In 80 Prozent der Fälle findet ein Höhlenforscher nichts. Manchmal 85 Prozent. Das ist die ehrliche Quote, die niemand in Reiseführern erwähnt.
Alexander Schneider, Vorstand im Höhlen- und Heimatverein Laichingen, beschreibt die Realität der Suche so: „Höhlen findet man, indem man durch die Landschaft durchläuft und einfach mal in jedes Loch reinschaut, wo irgendwie nach Höhle ausschauen könnte. Wahrscheinlich bei 80 Prozent oder 85 Prozent ergibt sich dann auch gar nichts. Dann gibt es viele Löcher, wo so kleine Hohlräume vielleicht dahinter sind, wo dann nach 10 Metern wieder Schluss ist.“
Das ist Höhlenforschung auf der Schwäbischen Alb. Zwischen Hoffnung und Statistik, mit hohem Misserfolgs-Anteil.
Was Höhlenforschung im Alltag bedeutet
Für die meisten Menschen ist Höhlenforschung ein Bild aus Dokumentationen: Helmlampen, Seile, Stalaktiten. In Wirklichkeit ist sie zu großen Teilen Geländearbeit. Wer eine neue Höhle finden will, läuft durch Karst-Gebiete und prüft jede verdächtige Mulde im Boden, jeden Spalt im Felsen, jedes Loch, das mehr als ein paar Zentimeter tief geht.
Schneider beschreibt, was passiert, wenn das Glück mal mitspielt: „Manchmal hat man Glück und findet einen Eingang von einer größeren Höhle. Dann merkt man sich, wo der Eingang ist, beziehungsweise man setzt sich auf KubiMaps Marker. Dann kommt man da wieder hin mit seiner Ausrüstung.“
Das ist die Realität. Wer einen vielversprechenden Eingang findet, kommt nicht sofort hinein. Er markiert die Stelle, dokumentiert sie und kommt mit voller Ausrüstung wieder. Mehr zur Ausrüstung für Höhlenforscher.
Warum die Alb dafür ein guter Ort ist
Die Schwäbische Alb ist eine Karst-Landschaft. Das bedeutet: Kalkstein als Hauptgestein, durch das Wasser über Hunderttausende von Jahren Hohlräume gelöst hat. Wer auf der Alb wandert, läuft fast immer über Höhlen, die unter ihm liegen.
Die meisten dieser Höhlen sind bekannt und kartiert. Aber es gibt auch nicht-katalogisierte Hohlräume, vor allem solche, die keinen offenen Eingang zur Oberfläche haben. Schneider weist darauf hin: „Es gibt auch Höhlen, die jetzt keine Verbindung zur Oberfläche haben, weil sie einfach tiefer liegen. Und da gibt es natürlich noch unendlich viel zu entdecken.“
Diese verdeckten Höhlen sind das eigentliche Forschungsfeld. Wer auf der Alb Höhlen erforscht, sucht nicht nach den bekannten Tropfsteinhöhlen, die schon in jedem Schauhöhlen-Verzeichnis stehen. Er sucht nach den noch unbekannten Hohlräumen unter der Karst-Schicht.
Was die Tiefenhöhle für Forscher bedeutet
Die Laichinger Tiefenhöhle ist nicht nur Schauhöhle. Sie ist auch Forschungs-Objekt. Der Schauteil endet bei 55 Metern. Darunter geht die Höhle weiter, aber nicht mehr für Besucher. Schneider erklärt: „Für die Höhleforscher ist die Laichinger Tiefenhöhle natürlich noch mal größer als das, was die Besucher im Schauteil sehen. Insgesamt können wir bis auf fast 100 Meter runtergehen.“
Diese unteren 45 Meter sind nicht ausgebaut. Wer dorthin will, braucht volle Höhlenforscher-Ausrüstung: Helm, Stirnlampe, Klettergurt, Abseilgerät, Steigklemmen. Außerdem braucht es Erfahrung. Wer das erste Mal eine Schachthöhle abseilt, übt das nicht im 50-Meter-Schacht eines unausgebauten Bereichs.
Die Tiefenhöhle dient damit dem Verein auch als Übungsraum. Bevor Mitglieder zu Expeditionen in andere Höhlen fahren, üben sie hier die nötigen Techniken im sicheren, bekannten Schacht.
