Herdwangen-Schönach
Wer auf dem Balkon von Linda Kellys Bauernhaus steht, sieht den Säntis. Und Grün, wohin man schaut. Der Biolandhof Kelly liegt in Oberndorf, einem Ortsteil von Herdwangen-Schönach im Landkreis Sigmaringen. Ein Einzelhof außerhalb der Ortschaft, eingebettet in Felder und alte Bäume. „Wenn ich zum Beispiel aus meinem Balkon rausschaue, dann sehe ich den Säntis und die schönen Berge und sehr, sehr viel Grün um uns herum“, erzählt Linda Kelly. Hier leben drei Generationen. Und auf den Feldern ringsherum wachsen Süßlupinen.
Herdwangen-Schönach ist eine Gemeinde im Oberen Linzgau, auf einem Höhenzug zwischen Pfullendorf im Norden und Überlingen im Süden. Rund 3.500 Einwohner, zwölf Kilometer nördlich vom Bodensee. Keine Großstadt, kein Touristenmagnet im klassischen Sinne. Aber ein Ort, an dem Menschen Dinge tun, die über die Gemeindegrenze hinaus wirken.
Drei Gemeinden, ein Ort
Die Gemeinde entstand 1974 durch die Zusammenlegung von drei Gemeinden: Herdwangen, Großschönach und Oberndorf. Herdwangen und Großschönach waren badisch, Oberndorf hohenzollerisch. Diese Grenzlage zwischen den historischen Territorien prägt die Gegend bis heute. Man merkt es an den Dialekten, an den Traditionen, an der Art, wie hier gewirtschaftet wird: eigenwillig und bodenständig.
Linda Kellys Biolandhof liegt in Oberndorf. Ein Einzelhof, das heißt: keine Nachbarn in Sichtweite. Zwei Wohnhäuser, ein altes Bauernhaus, Ställe, Werkstätten, Lagerhallen. Dazwischen alte Bäume, die in die Hoffläche hineinwachsen. Ein Ort, der über Generationen gewachsen ist, nicht am Reißbrett geplant.
Oberndorf war bis zur Gemeindereform hohenzollerisch, während Herdwangen und Großschönach zu Baden gehörten. Knapp 200 Einwohner zählte der Ortsteil 1961. Heute ist er noch kleiner. Aber hier hat Linda Kelly etwas aufgebaut, das weit über den Weiler hinaus bekannt ist. Ihre Marke Lupinello verschickt Lupinenkaffee und Lupinenmehl von diesem Einzelhof aus in die ganze Republik. Der Kontrast könnte kaum größer sein: ein Ort, den man auf der Karte suchen muss, und eine Marke, die auf Messen und in Medien auftaucht.
Biolandhof Kelly: Vom Getreide zur Lupine
Der Hof ist seit 2007 Bioland-zertifiziert. Linda Kellys Eltern, Johanna und Josef Warnke, hatten damals von konventionell auf ökologisch umgestellt. „Sie haben sich ein bisschen wie eine Marionette gefühlt in diesem System“, erinnert sich Linda Kelly. In der Bodenseeregion gab es schon Vorzeigebetriebe, die zeigten, dass Ökolandbau funktioniert. „Wir haben hier in unserer Bodenseeregion schon sehr viele Vorzeigebetriebe, die ökologisch wirtschaften.“
Auf 170 Hektar wachsen Weizen, Gerste, Leguminosen und Mais. Dazu kommen Mastbullen, Mutterkühe und Zuchtpferde. Und seit 2013 zehn Hektar Süßlupinen, aus denen Linda Kelly unter der Marke Lupinello Lebensmittel herstellt. Kaffee, Mehl, Flocken, Würze, Nudeln, Edelbrände. Alles vom Anbau bis zum Versand passiert hier vor Ort.
Landwirtschaft zwischen Bergen und Wetter
Die Lage auf dem Höhenzug im Linzgau ist schön und launisch zugleich. Der Blick auf die Alpen ist atemberaubend. Aber das Wetter spielt nicht immer mit.
2018 war der Sommer so heiß und trocken, dass Linda Kellys Lupinenschoten auf dem Acker aufplatzten. „Die sind einfach aufgesprungen, weil es so trocken war.“ In einem anderen Jahr versank der Traktor im nassen Boden. Und einmal hat Hagel achtzig Prozent der Lupinenernte vernichtet.
„Wir versuchen, die Lupinenfelder zu verteilen, damit wenn eine Hagelschneise durchgeht, nicht gleich alle zehn Hektar platt sind“, erzählt Linda Kelly. Landwirtschaft in der Gemeinde ist kein Selbstläufer. Es braucht Anpassungsfähigkeit, Planung und die Bereitschaft, Verluste wegzustecken.
Aufwachsen zwischen Generationen
Was der Ort für Linda Kelly persönlich bedeutet, zeigt sich im Alltag. Ihre Kinder wachsen hier auf, wie sie selbst aufgewachsen ist. Mit Platz, Freiraum, Tieren, Natur. „Gefühlt alle Freundinnen waren immer bei mir“, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Und das wiederholt sich in der nächsten Generation. „Auch hier sind immer ganz viele Kinder da, weil hier einfach der Platz ist, der Freiraum, man kann sich richtig austoben.“
Drei Generationen auf einem Hof im Linzgau, das bedeutet: gemeinsame Mahlzeiten, Austausch am Küchentisch, Kompromisse finden, Verantwortung teilen. „Man lernt zu kommunizieren, man merkt, was Familie bedeutet“, sagt Linda Kelly. Und man ist nicht so viel am Handy, sondern geht raus. Frische Luft statt Bildschirm. Bodenseelandschaft statt Social Media.
Mehr als eine Postleitzahl
Die Gemeinde ist für Linda Kelly nicht nur eine Adresse. Es ist der Ort, an dem aus einem erfrorenen Weizenfeld, einer Bratpfanne voller Rauch und einer Idee die Marke Lupinello wurde. Der Ort, an dem ihre Kinder lernen, was es heißt, auf einem Hof zu leben. Und der Ort, von dem aus Lupinenkaffee in Paketen durch ganz Deutschland verschickt wird.
Krönchen aufsetzen, aufstehen, weitergehen. Das ist Linda Kellys Motto. Und es passt auch zur Gemeinde, in der sie lebt. Unspektakulär von außen, erstaunlich produktiv von innen.
Die ganze Geschichte von Linda Kelly im pekuu audiostories Podcast.
Schreibe einen Kommentar