Theaterpädagogik ist nicht Schauspiel-Ausbildung. Sie nutzt Theater als Werkzeug, um Persönlichkeit zu entwickeln, Bühnenpräsenz, Stimmkontrolle, Selbstbewusstsein, Empathie. Pascal Kaiser, Lehrer in Friedrichshafen, arbeitet seit Jahren beim Seehase Theater Friedrichshafen als Theaterpädagoge.
„Auch Theater ist eine Form sich auszudrücken und das ist schön jemanden dabei zuzuschauen, wie der sich entwickelt und wie der durch Theater und Spiele und Übungen vor allem halt ein enormes Selbstbewusstsein entwickelt.“
Pascal als Theaterpädagoge
Pascal arbeitet aktuell mit Sechst- bis Achtklässlern an einer Jahresaufführung. Was er bei der Rollenvergabe beobachtet, ist nicht das, was man von außen erwarten würde.
„Man hat in gewisser Weise schon vielleicht die Kids, die da dafür infrage kommen, im Blick, aber erkennt dann später, wie manche Rollen, wie die Kinder dann, die spielen eigentlich nicht die Rolle, sondern sie spielen eigentlich sich selbst.“
Das Theater wird zum Spielfeld für ein anderes Ich. Wer in der Klasse schüchtern ist, kann hier die Mutige spielen. Wer immer Klassen-Clown ist, kann ernsthaft sein.
Pascal beschreibt eine Verbindung zwischen Theater und Escape Room, die ihm aufgefallen ist: „Im Escape baut man eine Welt auf mit Requisiten und mit Licht und mit Dingen, die passieren. Im Theater ist es auch so. Es ist am spannendsten, wenn Dinge passieren, mit denen man irgendwie nicht gerechnet hat.“
Wirkung von Theaterarbeit auf Kinder
Pädagogische Forschung und Praxis nennen mehrere Effekte regelmäßiger Theaterarbeit bei Kindern und Jugendlichen. Wer auf der Bühne stand, weiß wie es ist, vor Menschen zu stehen. Vor einer Klasse, einem Vorstellungsgespräch, einem Vortrag wird das später leichter. Wer eine Rolle spielt, muss sich in eine andere Person hineindenken, wie diese reagiert, was sie fühlt. Und wer nach Monaten Proben am Aufführungs-Abend auf der Bühne steht und durchhält, hat eine echte Selbstwirksamkeits-Erfahrung gemacht. Pascal beobachtet das selbst bei seiner Gruppe.
Theaterpädagogik in der Bodensee-Region
Die Bodensee-Region hat eine vergleichsweise dichte Landschaft an theaterpädagogischen Angeboten.
Friedrichshafen: Das Seehase Theater Friedrichshafen ist die zentrale Anlaufstelle. Pascal Kaiser arbeitet dort als Theaterpädagoge mit Kindern und Jugendlichen an der Jahresaufführung.
Konstanz: Das Theater Konstanz unterhält ein pädagogisches Programm, Schulvorstellungen, Workshops, Theaterclubs für Jugendliche.
Ravensburg: Das Theater Ravensburg bietet theaterpädagogische Begleitung von Aufführungen, Klassenraum-Workshops zu bestimmten Stücken.
Singen: Die Färbe Singen, ein freies Theater, bietet regelmäßig Kurse.
Überlingen, Wangen, Tettnang, Lindau: Kleinere Bühnen und Vereine bieten meist saisonale Workshops, oft in Schul-Kooperationen.
Wer für ein Kind ein theaterpädagogisches Angebot sucht, beginnt am besten mit einem Anruf bei der lokalen Bühne. Anmelde-Fristen variieren, viele Anbieter haben jährliche Anmelde-Phasen im Spätsommer für die Saison bis Sommer des Folgejahres.
Was eine Theaterpädagogen-Probe ausmacht
Theaterproben mit Kindern und Jugendlichen kombinieren meistens drei Phasen: Warm-up mit Stimm- und Bewegungsübungen, Improvisation oder Übung zu einem Thema, Szenen-Arbeit am laufenden Stück. Was Theaterpädagogik vom reinen Schauspiel-Unterricht trennt: eine Reflexionsphase, in der besprochen wird, was im Spiel passiert ist und wie es sich angefühlt hat.
Pascals aktuelle Probenphase ist beispielhaft: Sechst- bis Achtklässler proben für eine Jahresaufführung mit dem Stück zu Bibliothek-Nutzung und Handy-Scrollen, ein Thema, das die Lebenswelt der Jugendlichen direkt berührt.
Was Eltern wissen sollten
Wenn das Kind ins Theater will: bei der lokalen Bühne nach Anfänger-Angeboten fragen. Erwartet keine Profi-Aufführungen, die Wirkung kommt aus dem Prozess, nicht aus der Premieren-Qualität. Wenn das Kind sich nicht traut, ist Theater genau dafür gemacht. Aber Zwang funktioniert nicht, das Kind muss bereit sein. Und wenn das Kind erst nach mehreren Proben aufblüht: das ist normal. Theater ist eine langsame Pflanze.
Wer mehr über Pascals pädagogischen Hintergrund verstehen will, findet im Artikel zu bedürfnisorientierter Erziehung in der Praxis seine Sichtweise auf Gruppendynamik. Seine Pestalozzi-Praxis verbindet Theater mit Linoldruck und Sauerteig.