Das Entenküken war tot. Xenias zwölfjährige Tochter tat, was Kinder manchmal tun, wenn sie etwas nicht verstehen und trotzdem etwas tun wollen: Sie bastelte dem Küken ein Krönchen auf den Kopf und wickelte eine Perlenkette um die Krallen. Alles ganz liebevoll, ganz ernst gemeint. Xenia Krämer schaute zu und sagte einen Satz, der alles verändern sollte: „Du wirst mal Bestatterin.“
Dieser Satz, so erzählt sie es heute, war der Beginn von allem. Die Tochter, die damals das Entenküken schmückte, wird in diesem Jahr tatsächlich ihre Bestattung Ausbildung beginnen. Bei ihrer Mutter. In Sigmaringen.
Von der Kinderkrankenschwester zur Suchenden
Xenia hatte Kinderkrankenschwester gelernt, vier Kinder bekommen und war so die ersten Jahre bei ihren Kindern zu Hause. Als die Frage kam, wo es beruflich weitergehen soll, war eins klar: zurück auf die Station nicht. Was sie immer gewollt hatte, war Hebamme werden. Sie bewarb sich für eine Hebammenausbildung, wurde angenommen. Es hätte bald losgehen können.
Dann starb das Entenküken. Und dann sagte sie diesen Satz. Bestatterin. „Die Idee, da bin ich noch gar nie drauf gekommen. Oder ich hatte einfach auch noch gar nie zum Glück Kontakt mit einem Bestattungsunternehmen.“ Die Idee war da, aber sie hatte noch keine Form.
Ein Buch, das alles veränderte
Kurz nach dem Entenküken erschien in der Schwäbischen Zeitung ein Artikel über ein Buch. In dem Buch ging es um eine Frau, die wusste, dass sie die Schwangerschaft ihres Kindes nicht überleben würde. Sie trug das Kind trotzdem aus. Sie hatte einen guten Abschied. Und sie wurde danach Bestatterin.
Xenia kaufte das Buch. Es gab dem Gefühl, das seit dem Entenküken in ihr arbeitete, eine Richtung. „Dann war auch mir klar, ich möchte nicht Hebamme machen. Ich möchte Eltern betreuen, die ein Kind verloren haben.“
Was folgte, war ein Jahr Ausbildung zur Trauerbegleiterin in München. Über die ersten Eltern, die sie nach einer stillen Geburt begleitete, fand sie den Weg in ein Bestattungsunternehmen und dort ihren ersten Arbeitsplatz. 2021 machte sie sich in Sigmaringen selbstständig und gründete Papilio Bestattungen.
Was keine Bestattung Ausbildung lehrt
Xenias Betrieb ist klein. Sie arbeitet hauptsächlich alleine, ihr Mann unterstützt bei den Überführungen, eine Mitarbeiterin begleitet Trauerfeiern. Klein sein heißt: von Anfang bis Ende die gleiche Person. Vom Gespräch am Küchentisch bis zur Rede am Grab.
Was Xenia an diesem Beruf am meisten überrascht hat, ist der Einfluss. Die meisten Menschen haben sich nie mit Bestattung beschäftigt und stehen im Ernstfall völlig blank da. Wer ihnen dann gegenübersitzt, prägt den ganzen Abschied. Und das Vertrauen, das die Familien einem entgegenbringen, ist riesig.
Und was sicher keine Bestattung Ausbildung der Welt lehrt: dass man mehr Schönes erlebt als Trauriges. „Ich erlebe ja ganz viel Liebe, ich erlebe ja ganz viel Zuwendung.“ Die Verstorbenen sind nicht ihre eigenen. Sie leidet nicht mit, sie fühlt mit. „Ich habe ein Mitgefühl mit der Familie und mit den Angehörigen, aber ich bin deswegen ja nicht traurig. Ich glaube, dadurch, dass wir das schön machen, dadurch kann ich es gut.“
Wenn die Leute nicht mehr gehen wollen
Xenia beschreibt sich als offenen, herzlichen, positiven Menschen. Ihre Räume in Sigmaringen sind hell, groß, mit Liebe gestaltet. Nicht dunkel, nicht schwarz. Sie selbst trägt manchmal einen bunten Pullover. „Viele Menschen umarmen mich tatsächlich eigentlich schon bei der ersten Begegnung.“ Ihr Mann sagte mal: Du umarmst immer alle gleich. „Da sage ich, nee, die umarmen mich.“
Eine Frau saß mal nach dem Beratungsgespräch da und wollte nicht mehr gehen. „Ach, ist das schön, ich will noch gar nicht gehen.“ Im Bestattungsunternehmen. Dieser Satz sagt mehr über die Wirkung einer guten Bestatterin als jede Beschreibung es könnte.
Manchmal beginnt ein Beruf mit einem toten Entenküken und einer Tochter, die es mit Perlenketten schmückt. Und manchmal wird genau diese Tochter Jahre später selbst zur Bestattungsfachkraft ausgebildet. Von ihrer Mutter, in Sigmaringen, in den hellen Räumen, die Menschen nicht mehr verlassen wollen.
Xenia Krämer erzählt im pekuu audiostories Podcast ihren Weg von der Kinderkrankenschwester zur Bestatterin.
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