Unkraut im Garten: Warum Ausreißen falsch ist

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Katharina Güls steht manchmal auf Pflanzenmärkten in Oberschwaben und kann nicht glauben, was sie sieht. Da kaufen Leute eine Schafgarbe, setzen sie in den Garten und finden sie toll. Dieselbe Schafgarbe, die sie eine Woche vorher als Unkraut im Garten ausgerissen haben. „Warum kauft der eine Schafgarbe, die wächst überall“, sagt die Kräuterpädagogin aus Weingarten. Für sie ist das nicht nachvollziehbar. Und sie erlebt es trotzdem jede Saison, bei jedem Markt, bei jeder Führung am Kreuzberg.

Katharina Güls gibt Kräuterführungen und Kochworkshops, bei denen sie zeigt, was man aus dem machen kann, was andere als Unkraut im Garten abtun. Ihr Ziel ist einfach: „Wir haben hier ganz tolle Sachen, man muss nicht alles im Supermarkt holen.“ Das gilt für Giersch, für Löwenzahn, für Spitzwegerich, für Gundermann, für Knoblauchsrauke. Alles Pflanzen, die in den meisten Gärten wachsen und regelmäßig ausgerissen werden.

Welche Wildkräuter als Unkraut im Garten gelten

Die Liste ist lang. Giersch schmeckt nach Petersilie und Möhre und passt roh in jeden Salat. „Schau mal, wenn du einen Giersch in deinem Garten hast, schneid es doch einfach klein und mach es in deinen Salat und du wirst sehen, es schmeckt einfach gut.“ Löwenzahn liefert Blüten für Sirup und Eis. Schaumkraut schmeckt nach Kresse und wird trotzdem von den meisten Menschen ausgerupft, ohne darüber nachzudenken. Katharina Güls findet das absurd. „Ich finde es eigentlich viel spannender, wie viel man dann als Unkraut ausrupft, sei es jetzt irgendwie ein Schaumkraut oder ähnliches, was einfach nach Kresse schmeckt, um dann hinterher zu gehen und zu sagen, ich pflanze was anderes an.“

Knoblauchsrauke hat einen scharfen Knoblauchgeschmack und wächst an Hecken und Waldrändern. Spitzwegerich wächst an jedem Wegesrand und hilft gegen Mückenstiche. All das wird regelmäßig als Unkraut ausgerissen, ausgegraben und vernichtet. Und dann gehen dieselben Leute hin und säen eine Schmetterlings- und Bienenwiese aus. Katharina Güls sagt dazu nur eines: „Dann lass doch einfach das wachsen, was es hier gibt, weil dann habe ich das ja schon.“

In den Kochworkshops zeigt Katharina Güls gern den Wildkräuterkäse. Ein Hirtenkäse oder weißer Käse mit der Gabel zerdrückt. Giersch dazu, Spitzwegerich, Gundermann, Knoblauchsrauke, Schaumkraut. Ein bisschen Olivenöl drüber. „Das schmeckt total super auf dem Brot dann einfach oder zum Grillen dazu.“ Alles Zutaten, die in der Küche etwas taugen.

Warum Wildpflanzen oft kein Unkraut sind

Die Brennnessel wird weggemacht, weil sie im Garten als uncool gilt und weil man sich an ihr verbrennt. Dabei ist sie eine wichtige Futterpflanze für Raupen und andere Tiere. „Aber für die Tiere wäre es irgendwie schon gut“, sagt Katharina Güls. Wer die Brennnessel stehen lässt, hat Schmetterlinge. Wer sie ausreißt und dann Samen für eine Bienenwiese kauft, macht einen Umweg, den die Natur nicht braucht.

Das eigentliche Problem ist nicht das Unkraut im Garten. Das Problem ist, dass viele Menschen keinen Bezug mehr zu dem haben, was vor ihrer Haustüre wächst. Katharina Güls hat das in München jahrelang beobachtet. In der Stadt war die Angst vor Wildpflanzen besonders groß. Kein Bezug, keine Kenntnis, viel Unsicherheit. „Ich war da halt dann auch entspannter, weil ich diese Ängste auch nicht hatte.“ Auf dem Spielplatz beobachtete sie nervöse Mütter, die nicht wussten, was ihre Kinder in den Mund nehmen. Und sie merkte, wie dankbar die anderen waren, wenn jemand sagte, mach dir keine Sorgen, das ist harmlos.

Katharina Güls findet es absurd, dass Menschen solche Pflanzen als etwas Hässliches betrachten und dann teure Heilkräuter und Küchenkräuter kaufen, die genau das Gleiche können. „Das ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, eben wie ich sowas als Unkraut abtun kann, aber dann, wenn ich es auf so einem Markt finde, ist es plötzlich was Tolles, was ich mir holen muss.“ Wenn der Boden passt, kommen die Kräuter von alleine. Man muss sie nicht anbauen. „Anbauen finde ich generell immer falsch, weil das Spannende an Wildkräutern ist ja, dass sie einfach da sind.“ Man muss nur aufhören, sie auszureißen.

Wie man mit Unkraut im Garten umgeht

Katharina Güls‘ eigener Garten in Weingarten ist voll mit Giersch. Dreieinhalb Jahre wächst er jetzt überall. Sie nennt das kein Unkraut im Garten. Sie erntet, kocht, macht Salat und Kräutersalz daraus. Und wenn er zu viel wird, zieht sie Wurzeln raus und nennt das Therapie. „Ich bin jetzt gerade total fertig von der Arbeit, also ziehe ich jetzt mal ganz stupide eine Stunde lang irgendwelche Wurzeln aus meinem Garten raus.“ Selbst das Rausziehen ist für sie nicht Vernichtung, sondern Ausgleich.

Ein erster Schritt: einmal durch den eigenen Garten gehen und genau hinschauen. Was wächst da eigentlich? Löwenzahn, fast sicher. Giersch, wahrscheinlich. Gundermann irgendwo in einer Ecke. Vielleicht Schafgarbe. Vielleicht Spitzwegerich am Wegrand. Ein Bestimmungsbuch daneben legen. Und dann entscheiden, was wirklich weichen muss und was man lieber kennenlernen will. Meistens bleibt am Ende weniger Arbeit übrig, als wenn man alles ausreißt.

Wer im eigenen Garten anfängt, genauer hinzuschauen, entdeckt eine Speisekammer, die schon immer da war. Das ist Katharina Güls‘ Kernbotschaft. Unkraut im Garten ist kein Problem, sondern ein Angebot. Man muss nur bereit sein, es anzunehmen.


Katharina Güls gibt Führungen am Kreuzberg. Im pekuu-Podcast erzählt sie mehr. Zur Episode