Die Kinder hatten ein Feuer im Garten angezündet. Xenia Krämer stellte den Sarg daneben und ließ ein Lied laufen, das sich die Familie gewünscht hatte. Dann trank die ganze Familie noch ein Schnäpsle am offenen Sarg. Bestatterin, Gartenfeuer, kleine Kinder, Schnaps – das klingt nicht nach dem, was man sich unter einem Todesfall vorstellt. Für Xenia Krämer aus Sigmaringen ist es aber genau das, was eine Hausaufbahrung sein kann, wenn man den Familien den Raum dafür gibt.
Xenia betreibt ein kleines Bestattungsunternehmen in der Fürst-Wilhelm-Straße. Sie arbeitet hauptsächlich alleine, ihr Mann hilft bei den Überführungen, eine Mitarbeiterin begleitet Trauerfeiern. Ab diesem Jahr bildet sie ihre Tochter zur Bestattungsfachkraft aus. Klein bedeutet bei ihr: Die Familie hat von Anfang bis Ende dieselbe Person. Und diese Person klingelt nicht einfach, holt ab und fährt davon.
Am Küchentisch fängt alles an
Wenn jemand zu Hause stirbt und Xenia gerufen wird, setzt sie sich erstmal an den Küchentisch. Die Familie erzählt, was passiert ist, wie die letzten Tage waren, ob der Tod erwartet kam oder plötzlich. Manchmal dauert das zehn Minuten, manchmal eine Stunde. Erst danach gehen alle zusammen ins Zimmer.
Was dann passiert, unterscheidet Xenias Hausaufbahrung von dem, was viele Bestatter machen. „Was uns unterscheidet von den meisten Bestattern, ist, dass wir eben nicht jetzt den Verstorbenen so mitnehmen, sondern dass wir die ganze Versorgung zu Hause machen.“ Versorgung heißt bei ihr: die Person waschen, einölen, einkleiden. Nicht im Bestattungsinstitut hinter verschlossenen Türen, sondern im Schlafzimmer, im Wohnzimmer, dort, wo der Mensch zuletzt gelegen hat.
Die Familie darf dabei sein. Manche helfen aktiv mit, fassen an, halten die Hand. Manche stehen daneben und schauen zu. Manche warten draußen, bis Xenia sagt, dass alles fertig ist. „Manche bleiben draußen, die kommen gar nicht mit, die warten, bis wir sozusagen fertig sind. Manche sind aktiv mit dabei, manche stehen nur dabei und schauen zu.“ Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Xenia liest die Situation und handelt danach.
Die Kleidung bestimmt die Familie
Angezogen wird in das, was sich die Angehörigen wünschen. Das darf der Lieblingsschlafanzug sein, ein Alltagspulli, ein Anzug oder ein Kleid, das die Person zu Lebzeiten geliebt hat. Wenn jemand ohnehin schon friedlich daliegt und etwas Schönes anhat, muss gar nichts gewechselt werden. „Wenn eine Person da liegt und vielleicht auch schon morgens frisch versorgt wurde oder auch einfach schon so ganz friedlich da liegt und vielleicht auch schon was Schönes anhat, ist das kein Muss.“
Eine Variante, die Xenia besonders mag, ist ein großes weißes Leintuch. Die Person wird darin eingehüllt, ohne Kleidung, aber nicht ohne Würde. „Wir kommen nackt und wir gehen nackt, aber doch nicht unwürdig nackt, sondern eigentlich eben so schön in diesem Tuch gewickelt.“ Ein Gedanke, der Familien oft berührt, weil er etwas Ursprüngliches hat.
Xenia bringt grundsätzlich ein Blümchen mit. Aus dem eigenen Garten oder vom Tisch zu Hause. Es ist eine kleine Geste, die Familien als Zeichen wahrnehmen, dass hier jemand kommt, dem es nicht egal ist. Danach räumt sie alle medizinischen Gegenstände aus dem Raum. Schläuche, Infusionsständer, alles, was an Krankenhaus erinnert, verschwindet. Der Mensch soll wieder aussehen wie ein Mensch und der Raum wieder wie ein Zuhause.
