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Pferdehaltung – was Pferde wirklich brauchen

Pferdehaltung ist ein Wort, das viel mehr enthält als Stall, Stroh und Heu. Auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein bei Meidelstetten leben 140 Islandpferde so, wie es ihrer Natur entspricht: in der Herde, mit Auslauf, im Wechsel zwischen Weide und Offenstall. Was artgerechte Pferdehaltung heute bedeutet, mit Praxiseinblicken vom Hof Hohenstein.

Pferde sind Lauftiere

Wer Pferdehaltung verstehen will, fängt bei der Biologie an. Pferde sind Lauftiere, Herdentiere, Dauerfresser. In freier Wildbahn legen sie täglich 16 bis 30 Kilometer zurück, fressen 16 Stunden am Tag, leben in Gruppen mit klarer sozialer Struktur. Diese Bedürfnisse haben sich durch Domestizierung nicht geändert.

Bernhard Podlech beschreibt das Wesen der Pferde so: „Pferde sind einfach sehr sensible Tiere, die auch den Menschen eigentlich schnell spiegeln.“ Sensible Tiere brauchen ein Umfeld, in dem sie sich entspannen können. Das bedeutet Bewegungsfreiheit, Sozialkontakte, Sicherheit.

Die Säulen der Pferdehaltung

Bewegung. Mindestens mehrere Stunden Auslauf pro Tag. Boxenhaltung mit kurzem Auslauf ist nicht artgerecht. Idealerweise leben die Pferde 24/7 mit der Möglichkeit zur Bewegung.

Herde. Pferde brauchen Artgenossen. Einzelhaltung ist Tierquälerei. Im sozialen Verband fressen, dösen, spielen, putzen sich die Tiere gegenseitig.

Witterungsschutz. Auch robuste Pferde brauchen Schutz vor Schlagregen, Wind und sehr starker Sonne. Ein Unterstand reicht oft.

Geeignetes Futter. Heu in ausreichender Menge, Wasser jederzeit verfügbar, eventuell Mineralfutter, bei Belastung Kraftfutter. Pausen zwischen Mahlzeiten sollten kurz sein.

Hufpflege und Tiergesundheit. Hufschmied alle sechs bis acht Wochen, Tierarzt zur Impfung, Wurmkur, Zahnbehandlung. Mehr unter Pferde Hufe.

Sinnvolle Beschäftigung. Reiten, Bodenarbeit, Spaziergänge, Training. Pferde, die nichts zu tun haben, entwickeln Verhaltensauffälligkeiten.

Die wichtigsten Haltungsformen

Boxenhaltung mit kurzem Auslauf. Heute kritisch zu sehen, vor allem wenn der Auslauf nur stundenweise ist. Pferde entwickeln Stereotypien wie Weben, Koppen, Ticken, wenn sie über lange Zeit eingesperrt sind.

Boxenhaltung mit großzügigem Auslauf und Sozialkontakt. Akzeptabel, wenn der Auslauf wirklich großzügig ist und das Pferd Kontakt zu Artgenossen hat.

Offenstall. Die Standardlösung in der modernen Pferdehaltung. Eine Gruppe Pferde teilt sich einen überdachten Bereich und einen befestigten Auslauf. Bewegung jederzeit möglich. Auf dem Hof Hohenstein praktiziert. Bernhard Podlech: „Im Sommer haben wir sie am Stall, am großen Offenstall.“

Aktivstall. Eine Weiterentwicklung des Offenstalls mit getrennten Funktionsbereichen für Liegen, Fressen, Trinken. Bewegung wird in den Tagesablauf eingebaut.

Weidehaltung. Die natürlichste Form. Pferde leben rund um die Uhr im Freien, mit Witterungsschutz, in der Herde. Im Sommer ideal, im Winter nur mit ausreichend Heu und Schutz.

Mehr im Pillar Pferde Stall.

Praxis auf dem Hof Hohenstein

Auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein leben die Pferde im Wechsel. Im Sommer stehen sie auf den großen Koppeln, im Winter wechseln sie zwischen Weide und Offenstall. Bernhard Podlech: „Jetzt gehen sie dann Anfang Mai auf die Weide raus und wahrscheinlich Mitte Oktober wieder rein in den Stall.“

Junge Pferde wachsen in der Herde auf, lernen soziale Strukturen, bauen Knochen und Muskeln auf. „Diese ganze Arbeit von Anfang an bis zu einem Reitpferd, sodass man das Jungpferd, das immer wieder quasi ein bisschen gearbeitet wird und dann aber auch wieder einfach im Herdenverband frei leben darf auf den großen Koppeln hier.“

Erst mit vier Jahren werden die Pferde eingeritten. Davor lebt das Tier vor allem in der Herde, mit gelegentlicher Bodenarbeit und Vertrauensaufbau zum Menschen.

Pferdehaltung und Rasse

Verschiedene Rassen haben unterschiedliche Anforderungen. Robuste Rassen wie Islandpferde, Haflinger, Fjordpferde sind anspruchslos im Futter und wetterfest. Empfindlichere Rassen wie Vollblüter brauchen mehr Schutz und mehr Pflege.

Beim Islandpferd ist Vorsicht geboten. Sie sind genetisch auf karge Bedingungen eingestellt und werden bei zu energiereichem Futter krank. Bernhard Podlech beschreibt sie als robuste Rasse, die mit wenig auskommt. Diese Veranlagung ist im Wesen, nicht nur im Pferd selbst.

Was schief gehen kann

Schlechte Pferdehaltung zeigt sich an Verhaltensauffälligkeiten. Weben, Koppen, Boxenlaufen, aggressives Verhalten gegen andere Pferde oder den Menschen. Aber auch an Gesundheitsproblemen wie Hufrehe, Magen-Darm-Erkrankungen, Hautproblemen. Diese Symptome sind oft Hinweise darauf, dass das Tier nicht artgerecht gehalten wird.

Wer ein Pferd kauft, sollte den Stall, in den es kommt, vorher genau anschauen. Mehr unter Islandpferde kaufen.

Pferdehaltung und Reitsport

Manche Reiter befürchten, dass Offenstallhaltung den Sport schwieriger macht. Pferde, die nicht in der Box stehen, sind weniger formbar, fressen das Fell schmutzig, lassen sich nicht so leicht aufstallen. Die Erfahrung zeigt aber, dass Pferde aus artgerechter Haltung gesünder, langlebiger und psychisch stabiler sind. Bernhard Podlech betreibt beides, Spitzensport und Offenstallhaltung. 2019 wurde er in Berlin Vize-Weltmeister im Tölt, mit einem Pferd aus seinem eigenen Hof. „Mein größter Erfolg ist der deutsche Meistertitel gewesen in der Tölt-Prüfung und auch der Vize-Weltmeister im Tölt-Preis.“

Pferdehaltung, kurz zusammengefasst

Artgerechte Pferdehaltung heißt: Bewegung, Herde, Auslauf, Witterungsschutz, gutes Futter, regelmäßige Pflege, Sozialkontakt. Boxenhaltung ohne Auslauf ist nicht zeitgemäß. Offenstall, Aktivstall oder Weidehaltung passen zu den meisten Rassen. Was zählt, ist nicht das Gebäude, sondern die Lebensbedingungen, die das Tier vorfindet.

Mehr unter Pferde Stall, Pferde Weide und Pferde Paddock.


Bernhard Podlech betreibt das Islandpferdegestüt Hohenstein auf der Schwäbischen Alb. Das ganze Gespräch mit Bernhard Podlech gibt es bei pekuu audiostories.