Wenn jemand stirbt, kennst du dich nicht aus. Du weißt nicht, was du tun musst, nicht was du darfst, nicht was möglich wäre. Du setzt dich einem Menschen gegenüber, den du noch nie gesehen hast, und sagst: Machen Sie. In diesem Moment hat der Bestatter mehr Einfluss auf den Abschied als die gesamte Familie zusammen. Xenia Krämer weiß das. „Wir haben schon einen großen Einfluss so ein bisschen. Wir BestatterInnen.“
Die Bestatterin aus Sigmaringen sagt das nicht mit Stolz. Sie sagt es als Warnung. Denn ein guter Bestatter verändert, wie eine Familie den Tod erinnert. Und ein schlechter auch.
Niemand beschäftigt sich vorher damit
„Die wenigsten möchten sich damit beschäftigen. Die wenigsten wollen das Thema Tod und Bestattung angehen.“ Das bedeutet: Familien kommen ins Bestattungsunternehmen und haben keine Vorstellung davon, welche Möglichkeiten es gibt. Darf man den Sarg bemalen? Darf man den Verstorbenen zu Hause behalten? Dürfen die Kinder dabei sein? Darf man noch ein Schnäpsle trinken?
Auf all diese Fragen ist die Antwort ja. Aber wenn niemand sie stellt, passieren sie nicht.
Das ist der Punkt, an dem ein guter Bestatter den Unterschied macht. Nicht durch teurere Särge oder längere Reden, sondern durch eine einzige Eigenschaft: Er fragt. „Was wünscht ihr euch? Was für ein Bedürfnis habt ihr? Was wäre jetzt noch gut? Was braucht ihr jetzt noch?“ Xenia stellt diese Fragen bei jeder Begleitung. Und fast immer kommt etwas zurück, das die Familie alleine nie formuliert hätte.
„Und wenn sie dir dann vertrauen, möchten sie das ja auch dann auch annehmen, so was ich ihnen empfehle.“ Dieses Vertrauen ist nicht geschenkt. Es ist eine Verantwortung. Die Familien überlassen dir eine Erfahrung, die sie für den Rest ihres Lebens begleiten wird. Und die meisten von ihnen haben keinen Vergleich, keine zweite Meinung, keinen Plan B.
Was passiert, wenn keiner fragt
Xenia kennt die Gegenbeispiele aus den Erzählungen der Familien. Manche kommen zu ihr, weil sie bei einem früheren Todesfall eine Erfahrung gemacht haben, die sie nicht vergessen können. Ein Bestatter, der mit der Trage kam, den Verstorbenen aufgeladen hat und wieder gefahren ist. Kein Gespräch, keine Fragen, keine Möglichkeit, sich richtig zu verabschieden. „Das ist für manche glaube ich richtig schwierig.“
Was in diesen Momenten verloren geht, ist nicht nur der Abschied. Es ist das Gefühl, dass man den eigenen Toten mitgegeben hat statt dass er einem weggenommen wurde. Dieser Unterschied, den Xenia in einem Satz zusammenfasst, trägt alles.
Ermutigen statt abwickeln
Die meisten Familien trauen sich nicht zu fragen. Nicht weil sie nichts wollen, sondern weil sie nicht wissen, dass es geht. Weil niemand ihnen sagt, dass ein Sargdeckel kein heiliges Objekt ist. Dass Kinder sich verabschieden dürfen. Dass man noch einen Tag warten kann.
„Sie müssen ein bisschen auch gefragt werden oder auch so ein bisschen auch manchmal ermutigt werden.“ Das Ermutigen richtet sich oft gar nicht an die Familie, sondern an die Angst der Familie. Die Angst, etwas Falsches zu wollen. Die Angst, den Bestatter zu nerven. Die Angst, dass das, was sich richtig anfühlt, nicht erlaubt ist.
Ein guter Bestatter nimmt diese Angst und ersetzt sie durch Möglichkeiten. „Da gab es jetzt eigentlich noch nichts, was ich dann auch nicht erfüllen konnte.“ Sargdeckel bemalen, Blumen pflücken, den Sarg durch den eigenen Garten tragen, das Baby noch einmal nach Hause bringen, die Kinder entscheiden lassen. Alles möglich. Aber nur, wenn jemand es anbietet.
Ein guter Bestatter entscheidet nicht über Leben und Tod. Aber er entscheidet, wie sich der Tod anfühlt. Für die Familien, die danach weiterleben müssen.
Xenia Krämer erzählt im pekuu audiostories Podcast, wie sie Bestattung in Sigmaringen versteht.

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