Wer in Stuttgart oder Ulm wohnt und „Höhle in der Nähe“ in eine Suchmaschine eingibt, bekommt ein gutes Dutzend Treffer auf der ersten Seite. Was selten dazu steht: welche dieser Höhlen die nächstgelegene ist, welche die tiefste, welche die tropfsteinreichste, welche die geschichtsträchtigste. Vier verschiedene Antworten, vier verschiedene Höhlen.
Wir versuchen hier eine ehrliche Karte. Mit Vergleichswerten von Alexander Schneider, Vorstand im Höhlen- und Heimatverein Laichingen, der die Alb-Höhlen seit Jahrzehnten von innen kennt.
Die nächstgelegene ist nicht die spektakulärste
Von Stuttgart aus liegt die Bärenhöhle bei Sonnenbühl mit Abstand am nächsten, etwa eine knappe Autostunde über die A 8 und dann die L 230. Sie ist die Höhle, die für viele Stuttgarter zur Kindheit gehört.
Von Ulm aus ist es die Wimsener Höhle im Lautertal, ebenfalls in rund einer Stunde erreichbar. Sie ist die einzige Höhle in Deutschland, die per Boot befahren wird, Wasser-Höhle statt Stein-Höhle.
Diese „nächstgelegen“ ist die geografische Antwort. Die Frage „welche ist sehenswert“ ist davon getrennt.
Vier Schauhöhlen im Vergleich
Schneider sagt einen Satz, der den Maßstab setzt: „Die Laichinger Tiefenhöhle ist die tiefste Schauhöhle Deutschlands. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal.“
Genau so muss man auch die anderen Höhlen einordnen, jede hat ihren eigenen Anker:
Laichinger Tiefenhöhle, die tiefste. 55 Meter senkrecht hinab, 620 Stufen, eine Schachthöhle. Audio-System, keine Führung, eigenes Tempo. Von Stuttgart 60 Kilometer, von Ulm 35 Kilometer.
Bärenhöhle Sonnenbühl, die bekannteste. Echte Tropfstein-Höhle, in der einst Bärenknochen gefunden wurden. Geführte Rundgänge, gemütliches Spaziertempo. Vor allem für Familien ein Klassiker.
Nebelhöhle Sonnenbühl, die tropfsteinreichste. Direkt neben der Bärenhöhle, aber eigenständig. Hat ein deutlich stärkeres Tropfstein-Repertoire als die Tiefenhöhle.
Wimsener Höhle, die einzige mit Boot. Wer eine andere Art von Höhlen-Erlebnis sucht, ist hier richtig. Das Boot fährt durch die wassergefüllten Eingangskammern.
Was Schneider selbst empfiehlt
Im Gespräch nennt Schneider eine direkte Vergleichs-Empfehlung. Er weist darauf hin, dass die Tiefenhöhle „gar nicht so viele Tropfsteine“ hat, und ergänzt für alle, die mehr Tropfsteine sehen wollen: „Es gibt andere Schauhöhlen auf der Schwäbischen Alb, gerade auch Laichingen herum. Zum Beispiel die Sontheimer Höhle oder die Schertelshöhle bei Westerheim. Da hat es dann auch deutlich mehr Tropfsteine und auch größere Tropfsteine.“
Das ist ungewöhnlich offen. Der Vorstand einer Schauhöhle empfiehlt im selben Atemzug zwei Konkurrenten, und es passt zur Logik der Tiefenhöhle. Wer das spektakulärste Tropfstein-Erlebnis sucht, gehört woanders hin. Wer die tiefste Schauhöhle Deutschlands sehen will, gehört zur Tiefenhöhle.
