Interessante Menschen, die zufällig in deiner Nähe wohnen.

pekuu dokustories

Höhle Laichingen: 30.000 Besucher pro Jahr in einem 11.000-Einwohner-Ort

Laichingen hat etwa elftausend Einwohner. Die Höhle Laichingen hat dreißigtausend Besucher pro Jahr. Eine ganze Kleinstadt-Population zieht jährlich freiwillig fünfundfünfzig Meter senkrecht in die Erde, mitten in einen kleinen Ort auf der Schwäbischen Alb.

Alexander Schneider, Vorstand im Höhlen- und Heimatverein Laichingen, sagt es ohne Pose: „Wir haben pro Jahr ca. 30.000 Besucher. Mal mehr, mal ein bisschen weniger, aber so die 30.000.“ Hinter dieser Zahl steht keine Marketing-Maschine. Sie steht eine Vereinsstruktur.

Warum Laichingen eine Höhle hat, die alle kennen

Die Laichinger Tiefenhöhle ist die tiefste Schauhöhle Deutschlands. Das ist nicht eine Marketingaussage, sondern eine Tatsache: Keine andere ausgebaute, ohne Ausrüstung begehbare Höhle in Deutschland geht so weit nach unten. Schneider formuliert es so: „Die Laichinger Tiefenhöhle ist die tiefste Schauhöhle Deutschlands. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal.“

Für einen Ort mit elftausend Einwohnern ist das ein bemerkenswertes Erbe. Andere Gemeinden müssen sich an Geschichten klammern, die kaum eine Brücke in die Gegenwart haben. Laichingen hat ein konkretes, begehbares Etwas, und einen Verein, der seit über hundertdreißig Jahren entscheidet, wer hineindarf und wie.

Der Verein, der den ganzen Betrieb trägt

Die Höhle in Laichingen wird nicht von der Stadt betrieben, nicht von einem Pächter und nicht von einem Tourismus-Unternehmen. Sie wird vom Höhlen- und Heimatverein Laichingen getragen. Schneider beschreibt das genau: „Die Laichinger Tiefenhöhle wird durch den Höhlen- und Heimatverein Laichingen betrieben. Das heißt, wir organisieren den ganzen Wirtschaftsdienst und Höhlendienst, haben auch festangestellte Leute unter der Woche arbeiten, aber sonst wird alles ehrenamtlich gemacht. Ich bin Vorstand im Höhlen- und Heimatverein und mache eben auch Höhlendienst, Wirtschaftsdienst und alles drum, was sonst noch so anfällt.“

Vierhundert Mitglieder hat der Verein. Davon sind sechzig bis siebzig wirklich aktiv, also Leute, die am Wochenende Eintritte verkaufen, in der Höhle nach dem Rechten sehen, Kuchen backen oder Wege reparieren. Schneider zählt sich dazu. Der Vorstand macht hier nicht repräsentative Termine, sondern Schichtdienst.

Was im Hintergrund läuft

Wer einen Sonntagnachmittag in der Höhle Laichingen verbringt, sieht die fertige Inszenierung. Beleuchtung an, Audioguide funktioniert, Treppe gepflegt, am Ausgang gibt es Kuchen. Was er nicht sieht, ist die Arbeit dahinter.

„Die Höhle so weit instand zu halten, dass sie für Besucher zugänglich ist, ist natürlich schon ein Aufwand“, sagt Schneider. „Man muss die Wege pflegen, putzen, gegebenenfalls reparieren. Die Beleuchtung ist ein wichtiges Thema, die muss man instand halten, weil ohne Licht haben die Besucher auch kein so cooles Erlebnis.“

Außerdem das Rasthaus mit Getränken, kleinen Speisen und selbstgebackenem Kuchen. Auch das ist Vereinsarbeit. Wer in der Saison samstags um vier Uhr in der Cafeteria sitzt, isst Kuchen, den ein Vereinsmitglied am Morgen gebacken hat. Das ist kein Catering. Das ist das, was 400 Mitglieder unter „Mitmachen“ verstehen.

Warum es kein Marketing-Konzept gibt

Die Höhle Laichingen wirbt nicht. Sie hat keine Schlagworte, keine Influencer-Touren, keine bezahlte Reichweite. Was sie hat, ist die Tiefste-Schauhöhle-Deutschlands-Karte und Mundpropaganda über drei Generationen.

Die meisten Besucher kommen entweder, weil ihre Eltern sie als Kinder hier hatten, oder weil Schullklassen die Höhle als Ausflugsziel ansteuern. Reisebusse halten am großen Busparkplatz direkt neben dem Eingang. Familien aus Stuttgart, Ulm und München fahren am Samstag her, gehen runter, gehen wieder hoch, essen Kuchen, fahren zurück.

Dreißigtausend Besucher pro Jahr ohne Marketing-Budget, das ist die Pointe an Laichingens Höhle. Sie funktioniert, weil sie ist, was sie ist, und nicht versucht, etwas anderes zu sein.

Wer hier arbeitet

Die festangestellten Mitarbeiter, von denen Schneider spricht, halten den Betrieb unter der Woche aufrecht. Die sechzig bis siebzig aktiven Vereinsmitglieder übernehmen die Wochenenden. Schichtdienst, freiwillig, ohne Bezahlung. „Ich bin Vorstand“, sagt Schneider, „und mache auch Höhlendienst, Wirtschaftsdienst und alles drum, was sonst noch so anfällt.“ Ein Vorstand, der hinter dem Tresen steht, wenn niemand sonst da ist.

Diese Struktur ist nicht selbstverständlich. Andere Vereine in vergleichbarer Größe schaffen es nicht, eine touristische Großinfrastruktur zu betreiben. In Laichingen klappt es, weil zwei Generationen den Verein durch den eigenen Familienkalender geführt haben.

Die Geschichte, die immer wieder erzählt wird

Wer in Laichingen aufgewachsen ist, kennt die Höhle, bevor er sie zum ersten Mal sieht. Die Entdeckungsgeschichte der Tiefenhöhle gehört zum lokalen Erbe: Johann Georg Mack, ein Sand-Schürfer, der 1892 bemerkt, dass sein Sand-Haufen über Nacht kleiner wird, und seinen vierzehnjährigen Sohn an einem Seil mit einer Kerze in der Hand in den Boden hinunterlässt.

Diese Geschichte ist nicht ausgedacht. Sie ist Vereinschronik. Und sie ist der Grund, warum die Höhle Laichingen heute überhaupt existiert als Besucherort: Ohne Macks Entdeckung wäre der Hohlraum noch immer unentdeckt unter Laichingen.

Was bleibt

Eine Höhle in einem 11.000-Einwohner-Ort, dreißigtausend Besucher pro Jahr, vierhundert Mitglieder im Verein, ein Vorstand im Schichtdienst, ein Kuchen am Ausgang, und 55 Meter Erde dazwischen. Wer das verstehen will, muss einmal hin. Und dann nochmal.


Mehr zur Vereinsgeschichte, zum Schauhöhlen-Konzept Audioguide statt Führung und zu Alexander Schneiders eigenem Weg in die Höhlenforschung im Podcast mit Alexander Schneider.