Bedürfnisorientierte Erziehung gehört zu den Schlagworten der modernen Eltern-Welt. Sie meint nicht, dass jedem Kind alles erlaubt sein soll. Sie meint, dass Erziehung nicht durch Belohnung und Strafe funktioniert, sondern durch Wahrnehmung dessen, was hinter einem Verhalten steht. Das Kind reagiert nicht trotzig, es hat ein Bedürfnis, das gerade nicht gehört wird.
Was schön klingt, hat einen Haken: Wie macht man das in der Praxis? Wer im Alltag mit Kindern arbeitet, muss schnell entscheiden und kann nicht jedes Verhalten lange analysieren. Es gibt aber Berufe, die ein gutes Modell für diese Art von wachsamer Beobachtung bieten. Pascal Kaiser, Klassenlehrer einer sechsten Klasse in Friedrichshafen und Inhaber des Escape Rooms Escape in Time, kennt zwei davon.
Pascals doppelter Blickwinkel
Pascal arbeitet täglich mit Kindern in zwei sehr unterschiedlichen Settings, in der Schule mit seiner sechsten Klasse, im Escape Room mit Gruppen jeden Alters. In beiden braucht er den gleichen Skill: schnell zu sehen, was eine Gruppe oder ein einzelnes Kind gerade braucht.
Für die Spielleitung in seinem Escape Room formuliert er klar, was er erwartet.
„Es ist unglaublich wichtig, dass die Spielleiter, die bei mir arbeiten, genau zuschauen, wo ist die Gruppe gerade, wo braucht die vielleicht eine Unterstützung oder bisschen Hilfe, damit man vielleicht an einer Stelle weiterkommt oder nicht so viel unterstützt, weil man sieht, die Gruppe kann das sehr gut, die kommuniziert gut, die zeigt sich toll, was sie gefunden hat oder wie es weitergehen könnte.“
Diese Beschreibung ist erstaunlich präzise. Sie umfasst die zwei wichtigen Komponenten bedürfnisorientierter Beziehung: Zuschauen, wo die Person ist. Und entsprechend mehr oder weniger eingreifen.
Was im Escape Room sichtbar wird
Pascals Beobachtung aus seinen Escape-Gruppen lässt sich auf Erziehung allgemein übertragen.
„Kinder haben oft, sind da unbedarfter. Die probieren das einfach aus und geht es halt nicht, ja okay, ist nicht so schlimm. Aber die haben oft ganz andere Lösungsstrategien.“
Kinder probieren anders aus als Erwachsene. Sie haben weniger feste Denkmuster, weniger Angst vorm Scheitern. Wer als Erzieher diese Eigenschaft sieht, statt sie zu korrigieren, schützt eine wertvolle Fähigkeit.
Eine andere Beobachtung Pascals betrifft altersgemischte Gruppen.
„Altersgemischte Gruppen sind häufig sehr stark. Und wenn die Kommunikation unter denen auch noch passt und man sich Sachen zeigt und seine Überlegungen teilt, dann sind die oft sehr stark, weil die ein gutes Auge haben und unterschiedliche Herangehensweise und das ergänzt sich dann.“
In einer Familie ist das genauso. Wer Vier-Jährige und Vierzehn-Jährige zusammen Lego bauen lässt, sieht oft, dass beide etwas beitragen, wenn sie gelassen werden.
Was Pascal als Erfolg im Escape Room sieht
Was Pascal als Erfolg in seinem Escape Room misst, ist nicht das Entkommen.
„Das schönste finde ich, wenn die Gruppe sich selber neu kennengelernt hat. Wenn eine Gruppe sich durch das Spiel von dem Raum selber neu kennenlernt und der Raum wie so eine Art Mittel zum Zweck war.“
Das ist auch der Maßstab bedürfnisorientierter Erziehung, nicht ob das Kind macht was du willst, sondern ob die Beziehung gestärkt wird. Was im Escape Room über eine Stunde passiert, passiert in einer Familie über Jahre.
Missverständnisse rund um den Begriff
Bedürfnisorientierte Erziehung wird oft missverstanden als nachgiebige Erziehung. Pascals Beschreibung der Spielleitung zeigt das Gegenteil: aufmerksame Beobachtung verlangt Engagement, nicht Zurücklehnen. Spielleiter dürfen nicht zu früh helfen, aber auch nicht zu spät. Sie geben Hinweise, keine Lösungen. Sie sehen, wenn jemand in der Gruppe etwas zurückhält, und sie sehen, wenn jemand dominiert.
Diese Spielleitung-Beschreibung lässt sich auf Eltern und Erzieher allgemein übertragen. Bedürfnisorientiert heißt nicht alles erlauben. Es heißt: präzise hinschauen und passend reagieren. Welche pädagogische Tradition Pascal damit lebt, beschreibt der Artikel zu Pestalozzi und Kopf-Herz-Hand. Konkrete Spiele aus seiner Praxis im Artikel zu erlebnispädagogischen Spielen.