Das Blauhöhlensystem
Wer auf der Schwäbischen Alb Höhlenforschung mit großen Zahlen verbindet, denkt an das Blauhöhlensystem. Schneider beschreibt es: „Ich weiß, dass das größte Höhlensystem auf der Schwäbischen Alb gerade das Blauhöhlensystem ist. Das erstreckt sich von Blaubeuren Richtung Sonderbuch-Seißen. Der erste Eingang, den man gefunden hat, war durch den Blautopf. Inzwischen gibt es mehrere Eingänge zu dem Höhlensystem, unter anderem die Hessenauhöhle.“
Das Blauhöhlensystem ist eine Wasser-Höhle. Höhlentaucher haben es über Jahrzehnte erforscht, kartiert und schrittweise erweitert. Jede neue Erkundungstour kann neue Gänge erschließen, neue Verbindungen finden, neue Eingänge entdecken. Mehr dazu im Artikel zum Blauhöhlensystem und Blautopf.
Wer das alles macht
Auf der Schwäbischen Alb gibt es mehrere Höhlenforschungs-Vereine. Der Höhlen- und Heimatverein Laichingen ist einer davon, aber nicht der einzige. Sie arbeiten oft zusammen, tauschen Karten und Erkenntnisse aus, organisieren gemeinsame Aktionen.
Der Laichinger Verein hat auch ein Forschungsgebiet außerhalb der Alb. Schneider erwähnt es: „Vereinsmitglieder forschen zum Beispiel im Toten Gebirge in Österreich rund um das Albert-Appel-Haus. Da haben wir ein Forschungsgebiet, wo wir sehr aktiv sind.“
Wer auf der Alb in einem Höhlenforschungs-Verein aktiv ist, ist nicht auf die Alb beschränkt. Das Tote Gebirge in den österreichischen Alpen ist ein klassisches Höhlenforschungs-Gebiet mit teils sehr tiefen Schachthöhlen. Mehr dazu im Artikel über die Forschung im Toten Gebirge.
Was ein Tag in der Forschung sein kann
Ein typischer Tag in der Schwäbisch-Alb-Höhlenforschung beginnt früh. Treffen in Laichingen oder am Ziel-Punkt, Ausrüstung verladen, kurz besprechen, was heute geplant ist. Drei Personen mindestens, weil das das Sicherheits-Minimum ist. Schneider beschreibt es so: „Eine Höhlentour, wenn man zum Forschen geht, sollte man mindestens zu dritt sein. Das hat einfach den Sicherheitsaspekt.“
Vor Ort wird die Ausrüstung angezogen, das Seil eingehängt, die Reihenfolge des Abseilens festgelegt. Eine Person geht zuerst, prüft den Zustand des Schachts, gibt das Zeichen. Die anderen folgen.
Im Schacht selbst wird vermessen, fotografiert, dokumentiert. Schneider beschreibt im Interview verschiedene Sinterformen, die man in Schwäbisch-Alb-Höhlen finden kann. Mehr zu Sintern, Stalaktiten und Stalagmiten.
Eine Forschungstour kann fünf bis acht Stunden dauern. Wer rauskommt, ist erschöpft, schmutzig und braucht zuerst eine Dusche und etwas Warmes zu trinken.
Warum Leute das machen
Schneider beantwortet die naheliegende Frage, was an Höhlenforschung reizt, so: „Für mich ist der Reiz im Erforschen von etwas Neuem ein bisschen größer als im Analysieren.“ Andere Mitglieder haben andere Schwerpunkte. Manche faszinieren die geologischen Strukturen, manche die Wasserwege, manche die Tier-Welt in Höhlen.
Was sie alle teilen, ist die Bereitschaft, Stunden in der Kälte und Feuchtigkeit zu verbringen, körperlich anstrengende Klettertouren zu machen und mit dem hohen Misserfolgs-Anteil zu leben. Wer keinen 80-Prozent-Misserfolg aushält, ist hier falsch.
Wie man einsteigt
Wer Interesse hat, ohne schon Höhlenforscher zu sein, kann beim Höhlen- und Heimatverein Laichingen anfragen. Es gibt regelmäßige Tagestouren, Schnupperaktionen und für Jugendliche eine eigene Jugendgruppe. Mehr dazu im Artikel zum Einstieg in die Höhlenforschung.
Für Erwachsene gilt nach Schneider: „Vorkenntnisse braucht man eigentlich keine. Man kann da ohne Ausrüstung und ohne alles kommen. Einfache Höhlen kann man zum Beispiel auch ohne Seil erkunden. Dann braucht man eigentlich bloß einen Helm, damit man sich der Kopf nicht anstößt und eine Taschenlampe. Und dann kann man schon ganz viele kleinere Höhlen auf der Alp erkunden.“
Helm und Taschenlampe als Mindestausrüstung, Einsteiger-Höhlen ohne Seil. So fängt man auf der Alb an.
Mehr zur Tiefenhöhle, zur Karst-Geologie und zur Vereinsarbeit im Podcast mit Alexander Schneider.
