Die meisten Menschen, die Xenia Krämer zum ersten Mal treffen, stellen irgendwann dieselbe Frage: Wie kannst du den ganzen Tag mit Tod und Trauer umgehen, und was macht das mit dir? Es ist die Frage, die immer kommt. Bei Familienfeiern, beim Elternabend, im Gespräch mit Fremden. Xenias Antwort überrascht jedes Mal: „Ich erlebe eigentlich mehr Schönes als jetzt nur Trauriges. Das heißt, ich erlebe ja ganz viel Liebe, ich erlebe ja ganz viel Zuwendung.“
Die Bestatterin aus Sigmaringen sagt dann noch einen zweiten Satz, den man von jemandem in ihrem Beruf noch weniger erwartet: „Ich habe absolut keine Angst vor dem Tod. Nicht vor dem Sterben, das wissen wir leider nicht, was da passiert. Aber vor dem Tod selber habe ich absolut das Gefühl, dass da nichts kommt.“ Und nach einer kurzen Pause: „Ich habe das Gefühl, da passiert etwas.“
Die goldenen Sterne
Was Xenia zu dieser Überzeugung gebracht hat, sind keine Bücher und keine philosophischen Gespräche. Es sind Momente, die sie selbst erlebt hat und für die sie keine Erklärung findet.
Ein junger Vater, zwei kleine Kinder, Beerdigung auf einem Friedhof irgendwo in der Pampa. Auf dem Boden, direkt am Grab, lagen drei goldene Sternchen. Wahrscheinlich von irgendeiner Weihnachtsdeko, wahrscheinlich vom Wind dahingetragen. Wahrscheinlich Zufall. „Immer wieder erlebe ich so ganz kleine Momente, wo ich denke, wow, wo kommt ihr denn jetzt her?“
Ein paar Wochen davor, eine andere Beerdigung. Die Witwe hatte eine Feder als Motiv für den Trauerdruck gewählt, weil ihr Mann zum Schluss so schwer geatmet hatte. Auf dem Weg zum Grab lag eine weiße Feder auf dem Kiesweg. Perfekt, unbeschädigt, genau dort.
„Da könnte ich wirklich viele Geschichten erzählen. Das sind die schönen. Da merke ich, auch jetzt, wenn ich Gänsehaut habe, bin ich berührt. Das ist was Schönes.“ Xenia behauptet nicht, dass die Toten Zeichen schicken. Sie behauptet gar nichts. Sie erzählt, was sie gesehen hat, und lässt es stehen.
Was der Tod ist und was das Sterben
Die Angst vor dem Tod, die viele Menschen ihr Leben lang begleitet, ist Xenia fremd geworden. Nicht weil sie den Tod verharmlost, im Gegenteil, sie erlebt ihn täglich in seiner ganzen Schwere. Aber sie hat gelernt, zwei Dinge zu unterscheiden, die die meisten Menschen in einen Topf werfen.
Das Sterben ist ein Prozess. Unberechenbar, manchmal schmerzhaft, manchmal friedlich. Davor hat Xenia Respekt, weil niemand weiß, wie es sein wird. Der Tod dagegen ist ein Zustand. Ein stiller Moment, in dem nichts mehr wehtut. Und manchmal, wenn man genau hinschaut, liegen drei goldene Sterne auf dem Boden.
Etwas in der Hand behalten
Neben den Momenten, die sich nicht erklären lassen, schafft Xenia auch greifbare Erinnerungen. Bei fast jeder Versorgung nimmt sie einen Fingerabdruck der verstorbenen Person. „Wir machen auch noch zum Beispiel immer einen Fingerabdruck vom Verstorbenen.“ Lebenslinien, die auf der ganzen Welt einmalig sind und die es nach diesem Menschen nie wieder geben wird.
Aus dem Fingerabdruck kann Erinnerungsschmuck entstehen. „Da gibt es heutzutage Erinnerungsschmuck, wo man eben mit diesem Fingerabdruck machen kann, tätowieren, alles Mögliche.“ Ein Ring mit der Gravur der Lebenslinien, ein Anhänger für die Kette, ein Tattoo auf der Haut. „Das ist auch immer eigentlich etwas, was die Menschen schon sehr erfreut, dass wir sowas einfach noch anbieten.“
Viele Familien wissen nicht, dass das möglich ist. In einem Moment, in dem alles zusammenbricht, denkt niemand an Fingerabdrücke. Deshalb macht Xenia es einfach, ohne gefragt zu werden. Wie die Blumen, die sie bei jedem Hausbesuch mitbringt. Wie die Frage, die sie jeder Familie stellt: „Was wünscht ihr euch? Was für ein Bedürfnis habt ihr?“
Warum die Angst vor dem Tod den Abschied ruiniert
Die meisten Menschen schieben den Gedanken an den Tod so weit weg, dass sie im Ernstfall nicht wissen, was sie tun sollen. Xenia beobachtet das bei fast jeder Familie, die zu ihr kommt. Die Menschen haben den Gedanken an den Tod so lange verdrängt, dass sie im Ernstfall nicht wissen, was sie tun sollen, was sie dürfen, was möglich wäre.
Die Angst vor dem Tod führt dazu, dass Abschiede passieren statt gestaltet werden. Dass Bestatter abwickeln statt begleiten. Dass Kinder ausgesperrt werden, weil die Erwachsenen Angst haben. Dass die Urne auf einem Friedhof steht, obwohl die Familie sie lieber zu Hause hätte.
„Der Tod kommt, wir können ihn nicht verhindern, egal in welchem Alter, sei es das ganz kleine Baby, sei es der betagte Mensch.“ Was man verhindern kann: dass der Abschied schlecht ist. „Ich glaube, dadurch, dass wir das schön machen, dadurch kann ich es gut. Und das zu spüren mit den Familien, dass sie sich gut aufgehoben fühlen, da kriegst du so viel zurück.“
Xenia Krämer hat keine Angst vor dem Tod. Sie hat Respekt vor dem Sterben, weil niemand weiß, was da passiert. Aber vor dem, was danach kommt, fürchtet sie sich nicht. Und manchmal, auf einem Friedhof in der Pampa, bestätigen drei goldene Sterne auf dem Boden, dass da vielleicht doch etwas ist.
Xenia Krämer erzählt im pekuu audiostories Podcast, was der Tod sie über das Leben gelehrt hat.
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