Die Kinder bemalten den Sarg ihres Vaters – und aßen danach Gummibärchen

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Der Sargdeckel stand im Vorraum, daneben lagen Stifte. Im Nebenzimmer lag der Vater im offenen Sarg, 30 Jahre alt, zwei Kinder, drei und fünf. Die beiden Kleinen fingen an zu malen. Zwischendurch gingen sie rein zum Papa, schauten, gingen wieder raus und malten weiter. Die Geschwister des Verstorbenen machten mit. Dann gab es Maoam und Plona. Bestatterin Xenia Krämer aus Sigmaringen stand daneben und dachte: „So von meinem Gefühl bleibt bei denen nicht der schlimme Blick vom Vater, sondern es bleibt irgendwie dieses Malen von dem Sarg und Gemeinschaft.“

Die Frage, ob Kinder beim Abschied von einem Toten dabei sein sollten, beschäftigt viele Familien. Die meisten Erwachsenen tendieren dazu, die Kinder rauszuhalten, aus Fürsorge, aus Angst, dass es zu viel wird. Xenia Krämer erlebt das Gegenteil.

Fragt die Kinder. Nicht euch selbst.

Ein Satz, den Xenia bei jeder Begleitung an die Familien richtet: „Bitte fragt alle, ob sie Abschied nehmen wollen. Entscheidet nicht ihr das für die Kinder und für die Jugendlichen.“ Es ist ein Satz, der sitzt, weil er eine Gewohnheit umkehrt. Die Entscheidung, ob ein Kind den Verstorbenen noch einmal sehen darf, wird fast immer von Erwachsenen getroffen. Aus Fürsorge, aus eigener Überforderung, aus der Annahme, dass Kinder so etwas nicht verkraften.

Xenia dreht das um. Das Kind entscheidet selbst. Und in ihrer Erfahrung wollen Kinder meistens ja. Sie wollen sehen, was passiert ist. Sie wollen verstehen. Und wenn ihnen jemand den Raum gibt, tun sie es auf ihre eigene Art.

14 Enkel am offenen Sarg

Bei einer Abschiednahme waren vierzehn Enkel dabei. Das jüngste war zwei, das älteste fünfundzwanzig. Was als stiller Moment begann, wurde gegen Ende laut und lebendig. „Da war am Schluss eher ein Bremsen, wo wir mal gesagt haben, so langsam kommen wir zum Ende, weil am Schluss wirklich ein Geturne da war.“

Xenia erzählt das ohne Erschrecken. Kinder trauern anders als Erwachsene. Sie wechseln zwischen Ernst und Leichtigkeit, zwischen Trauer und Spiel, manchmal innerhalb von Sekunden. Das ist kein Mangel an Respekt, sondern ihre Art zu verarbeiten. Ein zweijähriges Kind, das neben dem Sarg der Großmutter herumturnt, hat nicht weniger verstanden als ein Erwachsener, der schweigend in der Ecke steht. Es hat nur einen anderen Umgang damit.

Der Sargdeckel als Kunstwerk

Die Geschichte mit dem bemalten Sargdeckel zeigt, was möglich ist, wenn jemand den Raum dafür schafft. Die drei- und fünfjährigen Kinder hatten eine Aufgabe. Sie waren beschäftigt, eingebunden, nicht ausgesperrt. Der Tod ihres Vaters war im Raum, aber er war nicht das Einzige im Raum. Alle haben mitgemalt, die Kinder und die erwachsenen Geschwister des Verstorbenen, und am Ende war der Sargdeckel ein Gemeinschaftswerk.

Xenia ist überzeugt, dass die Erinnerung der Kinder an diesen Tag nicht das Bild des toten Vaters sein wird, sondern das Malen, die Gemeinschaft, die Gummibärchen. Das klingt zunächst naiv, ist aber eine Beobachtung, die sich mit dem deckt, was Traumatherapeuten über kindliche Verarbeitung sagen: Kinder brauchen Handlung, nicht Stille.

Manchmal braucht es einen kleinen Schubs

Xenia beobachtet, dass die Zurückhaltung selten von den Kindern selbst kommt, sondern von den Erwachsenen. „Sie müssen ein bisschen auch gefragt werden oder auch so ein bisschen auch manchmal ermutigt werden.“ Die Ermutigung richtet sich nicht an die Kinder, sondern an die Eltern und Großeltern, die sich nicht trauen, die Frage zu stellen.

Auch bei Sternenkindern findet Xenia es wichtig, dass Geschwister dabei sein dürfen. „Weil auch die haben sich auf das Geschwisterchen gefreut.“ Ein älteres Kind, das sich monatelang auf ein Baby gefreut hat und plötzlich nicht versteht, warum der Bauch der Mama weg ist und kein Geschwisterchen kommt, braucht einen Moment des Begreifens. Das kann ein Foto sein, ein Blick, ein Abschied.

Es gibt fast nichts, was nicht möglich wäre

Xenia fragt die Familien bei jeder Begleitung: „Was wünscht ihr euch? Was für ein Bedürfnis habt ihr? Was wäre jetzt noch gut? Was braucht ihr jetzt noch?“ Und dann macht sie es möglich. Den Sarg bemalen, Blumen pflücken, ein eigenes Kissen mitgeben, den Sarg durch den Garten tragen. „Da gab es jetzt eigentlich noch nichts, was ich dann auch nicht erfüllen konnte.“

Die meisten Familien trauen sich nicht zu fragen, weil sie nicht wissen, dass es geht. Weil niemand ihnen sagt, dass ein Sargdeckel kein heiliges Objekt ist, das man nicht anfassen darf. Dass Gummibärchen bei einer Abschiednahme kein Sakrileg sind. Dass ein dreijähriges Kind, das zwischen Sarg und Malstiften hin- und herpendelt, genau das tut, was es in diesem Moment braucht.

Kinder und Tod, das muss kein Widerspruch sein. Es braucht nur jemanden, der den Raum aufmacht. Und Stifte bereitlegt.


Xenia Krämer erzählt im pekuu audiostories Podcast, wie sie Familien mit Kindern durch den Abschied begleitet.

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