Als Xenia Krämer sich 2021 als Bestatterin in Sigmaringen selbstständig machte, wusste sie, dass Sternenkinder ein Schwerpunkt werden sollten. Was sie nicht wusste: In den ersten vier Monaten würde sie neun davon begleiten. Neun tote Babys, neun Familien, neun Abschiede in sechzehn Wochen. „Ich dachte, was ist los“, sagt sie heute. Es blieb nicht bei dieser Häufung, aber fünf bis sechs Sternenkinder bestattet sie seitdem jedes Jahr. Dazu kommen die frühen Fehlgeburten, die in keiner Statistik auftauchen und die trotzdem Eltern hinterlassen, die nicht wissen, wohin mit ihrer Trauer.
Sternenkinder bestatten ist für Xenia der Teil ihrer Arbeit, der sie am meisten berührt. Und gleichzeitig der, bei dem sie am meisten bewirken kann, weil die meisten Eltern in diesem Moment keine Ahnung haben, was auf sie zukommt und was alles möglich wäre.
Ab wann ein Baby bestattet werden muss
Diese Information vermitteln Krankenhäuser oft schlecht. Bis zu einem Gewicht von 500 Gramm und bis zur 25. Schwangerschaftswoche besteht keine Bestattungspflicht. Ab da schon. „Sobald das Kind über 500 Gramm gewogen hat, sobald das Kind überhaupt einen Atemzug gemacht hat und eben über der 24. Woche, ist das Kind bestattungspflichtig.“ Ab diesem Punkt muss ein Bestatter hinzukommen.
Was mit den Kindern unterhalb dieser Grenze passiert, wissen viele Mütter nicht. Manche denken das Schlimmste. „Die gehen nicht irgendwo in Klinikmüll, was ganz früh wirklich so war und was auch heute noch manche denken von den Müttern.“ Xenia betont das, weil sie erst vor kurzem wieder eine Mutter hatte, die genau das befürchtete. In Sigmaringen werden diese Kinder gesammelt, einmal im Jahr gemeinsam kremiert und mit einer Gedenkfeier verabschiedet. Jedes Kind bekommt einen Platz.
Die Geburt, von der niemand spricht
Ab ungefähr der 16. Schwangerschaftswoche wird das tote Kind in der Regel spontan geboren. Kein Kaiserschnitt. Die Frau durchlebt den gesamten Geburtsprozess und bringt ein Kind zur Welt, das nicht mehr lebt. Die meisten Eltern gehen davon aus, dass ein Kaiserschnitt gemacht wird, und reagieren mit Schock.
Xenia bekommt aber fast immer die Rückmeldung, dass es im Nachhinein richtig war. „Dass sie diesen Prozess der Geburt dann eben durchlebt haben und dass ihnen einfach nicht einfach nur aus dem Kaiserschnitt rausgeschnitten wurde.“ Manche Mütter fassen es in einem Satz zusammen, den Xenia nie vergisst: Die Geburt war das schönste und das schlimmste Moment meines Lebens.
Ganz viele Eltern sind trotzdem stolz auf ihr Baby, auch wenn es Fehlbildungen hat. Xenia erinnert sich an eine Geburt, bei der das Kind einen offenen Kopf hatte. Sie zog eine Mütze drüber, und die Mutter erzählte, wie wunderschön die Hände seien. Die Hände wurden das Wichtige. Das Bild, das blieb.
Das Fenster ist klein, aber es ist da
Sobald das Baby auf der Welt ist, beginnt ein Zeitfenster, das Xenia so gut es geht füllt. Sie empfiehlt den Eltern Sternenkindfotografen, die in den Kreißsaal kommen. „Das lege ich den Eltern immer sehr ans Herz.“ Geschwisterkinder dürfen ihr Geschwisterchen kennenlernen. Fußabdrücke werden genommen, Fingerabdrücke für Erinnerungsschmuck.
Dann kommt der Sarg, und hier wird es besonders. Xenia lässt die Eltern selbst gestalten. „Je nachdem wie groß es ist, dürfen sie einfach selber ein Schächtelchen kaufen und malen, sie dürfen einen Holzsarg bauen.“ Eine Mutter strickte eine Decke, eine andere schrieb ein Lied und sang es an der Beerdigung vor. Wenn man Sternenkinder bestattet, sagt Xenia, geht es darum, den Eltern die Möglichkeit zu geben, noch etwas für ihr Kind zu tun.
„Wenn man das Kind bekommt, wenn irgendein Bestatter das Kind abholt und der weiße Sarg am Tag der Beerdigung dasteht und dazwischen nichts mehr stattgefunden hat, dass das eine Frau und ein Mann viel schlechter ertragen können, als wenn sie dazwischen noch verschiedene Dinge für ihr Kind tun konnten.“
Beim letzten Sternenkind fuhren die Eltern mit dem eigenen Auto hinter Xenias Wagen her bis zum Krematorium. „Da hat wirklich der Himmel aufgemacht und die Sonne entgegengefahren, bis sie dann dort waren.“ Es war ihre Idee, nicht Xenias. Und es hat sie getröstet.
Warum das Gemeinschaftsgrab oft klüger ist
Die Frage, wo ein Sternenkind beigesetzt wird, hat Langzeitfolgen, die im Moment der Trauer leicht übersehen werden. Xenia empfiehlt häufig das Gemeinschaftsgrab statt des eigenen Kindergrabs. Nicht weil es billiger ist, sondern weil es die Familie langfristig entlastet.
„Weil sie dort den Kontakt zu anderen Eltern haben, weil die Eltern nicht das Gefühl haben, das Kind ist dort alleine, weil dort die anderen Kinder sind.“ Wenn jemand im Urlaub ist, kümmern sich andere um das Grab. Vor allem aber bindet ein eigenes Grab an einen Ort, zehn oder fünfzehn Jahre lang. Xenia hat erlebt, dass eine junge Familie deswegen nicht in die Heimat zurückkehren konnte. „Wir würden gern eigentlich zu unseren Eltern zurück in die Heimat, können aber nicht, weil wir können ja unser Kind nicht hier allein lassen.“
Die Väter verschwinden im Schatten
In der Trauer richtet sich der Blick fast automatisch auf die Mutter. Xenia achtet bewusst auf die Männer. Der Vater, „der manchmal so maßlos daneben steht. Was kann ich tun und was muss meine Frau ertragen.“
In der Trauergruppe sagte einmal eine Mutter: Ich fühle mich gar nicht als Mutter von dem Jungen. Eine andere Sternenkindmutter antwortete: Ja, wer ist dann die Mutter von ihm? Mit diesem einen Satz war alles gesagt.
Xenia Krämer erzählt im pekuu audiostories Podcast, wie sie Sternenkinder bestattet und Familien begleitet.
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