter auszubilden. Bernhard beschreibt das als kontinuierlichen Prozess: „Diese ganze Arbeit von Anfang an bis zu einem Reitpferd, sodass man das Jungpferd, das immer wieder quasi ein bisschen gearbeitet wird und dann aber auch wieder einfach im Herdenverband frei leben darf auf den großen Koppeln hier.“
Aufwachsen in der Herde
Was Isländer Fohlen brauchen, ist Herde. Sie wachsen in der Gruppe auf, lernen soziale Regeln von älteren Tieren, raufen, spielen, ordnen sich ein. Diese Sozialisierung ist nicht ersetzbar. Ein Fohlen, das einzeln aufwächst, fehlt später ein wichtiger Teil seines Verhaltensrepertoires.
Auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein leben die Fohlen mit ihren Müttern und der Herde auf den großen Koppeln. Sie lernen die Hochebene kennen, die Wacholderhänge, das Wetter der Schwäbischen Alb. Ein Sommer auf der Weide ist eine andere Schule als jede Stallhaltung.
Wann das Fohlen abgesetzt wird
Üblich ist das Absetzen von der Stute mit etwa sechs Monaten. Das Fohlen lebt dann mit anderen Jungpferden in einer Gruppe, ohne Mutter. Der Zeitpunkt ist umstritten und wird von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich gehandhabt. Manche setzen früher ab, manche später, manche lassen die Stuten und Fohlen den Winter über zusammen. Was beim Islandpferd als robuster Rasse häufig praktiziert wird, ist eine vergleichsweise sanfte Trennung.
Vom Fohlen zum Reitpferd
Es dauert vier Jahre. „Die Islandpferde werden erst mit vier Jahren eingeritten“, sagt Bernhard Podlech. Bis dahin lebt das Tier in der Herde, lernt Bodenarbeit, Halfter, Führen, Hufgeben. Erst mit vier Jahren steigt der Reiter zum ersten Mal auf. Das ist später als bei vielen anderen Rassen und einer der Gründe, warum Islandpferde oft über 30 Jahre alt werden. Mehr unter Wie alt werden Islandpferde.
Die schönste Jahreszeit
Wenn man Bernhard Podlech fragt, was an seinem Beruf besonders ist, kommt die Antwort immer wieder zur Fohlenzeit zurück. „Da fangen dann später an, das Fohlen muss man an das Halfter gewöhnen, man muss es überhaupt daran gewöhnen, dass man es anfasst und dass es führen lernt, dass es die Hufe geben kann und diese ganze Arbeit von Anfang an bis zu einem Reitpferd.“
Was an Isländer Fohlen besonders ist, ist die Mischung aus archaischer Geburt auf der Weide, lange Herdenphase, später Reitausbildungs-Beginn. Das alles zusammen macht eine Aufzucht aus, die anders ist als die meisten anderen.
Mehr zur Pferdezucht und zu Pferde Fohlen allgemein in den eigenen Artikeln.
Bernhard Podlech betreibt das Islandpferdegestüt Hohenstein und züchtet Islandpferde in dritter Generation. Das ganze Gespräch mit Bernhard Podlech gibt es bei pekuu audiostories.
