Andrea Maucher
Andrea Maucher: Wie eine Zufallsbegegnung auf der Alpe Sonnhalde ein ganzes Leben veränderte
Im Herbst 2010 kam Andrea Maucher das erste Mal auf die Sonnhalde. Sie hatte von dem Ort gehört, war neugierig. Ihr späterer Mann saß an einem Tisch mit Bekannten, sie hielt ihn für einen Gast. Aus dem Besuch wurde ein Alpsommer, aus dem Alpsommer wurde eine Beziehung, und aus der Beziehung ein gemeinsames Leben auf 900 Metern Höhe im Oberallgäu.
Heute betreiben Andrea und ihr Mann die Alpe Sonnhalde als Demeter-Betrieb. Sie melken Ziegen von Hand, machen Käse und Quark in der Hütte, kochen für Wanderer und ziehen nebenbei zwei kleine Kinder groß. Ihr Mann hat es mal so zusammengefasst: „Wir haben uns nicht nur ineinander, sondern auch in den Ort verliebt.“
Vom Bürostuhl auf den Melkstand
Andrea hat Erziehungswissenschaft studiert, im Master Umweltethik. Ihr Mann Landwirtschaft. Beide saßen danach in Bürojobs und kamen abends manchmal frustriert nach Hause. Der Wunsch, anders zu leben, war lange da. „Wir haben den Wunsch gespürt, dass wir sinnvoll und authentisch leben und arbeiten wollen“, sagt Andrea. Und zwar zusammen, als Team, als Familie.
Die Sonnhalde kannten sie schon. In den Jahren nach dem Kennenlernen halfen sie an Wochenenden mit – er beim Zäunen, sie in der Gastronomie. Sie wussten grob, was auf sie zukommt. Grob. Denn als Chef und Chefin die gesamte Verantwortung zu tragen, das war dann doch nochmal anders.
31 Hektar, 100 Tiere, zwei Aushilfen
Die Sonnhalde liegt eingebettet im Mittelbachtal. Nicht oben auf dem Gipfel, sondern geschützt in einem ruhigen Tal. Von der Eingangstür aus sieht Andrea über die Terrasse hinweg auf den Gemüsegarten, die alten Streuobstbäume und den Wanderweg Richtung Buchenegger Wasserfälle. Die Hütte zeigt nach Westen. „Regen und Hagel trifft uns volle Kanne“, sagt sie. „Aber die Sonnenuntergänge dann natürlich auch.“
31 Hektar Weidefläche gehören zum Betrieb. Die Flächen ziehen sich 200 Höhenmeter nach oben. Rund 100 Tiere leben dort im Sommer, wenn man die Hühner mitzählt. In der Saison 2026 haben Andrea und ihr Mann zum ersten Mal zwei Aushilfen. Vorher war es nur zu zweit.
Die Gäste sehen von der Terrasse aus die Ziegen auf der Weide. Was sie nicht sehen: das Zäunen, das Melken morgens und abends, die Milchverarbeitung, die Käsepflege im Keller. „Es läuft ganz viel im Hintergrund“, sagt Andrea.
Warum kein Kuhkäse mehr
Jahrelang gab es auf der Sonnhalde auch Kuhkäse. Heute nicht mehr. Die Gründe sind nüchtern. Die Sommer werden heißer. Das Gras wächst weniger, die Milchleistung der Kühe reicht nicht. Der Käsekeller wird zu warm, die Lagerbedingungen stimmen nicht mehr für große Mengen. Andrea und ihr Mann haben sich entschieden: Ziegenmilch als Nische. Ziegenkäse, Ziegenquark, Ziegenmolke, Ziegenfleischprodukte. „Das ist jetzt unser Aushängeschild.“
Die Sache mit den Vorurteilen
Andreas Mann ist der Ziegenliebhaber Nummer eins im Haus. Seine Mission: Vorurteile gegenüber Ziegenmilch abbauen. Denn viele Leute haben den Geschmack falsch im Kopf. Streng, bocksig, intensiv. Das liegt an der Haltung, sagt Andrea. Steht der Bock mit den Milchziegen im Stall, schmeckt die Milch anders. Auf der Sonnhalde werden die Ziegen draußen gemolken, von Hand, auf einem Melkstand neben der Hütte. „Die Milch ist von frischer Luft umgeben und nimmt keinen Stallgeruch auf.“
Das Ergebnis: Gäste, die nicht merken, dass sie Ziegenmilch trinken. „Wenn ich nicht gewusst hätte, dass das Ziegenmilch ist, dann hätte ich das nicht geschmeckt“ – diesen Satz hört Andrea regelmäßig.