Das größte Höhlensystem: das Blauhöhlensystem
Schneider nennt im Gespräch eine andere Größenordnung, die das Bild der Alb verändert: „Ich weiß, dass das größte Höhlensystem auf der Schwäbischen Alb gerade das Blauhöhlensystem ist. Das erstreckt sich von Blaubeuren Richtung Sonderbuch-Seißen. Der erste Eingang, den man gefunden hat, war durch den Blautopf. Inzwischen gibt es mehrere Eingänge zu dem Höhlensystem, unter anderem die Hessenhauhöhle.“
Das Blauhöhlensystem ist kein Ziel für klassische Höhlen-Besucher, es ist Forschungsterrain. Aber wer den Blautopf besucht, steht am Eingang zum größten erschlossenen Höhlensystem der Schwäbischen Alb. Das macht den Blautopf zu einem geologisch faszinierenden Ort, auch wenn man die Höhle selbst nicht betreten kann.
Welche Höhle für welches Ziel
Wenn jemand fragt „welche Höhle soll ich besuchen“, lässt sich das ehrlich nur in vier Antworten zerlegen:
Ich will Tiefe und ein körperliches Erlebnis: Laichinger Tiefenhöhle. Schachthöhle, 620 Stufen, eigenes Tempo. Keine Führung, ein Audiosystem.
Ich will klassische Tropfsteine und eine Führung: Bärenhöhle oder Nebelhöhle bei Sonnenbühl. Oder eben Schertelshöhle, Sontheimer Höhle, die kleinere, lokalere Variante.
Ich will Wasser und Boote: Wimsener Höhle. Einzigartig in Deutschland.
Ich will Eiszeit und Geschichte: Hohle Fels bei Schelklingen, UNESCO-Welterbe, dort wurde die Venus vom Hohle Fels gefunden, die älteste Skulptur der Welt.
Anfahrtszeiten als grobe Orientierung
Von Stuttgart aus über die A 8:
– Bärenhöhle / Nebelhöhle bei Sonnenbühl: etwa 50 Minuten
– Laichinger Tiefenhöhle: etwa 50 bis 60 Minuten
– Wimsener Höhle: etwa 60 bis 75 Minuten
– Hohle Fels bei Schelklingen: etwa 70 bis 80 Minuten
Von Ulm aus:
– Laichinger Tiefenhöhle: etwa 35 Minuten
– Hohle Fels: etwa 25 Minuten
– Wimsener Höhle: etwa 60 Minuten
– Bärenhöhle / Nebelhöhle: etwa 60 Minuten
Diese Zeiten sind grobe Schätzungen, die A 8 hat regelmäßig Stau, vor allem an Wochenenden, im Sommer und in Ferienzeiten.
Was die Schwäbische Alb zur Höhlen-Region macht
Die Alb ist auf Karst gebaut. Das bedeutet: Kalkgestein, durch das Wasser über Jahrtausende Hohlräume gefressen hat. Wer auf der Schwäbischen Alb wandert, läuft praktisch immer über Höhlen, die unter ihm liegen. Manche sind bekannt, viele nicht. Schneider erklärt: „Es gibt auch Höhlen, die jetzt keine Verbindung zur Oberfläche haben, weil sie einfach tiefer liegen. Und da gibt es natürlich noch unendlich viel zu entdecken.“
Die Karst-Geologie ist auch der Grund, warum die Alb eine UNESCO-Biosphäre und teilweise UNESCO-Welterbe ist. Mehrere Höhlen mit den ältesten Funden europäischer Eiszeitkunst stehen unter Welterbe-Schutz.
Fazit
Eine „Höhle in der Nähe“ ist auf der Schwäbischen Alb keine seltene Sache, sondern eine geologische Selbstverständlichkeit. Welche man besucht, hängt davon ab, was man erleben will. Die Tiefenhöhle bietet ein körperliches, vertikales Erlebnis. Die Bären- und Nebelhöhle bieten klassische Schauhöhlen-Atmosphäre. Die Wimsener Höhle bietet Boot statt Treppe. Der Hohle Fels bietet Eiszeit-Geschichte.
Wer Zeit hat, sieht alle vier in zwei Wochenenden. Wer entscheiden muss, fragt sich, was er aus dem Tag mitnehmen will: Stille, Tropfsteine, Wasser oder Welterbe.
Im Podcast pekuu audiostories erzählt Alexander Schneider, was Höhlen auf der Schwäbischen Alb voneinander unterscheidet und warum jede ihren eigenen Anker hat. → Zur Episode
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