Frauen in der Landwirtschaft: Linda Kelly über Augenhöhe und Mut

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Frauen in der Landwirtschaft

Wenn ein Vertreter auf den Hof kommt und fragt, wo denn der Mann sei, dann ist das 2026. Nicht 1970. Linda Kelly kennt diese Geschichten von anderen Landwirtinnen. Sie selbst hat auf ihrem Biolandhof in Herdwangen-Schönach eine andere Erfahrung gemacht. „Ich habe früher genauso Traktor gefahren wie alle anderen. Und das sicherlich genauso gut.“ Aber sie weiß, dass es vielen Kolleginnen anders geht. Dass die Anerkennung fehlt, die Absicherung, manchmal sogar die Sichtbarkeit.

„In der Gesellschaft werden Frauen oft nur als Ehefrau angesehen, die im Endeffekt für die Kehrarbeit zuständig ist oder vielleicht zum Backen, zum Kochen, für den Hofladen.“ Linda Kelly spricht das ruhig aus. Nicht anklagend, eher feststellend. Aber es sitzt.

Was hinter der Fassade passiert

Frauen in der Landwirtschaft sind selten nur für eine Sache zuständig. Linda Kelly ist gelernte Landwirtin und Industriekauffrau. Sie baut zehn Hektar Süßlupinen an, verarbeitet sie zu über einem Dutzend Produkten unter der Marke Lupinello, betreibt einen Online-Shop, macht Marketing, Pressearbeit, Social Media, organisiert Hofführungen und entwickelt neue Rezepte. Nebenbei ist sie Mutter von zwei Kindern und lebt mit drei Generationen auf dem Hof.

Das ist kein Einzelfall. Auf landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland übernehmen Frauen häufig die Diversifizierung. Hofladen, Direktvermarktung, Ferienwohnungen, Veranstaltungen, Bildungsarbeit. Bereiche, die Umsatz bringen und den Betrieb zukunftsfähig machen. Aber die in der öffentlichen Wahrnehmung als Nebensache laufen.

„Wenn ich mir angucke, was wir alles leisten und was wir für Multitalente sind, dann muss ich ganz klar sagen: Wir müssen uns in der Zukunft definitiv auf Augenhöhe begegnen.“ Ein Satz, der bei Linda Kelly keine Kampfansage ist. Sondern eine Selbstverständlichkeit, die noch nicht selbstverständlich ist.

Das Problem mit der sozialen Absicherung

Das Thema geht über fehlende Anerkennung hinaus. Linda Kelly benennt es direkt: „Die soziale Absicherung hinkt noch hinterher.“ Frauen, die als mithelfende Familienangehörige arbeiten, stehen im Alter oft schlecht da. Keine eigene Rente, keine eigene Krankenversicherung, keine eigene Altersvorsorge. Die Abhängigkeit vom Partner ist groß. Im Scheidungsfall kann das existenzbedrohend werden.

Das ist kein Randthema. Laut Agrarbericht sind etwa ein Drittel der Arbeitskräfte in der deutschen Landwirtschaft Frauen. Viele davon ohne eigenen Arbeitsvertrag, ohne eigene soziale Absicherung, ohne eigenen Betriebszweig. Und damit ohne eigene wirtschaftliche Basis.

2026: Das Jahr der Landwirtinnen

2026 ist offiziell das Jahr der Landwirtinnen in Deutschland. „Da wird viel dafür gemacht“, sagt Linda Kelly. Und sie macht mit. „Ich bin natürlich auch bereit, meinen Input zu geben und andere Frauen zu ermutigen, dass sie sich auch selber verwirklichen mit ihren Ideen.“

Mut ist das Wort, das immer wieder fällt. Mut, einen eigenen Betriebszweig aufzubauen. Mut, sich nicht in die Rolle der Zuarbeiterin drängen zu lassen. Mut, zu investieren und zu gründen, auch wenn der Bankberater skeptisch schaut. Linda Kelly hat das selbst durchgemacht. Vier Jahre lang hat sie Lupinensamen von Hand sortiert, ohne Maschinen, ohne Umsatz, nur mit der Überzeugung, dass die Idee trägt. „Wie Aschenputtel. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.“ Niemand hat ihr gesagt, dass daraus eine Marke werden würde.

Sie hat zwei Berufe gelernt. Erst die landwirtschaftliche Lehre, dann Industriekauffrau. „Weil man in der Landwirtschaft viel Büroarbeit hat“, sagt sie nüchtern. Als sie mit dem ersten Kind schwanger wurde, verließ sie die Industrie und stieg auf dem elterlichen Betrieb ein. Das war kein Rückschritt. Es war der Anfang von Lupinello.

Und dann der zweite Rat: Netzwerke aufbauen. „Sich das Netzwerk mit anderen Frauen ausbauen, um hier gestärkt voranzugehen“, empfiehlt sie. Nicht allein kämpfen, sondern sich zusammentun. Erfahrungen teilen, Kontakte weitergeben, voneinander lernen.

Keine Konfrontation

Was Linda Kelly wichtig ist, und das betont sie: Es geht nicht gegen die Männer. „Ich würde den Hof nicht allein schmeißen wollen. Die Kombination mit den Männern ist genau richtig. Aber es muss ausgeglichen sein.“

Auf ihrem Hof funktioniert das. Ihr Mann Michael ist Maschinenbauingenieur und hat Maschinen für die Lupinenverarbeitung umgebaut. Ihr Vater Josef führt den Ackerbau. Ihre Mutter Johanna war die Erste, die den Lupinenkaffee in der Pfanne geröstet hat. Jeder bringt Stärken ein. Aber Linda Kelly hat sich ihren eigenen Betriebszweig aufgebaut. Lupinello gehört ihr.

Was bleibt

„Wenn man scheitert, das ist auch keine Schwäche, sondern man kann aus allen Krisen gestärkt vorangehen.“ Krönchen aufsetzen, aufstehen, weitergehen. Das ist Linda Kellys Motto. Und es gilt nicht nur für sie.

Landwirtinnen brauchen vor allem eines: den Raum, sich selbst ernst zu nehmen. Und ein Umfeld, das sie lässt. Das Jahr der Landwirtinnen 2026 kann ein Anstoß sein. Die eigentliche Arbeit passiert auf den Höfen. Jeden Tag.

Linda Kellys ganze Geschichte im pekuu audiostories Podcast.

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