Es gibt eine Regel in der Höhlenforschung, die so simpel klingt, dass sie fast banal wirkt. Mindestens zu dritt sein. Aber genau diese Regel rettet Leben.
Alexander Schneider, Vorstand im Höhlen- und Heimatverein Laichingen, erklärt sie: „Eine Höhlentour, wenn man zum Forschen geht, sollte man mindestens zu dritt sein. Das hat einfach den Sicherheitsaspekt. Wenn irgendwas passiert, kann eine Person raus und Hilfe holen und die zweite Person kann bei der verletzten Person bleiben.“
Drei Personen sind kein Aberglaube. Sie sind die mathematische Mindestmenge für ein arbeitsfähiges Notfall-System.
Warum nicht zu zweit
Wer zu zweit unterwegs ist und eine Person verletzt sich, hat ein Problem. Die zweite Person muss entweder bleiben (dann kann niemand Hilfe holen) oder gehen (dann ist die verletzte Person allein). Beide Optionen sind schlecht.
Zu dritt sieht es anders aus. Eine Person bleibt bei der verletzten und gibt Erste Hilfe. Eine Person geht raus und ruft Hilfe. Die verletzte Person ist nie allein. Die Notfallkette funktioniert.
Diese Regel gilt in der Höhlenforschung weltweit. Bei Forschungs-Touren ist sie nicht verhandelbar. Bei einfachen Besuchen in flachen Schauhöhlen ist sie weniger relevant, weil man dort jederzeit raus kann. Aber sobald es in unausgebaute Bereiche geht, ist sie eine Voraussetzung.
Was passieren kann
Schneider beschreibt die Gefahren-Lage in der Höhle nüchtern: „Ja klar, gewisse Gefahren lauern schon auch in der Höhle, aber ich sag mal die sind ähnlich wie jetzt beim Sportklettern am Fels. Man muss eben aufpassen, dass von oben nichts runter kommt, kein Stein.“
Der Vergleich mit Sportklettern ist hilfreich. Wer am Fels klettert, hat ein vertrautes Risikoprofil: Sturz, Sicherungs-Versagen, herabfallender Stein. Wer in einer Höhle ist, hat ähnliche Gefahren, plus einige spezifische.
Erstens: Steinschlag. In ungesicherten Höhlen kann sich Material aus der Decke lösen. Wer einen Helm trägt, ist gegen leichten Steinschlag geschützt. Bei schwererem Material reicht der Helm nicht aus, aber er hilft.
Zweitens: Sturz beim Klettern oder Abseilen. Ein Versagen des Klettergurts oder ein Bedienungsfehler am Abseilgerät kann zu einem Absturz führen. Mehr zur Ausrüstung im Artikel zur Höhlenforscher-Ausrüstung.
Drittens: Hochwasser. Manche Höhlen sind in regnerischen Phasen gefährlich, weil Wasser plötzlich in vorher trockene Bereiche eindringen kann. Wer eine Tour bei starkem Regen ansetzt, sollte das Risiko kennen.
Viertens: Verlaufen. In unbekannten Höhlensystemen kann man die Orientierung verlieren. Wer ohne Markierungssystem unterwegs ist, riskiert, den Rückweg nicht zu finden.
Was ähnlich ist wie beim Sportklettern
Schneiders Vergleich zum Sportklettern stimmt in mehreren Punkten.
Erstens: Sicherheit kommt vor Geschwindigkeit. Wer schnell sein will, macht Fehler. Wer langsam und sauber arbeitet, kommt durch.
Zweitens: Ausrüstung muss regelmäßig geprüft werden. Verschlissene Seile, beschädigte Helme, defekte Klettergeräte. Wer nichts prüft, riskiert Material-Versagen.
Drittens: Wissen schützt mehr als Hardware. Ein erfahrener Höhlenforscher mit einfacher Ausrüstung ist sicherer unterwegs als ein Anfänger mit Top-Equipment. Ausrüstung allein reicht nicht.
Viertens: Erfahrung wird langsam aufgebaut. Wer Klettern lernt, fängt mit leichten Routen an und arbeitet sich hoch. Wer Höhlenforschung lernt, fängt mit leichten Höhlen an und steigert sich.
Wo der Unterschied liegt
Sportklettern hat zwei Vorteile, die Höhlenforschung nicht hat. Erstens: Tageslicht. Bei einem Sturz oder Notfall hilft sichtbare Umgebung. In einer Höhle ist nichts sichtbar außer dem, was die Stirnlampe beleuchtet.