Hausaufbahrung: Der Sarg kommt zum Haus
In einer Kleinstadt wie Sigmaringen ist etwas möglich, was in der Großstadt oft an engen Treppenhäusern oder fehlenden Parkplätzen scheitert: Xenia bringt den Sarg direkt mit zum Haus. Mit einer Trage wird die Person zum Eingang gebracht, dort steht der offene Sarg bereit. Die Familie ist beim Einsargen dabei und sieht genau, wie ihr Mensch hineingelegt wird. Sie dürfen ein eigenes Kissen mitgeben, eine eigene Decke, Blumen aus dem Garten pflücken. Manchmal helfen sie, den Sarg durch den eigenen Garten zu tragen. Manchmal schließen sie den Deckel selbst.
„Wir gehen eigentlich immer mit einem richtig guten Gefühl und das Gefühl, sie haben uns den Verstorbenen mitgegeben und nicht, wir haben ihn mitgenommen.“ Dieser Unterschied klingt sprachlich klein, ist aber gewaltig. Familien, die vorher die Erfahrung gemacht haben, dass jemand auf einer Überführungstrage abgeholt wird – Sarg auf, Sarg zu, weg – beschreiben das im Vergleich als „richtig schwierig“.
Bei der Familie mit dem Gartenfeuer war noch mehr passiert als der Schnaps. Die Kinder waren da, das Feuer brannte, das Lied lief, und für einen Moment war der Tod nicht nur Verlust, sondern auch Gemeinschaft. „Es ist immer ein richtig gutes Gefühl eigentlich für die Familie und ich hatte noch nie das Gefühl, das war jetzt zu viel oder ich habe da jemanden überfordert.“ Denn es sind ja nicht irgendwelche Toten, wie Xenia sagt. Es sind die eigenen.
Auch wer nicht zu Hause stirbt, kann Abschied nehmen
Nicht jeder Mensch stirbt zu Hause. Wenn der Tod im Krankenhaus oder im Seniorenheim eintritt, macht Xenia die Versorgung dort. Die Familien dürfen auch dann dabei sein, auch wenn es seltener vorkommt. Vor einer Feuerbestattung empfiehlt Xenia den Angehörigen ausdrücklich, noch einmal ins Krematorium zu kommen, um sich zu verabschieden. Ein letztes Bild, in Ruhe, ohne piepende Geräte, ohne Krankenhausflur. „Auch da hatte ich jetzt noch nie eine Rückmeldung, dass es jemand bereut hat, dass sie nochmal gekommen sind, um Abschied zu nehmen.“
Die Versorgung hält sie dabei bewusst natürlich. Kein Schminken, kein kosmetisches Übertreiben. „Wir haben in der Regel ein Foto schon gesehen von den Verstorbenen, wir wissen so ein bisschen, wie sind die Haare.“ Es soll vertraut aussehen. Wie der Mensch war, nicht wie eine fremde Version davon.
Die Verstorbenen können bei einer Hausaufbahrung sogar noch eine Nacht im eigenen Bett bleiben. Xenia holt dann am nächsten Tag ab. Auch das ist eine Möglichkeit, die viele gar nicht kennen, weil niemand sie ihnen anbietet.
Hausaufbahrung: Was die meisten nicht wissen
Viele Menschen in Deutschland wissen gar nicht, dass eine Hausaufbahrung möglich ist. Man ruft den Bestatter an, der Bestatter kommt, holt ab, und das nächste Mal sieht man den Verstorbenen im Sarg bei der Trauerfeier. Was dazwischen passiert, bleibt unsichtbar. Xenia Krämer macht es sichtbar, und die Familien, die das erleben, beschreiben es als eines der wichtigsten Erlebnisse in einer schweren Zeit.
Der Tod kommt, sagt Xenia, und man kann ihn nicht verhindern. Aber man kann die Art gestalten, wie man ihm begegnet. In Sigmaringen gehört dazu manchmal ein Feuer im Garten, ein Lied und ein Schnäpsle am offenen Sarg.
Xenia Krämer erzählt im pekuu audiostories Podcast, wie sie Familien in Sigmaringen durch den Abschied begleitet.

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