Käse, der auf der Zunge schmilzt
Die Milch wird zweimal täglich gemolken, dann thermisiert. Für Quark kommt Starterkultur und Lab dazu, die Milch ruht 24 Stunden, wird in ein Tuch geschöpft und aufgehängt. Unten tropft die Molke in einen Eimer, oben bleibt der Quark. Alles von Hand, wegen der kleinen Mengen.
Käse ist aufwendiger. Der Bruch wird geschnitten, gerührt, in Formen geschöpft, gepresst, gewendet – anfangs alle fünf Minuten, dann immer seltener. Nach 24 Stunden kommt er gesalzen in den Keller. Dort reift er mindestens sechs Wochen.
Das Ergebnis ist ein cremiger Schnittkäse, der mild schmeckt, aber durchaus nach Ziege. „Manchmal schmilzt er fast auf der Zunge“, sagt Andrea. Kein Käse ist wie der andere. Die Hütte ist schlecht gedämmt, die Temperatur schwankt. „Durch dieses Handwerkliche wird jeder einzigartig.“
Kieselsteine statt Spielzeug
Auf der Sonnhalde leben zwei Kinder. Die leibliche Tochter ist sechs, das Pflegekind drei. Beide im Kindergartenalter, was den Alltag auf der Alpe leichter macht. Die Kinder sind viel draußen, spielen mit dem, was da ist. „Die brauchen nicht viel“, sagt Andrea. „Kieselsteine, Tannenzapfen, Holzstöcke. Die haben da die tollsten Ideen.“
Zwei zahme Ziegenböcke, mit der Flasche aufgezogen, laufen Andreas Mann hinterher wie Hunde. Die Familie wandert manchmal zusammen mit ihnen. „Da fällt gar nicht auf, dass man wandert, weil man abgelenkt ist und Spaß hat.“
Die Tochter war anfangs schüchtern mit Tieren, nach einer schlechten Erfahrung mit einem Hund. Mittlerweile hat sie Vertrauen gewonnen. Das Pflegekind fährt voll auf Tiere ab. „Für ihn ist es auch ganz gut, da einen ruhigen Umgang zu lernen.“
Die Wurst war mal ein Tier
Andrea erklärt ihren Kindern von Anfang an, woher das Fleisch kommt. Im Stall stehen gerade kleine Kitze. Alle wissen: Die meisten werden geschlachtet. „Wir Menschen brauchen Lebensmittel“, sagt Andrea. Und im Allgäu, auf den steilen Flächen da oben, sei Tierhaltung die sinnvollste Art, Landwirtschaft zu betreiben. „Man könnte auf den Flächen nichts anderes anbauen im großen Stil.“
Im Winter hat Andrea eine Fortbildung beim Amt für Landwirtschaft gemacht. Wenn der Antrag durch ist, nimmt sie am Programm Erlebnis Bauernhof teil. Schulklassen kommen dann auf die Sonnhalde, um zu sehen, wie Lebensmittel entstehen.
Ein Gast, der Stiere sah
Als Demeter-Betrieb tragen auf der Sonnhalde alle Rinder und Ziegen ihre Hörner. Für Andrea ist das selbstverständlich. Für manche Gäste nicht. Sie hat mal jemanden belauscht: „Die haben alle Hörner, das sind lauter Stiere.“ Kein einziger Stier war dabei. Einfach Kühe mit Hörnern, wie die Natur sie vorgesehen hat. An solchen Momenten merkt Andrea, wie weit sich manche Menschen von der Landwirtschaft entfernt haben.
Am Eingang zu den Weideflächen stehen Tafeln vom Demeter-Verband: ein Rind mit Hörnern, darunter „natürlich mit Horn“. Manche Gäste fragen nach. „Die waren dann überrascht, als ich gesagt habe, dass die anderen Rinder enthornt werden.“
Abends nach Westen schauen
Andrea zieht mit ihrer Familie im April auf die Hütte. Im Herbst verabschieden sie sich wieder. Der Abschied ist nicht leicht. Aber sie wissen: Der Winter gehört dazu. Im Frühling kommen sie wieder.
„Ich denke, Menschen haben über Jahrhunderte in diesem Rhythmus gelebt“, sagt Andrea. Dieser Rhythmus prägt auch ihre Kinder. Sie erleben die Jahreszeiten direkt, lernen Kreisläufe kennen, sehen, wie die Natur erwacht und wieder zur Ruhe kommt.
Wenn Andrea abends in der Eingangstür steht und über das Tal schaut, die Sonne hinter den Hügeln verschwindet, die Streuobstbäume lange Schatten werfen – dann weiß sie, warum sie hier ist. „Unser Wunsch ist, dass wir am Ende unseres Lebens sagen können: Hey, wir haben was geschafft, wir haben was Gutes gemacht.“
Dieser Artikel basiert auf einem Gespräch im Rahmen des Podcasts pekuu audiostories.
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