Zweitens: Funkkontakt. Beim Klettern in den Alpen oder im Mittelgebirge kann man oft Notruf absetzen. In einer Höhle ist meist kein Empfang. Wer Hilfe braucht, muss raus.
Diese beiden Unterschiede machen die Drei-Personen-Regel umso wichtiger.
Wie man Gefahren minimiert
Erfahrene Höhlenforscher haben ein paar einfache Regeln, die das Risiko reduzieren.
Erstens: Tour-Plan vorab teilen. Wer in eine Höhle geht, hinterlässt bei mindestens einer Person außerhalb ein Tour-Programm. Welche Höhle, geplante Dauer, erwartete Rückkehrzeit. Wenn die Tour zu lange dauert, kann diese Person Alarm schlagen.
Zweitens: Genug Reserve einbauen. Wer eine Tour von vier Stunden plant, hat genug Energie, Licht und Verpflegung für sechs. Es passiert immer wieder etwas, das die Tour verlängert.
Drittens: Bei schlechten Bedingungen umkehren. Wenn Wasser höher steht als erwartet, wenn Steine sich von der Decke lösen, wenn jemand körperlich nicht mehr fit ist, wenn die Ausrüstung Anzeichen von Versagen zeigt: umkehren ist nie eine Niederlage.
Viertens: Beim Lernen langsam vorgehen. Wer noch nie eine Schachthöhle abgeseilt hat, übt das nicht im 50-Meter-Schacht der unausgebauten Tiefenhöhle, sondern in kontrollierten Trainings-Umgebungen.
Schneider erwähnt im Interview die Jugendgruppe als wichtigen Lernort: „Da lernt man dann gerade den Umgang, Klettern am Seil und alles, was man so braucht, eine Höhle sicher befahren zu können.“ Mehr dazu im Artikel zum Höhlenforscher-Werden.
Was passiert, wenn etwas passiert
Trotz aller Vorsicht kann etwas passieren. Wer dann gut vorbereitet ist, kann den Schaden begrenzen.
Erste-Hilfe-Kenntnisse sind hilfreich. Eine kurze Schulung in Wundversorgung, Notfall-Lagerung und Verhalten bei Unterkühlung reicht für die meisten typischen Fälle. Wer professionellere Schulung will, kann Bergrettungs-Lehrgänge besuchen.
Notruf-Kommunikation: Wer wirklich in eine Notfall-Situation kommt, ruft die Höhlenrettung. Es gibt regionale Höhlenrettungs-Dienste, die in vielen Bundesländern aktiv sind. Wer eine längere Höhlentour plant, kennt die Nummer im Voraus.
Erste-Hilfe-Material muss in der Tour-Tasche sein. Ein kleines Set mit Pflastern, Verband, Wunddesinfektion, Schmerztabletten reicht für den Alltag. Bei längeren Touren in tieferen Höhlen wird die Notfall-Ausrüstung umfangreicher.
Was im Verein gelehrt wird
Der Höhlen- und Heimatverein Laichingen gibt Sicherheits-Grundwissen schon in der Jugendgruppe weiter. Wer dort trainiert, lernt nicht nur Klettern, sondern auch die Regeln für sichere Touren. Bei späteren Vereinsausflügen wird das wiederholt.
Wer als Erwachsener neu im Verein ist, wird in dieselben Standards eingeführt. Das passiert in der Regel durch erfahrene Mitglieder, die bei den ersten Touren mitkommen und die Sicherheits-Praxis weitergeben.
Was bleibt
Höhlenforschung ist nicht extrem gefährlich, wenn sie richtig gemacht wird. Sie ist auch nicht risikofrei. Wer die Regeln befolgt (mindestens zu dritt, gute Ausrüstung, vorsichtig vorgehen, Erfahrung schrittweise aufbauen), kann das Risiko in einen vergleichbaren Bereich wie das Sportklettern bringen.
Wer die Regeln umgeht, riskiert mehr als bei den meisten anderen Outdoor-Aktivitäten, weil die Höhle keine Sichtbarkeit und keine Kommunikation hat. Aber das ist eine bewusste Wahl. Wer vorsichtig ist, kommt heil zurück.
Mehr zur Höhlenforscher-Ausrüstung, zur Schwäbisch-Alb-Höhlenforschung und zur Vereinsarbeit im Podcast mit Alexander Schneider.
