Die Schwangere hatte gerade erst den Test gemacht, vielleicht ein paar Tage zuvor, vielleicht noch bevor die Tage überhaupt ausgeblieben waren, weil die Tests heute so früh anschlagen. In ihrem Kopf war das Baby schon da. Nicht als Zellhaufen, sondern als Kind. Sie hatte sich vorgestellt, wie Weihnachten sein würde mit Kind am Tannenbaum. Was mit dem Beruf passiert. Ob die Wohnung noch reicht. Und dann war es vorbei. Und dann war es still.
Bestatterin Xenia Krämer aus Sigmaringen begleitet Eltern nach Fehlgeburten und stillen Geburten. Was sie von diesen Eltern immer wieder hört, handelt nicht von Trauer. Es handelt von Einsamkeit.
Jede zweite bis dritte Frau
Die Zahl überrascht jeden, dem Xenia sie nennt. Jede zweite bis dritte Frau erlebt eine Fehlgeburt. Dass so wenige darüber reden, hat mit einem Satz zu tun, den fast jede Schwangere kennt: Ich sage erst nach drei Monaten, dass ich schwanger bin. Falls ich es verliere, kriegt es niemand mit.
Xenia hört in diesem Satz nicht Vorsicht, sondern Einsamkeit. „Man darf ja mitkriegen, man darf ja auch mitkriegen, dass es dir nicht gut geht damit.“ Der Satz schützt vor Erklärungen, aber er bedeutet auch: Wenn es schiefgeht, trauert die Frau allein. Der Mann trauert allein. Niemand weiß Bescheid, also fragt auch niemand.
Manche Paare erleben das nicht einmal, sondern mehrfach hintereinander. „Dass das auf jeden Fall was mit den Eltern macht, ist eigentlich klar, wenn man es ausspricht. Und doch ist es in unserer Gesellschaft nicht so wirklich gesehen.“ Paare, die jahrelang versuchen, schwanger zu werden, und dann mehrere Fehlgeburten durchleben, existieren im Umfeld oft gar nicht als trauernde Eltern. Weil niemand wusste, dass sie schwanger waren. Weil sie es erst nach drei Monaten sagen wollten.
Was die Eltern selbst sagen
Xenia hat die Antwort auf die Frage, was nach einer Fehlgeburt hilft, nicht aus Ratgebern. Sie hat sie von den Müttern und Vätern. Immer wieder derselbe Satz: „Sie möchten angesprochen werden, sie möchten, dass man das Kind nicht vergisst.“
Nicht nur in den ersten Wochen. An den Geburtstagen, wenn Geburtstag gewesen wäre. An den Todestagen. An Weihnachten. An den Tagen, die für alle anderen normal sind und für die Eltern die schwersten des Jahres.
Was das konkret heißt, klingt so klein, dass es fast lächerlich wirkt. Ein Foto von einem Schmetterling schicken und dazuschreiben: „Guck mal, ich denke gerade an deine Kleine.“ An Weihnachten eine Kerze anzünden und sagen: „Ich trinke für eure Kleine.“ Vor die Tür Blumen stellen. Fragen: Kann ich für euch kochen? Oder der eine Satz, der alles zusammenfasst: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber ich bin da.“
Warum Schweigen schlimmer ist als jeder unbeholfene Satz
Die meisten Freunde und Familienmitglieder schweigen nicht aus Gleichgültigkeit. Sie schweigen, weil sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Weil sie nicht wissen, ob sie das Thema ansprechen dürfen. Weil sie denken, dass Schweigen weniger wehtut als ein falsches Wort.
Xenia hat von den Eltern eine andere Wahrheit gehört. „Man muss sich gar nicht so viele Gedanken machen, wie man irgendetwas formuliert. Wichtiger ist, man sagt etwas, als dass man gar nichts sagt.“ Wem Sprechen zu schwer fällt, kann schreiben. Wer bei der Beerdigung dabei sein will, kann anbieten, die Kerze zu gestalten oder ein Gedicht vorzutragen.
Was die Eltern am meisten verletzt, ist nicht der Freund, der das Falsche sagt. Es ist der Freund, der gar nichts sagt. Der sich drei Wochen meldet und dann aufhört. Der zum Alltag zurückkehrt, während die Eltern in ihrer Trauer steckenbleiben.
Wo dieses Thema hingehört
Xenia besucht ein- bis zweimal im Jahr eine Schulklasse. Neunte Klasse, fünfzehnjährige. Sie spricht dort über den Tod, über Bestattung, über Sternenkinder. „Ich sage, wenn euch das mal passiert, wenn ihr eine Freundin habt, der es passiert oder eine Schwester oder ein Freund, denkt an den heutigen Tag, denkt daran, es gibt Unterstützung, es gibt so viele Möglichkeiten.“
Der Satz richtet sich an Teenager, aber er gilt für alle. Denn wenn man nach einer Fehlgeburt helfen will, braucht man keine großen Gesten. Man braucht nur den Mut, nicht zu schweigen. Und das Wissen, dass ein Satz wie „Ich bin da“ mehr wert ist als jedes perfekt formulierte Beileid.
Xenia Krämer spricht im pekuu audiostories Podcast über Fehlgeburt, Sternenkinder und was Familien wirklich brauchen.
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