Im Stall der Alpe Sonnhalde stehen gerade kleine Ziegenkitze. Andreas Tochter, sechs Jahre alt, weiß schon, dass die meisten nicht bleiben werden. Das andere Kind, gerade drei geworden, knuddelt sie trotzdem. Beide wissen, was Andrea und ihr Mann ihnen von Anfang an erklären: „Die Wurst war mal ein Tier. Das Tier muss geschlachtet werden, um zur Wurst zu werden.“
Das klingt hart. Ist es aber nicht, wenn man es erlebt. Auf der Sonnhalde bei Oberstaufen ist Tod kein Tabu, sondern Teil eines Kreislaufs, den die Kinder jeden Tag sehen.
Kieselsteine, Tannenzapfen, Holzstöcke
Andrea Maucher hat sich mit ihrem Mann bewusst gegen ein Konsumverhalten entschieden, bei dem man Kinder mit Spielzeug überhäuft. Auf der Alpe stellt sie fest: Es funktioniert. „Die brauchen nicht viel“, sagt sie. „Die spielen mit Kieselsteinen, mit Tannenzapfen, mit Holzstöcken und haben da die tollsten Ideen und sind so kreativ.“
Die beiden Kinder sind viel draußen. Es gibt strenge Regeln – manche Sachen sind gefährlich und tabu. Aber innerhalb dieser Grenzen haben sie Freiheiten, die Stadtkinder nicht kennen. Wenn es regnet und zu kalt ist, gehen sie in den Stall zum Spielen. An Schönwettertagen sind sie draußen, bis es dunkel wird.
Zwei Ziegenböcke als Wanderbegleiter
Die Familie hat zwei Ziegenböcke mit der Flasche aufgezogen. Die Tiere laufen Andreas Mann hinterher, als wären es kleine Hunde. Manchmal geht die ganze Familie mit ihnen wandern. „Da fällt gar nicht auf, dass man wandert, weil man abgelenkt ist und Spaß hat“, sagt Andrea. Die Böcke sind wie zwei zusätzliche Familienmitglieder. Für die Kinder ein Highlight.
Die Tochter war anfangs schüchtern mit Tieren. Eine schlechte Erfahrung mit einem Hund hatte sie skeptisch gemacht. Mittlerweile hat sie durch die eigenen Tiere Vertrauen gewonnen und geht offener mit ihnen um. Beim anderen Kind beobachtet Andrea eine beruhigende Wirkung. Der Junge ist manchmal sehr aufgeregt. Im Umgang mit den Tieren lernt er, ruhiger zu sein, bewusster. „Und es darf dann auch mal geknuddelt und gekämpft werden“, sagt Andrea.
Im April erwachen, im Herbst Abschied nehmen
Die Familie zieht jedes Jahr im April auf die Hütte und bleibt bis zum Herbst. Sie leben im Rhythmus der Jahreszeiten. „Wenn die Natur ein bisschen aus dem Mittagsschlaf erwacht, erwachen wir mit“, sagt Andrea. Im Sommer der volle Betrieb: Gäste, Tiere, Melken, Käse machen. Im Herbst dann der Abschied. Von den Tieren, vom Ort.
„Der Abschied ist nicht leicht für uns alle“, sagt Andrea. „Aber wir wissen, es kommt der Winter. Wir müssen uns verabschieden.“ Die Kinder erleben das direkt. Sie lernen, dass zum Leben auch Loslassen gehört. Und dass im nächsten Frühling alles wieder anfängt.
Andrea glaubt, dass Menschen über Jahrhunderte in diesem Rhythmus gelebt haben. „Das hat das Leben sehr stark geprägt. Und mittlerweile ist der Bezug bei vielen verloren gegangen.“ Auf der Sonnhalde ist er noch da.
Was die Kinder lernen
Andrea hat Erziehungswissenschaft und Umweltethik studiert. Sie denkt viel darüber nach, was die Alpe für ihre Kinder bedeutet. „Durch das Leben auf der Alpe lernen unsere Kinder ganz viele Zusammenhänge kennen“, sagt sie. Zusammenhänge in der Natur, im Jahreskreislauf, zwischen Tier und Lebensmittel.
Die Kinder sehen, woher die Milch kommt. Sie sehen, wie Quark gemacht wird. Sie wissen, dass Fleisch von Tieren stammt und dass Tiere geschlachtet werden. Sie erleben, dass Natur Arbeit bedeutet – Zäune bauen, Tiere versorgen, Weideflächen pflegen. Und sie erleben, dass Natur auch Geschenk ist: Blumen im Sommer, Äpfel im Herbst, Sonnenuntergänge nach Westen.
„Drum ist es uns auch wichtig, dass unsere Kinder das alles erleben“, sagt Andrea. Nicht als Ausflug am Wochenende, sondern als Alltag.
Leben auf der Alpe mit Kindern : Natur braucht der Mensch
Andrea ist überzeugt, dass Menschen die Natur brauchen, nicht nur als Ressource, sondern für ihr Wohlbefinden. Sie hat sich im Studium mit dem Thema befasst, aus philosophischer und ethischer Richtung. „Ganz viele, die in der Stadt wohnen, machen am Wochenende Ausflüge ins Grüne, um das genießen zu können“, sagt sie.
Auf der Sonnhalde ist das kein Ausflug. Es ist das Leben. Und es ist das, was Andrea weitergeben will. An die eigenen Kinder, an Gäste, vielleicht bald auch an Schulklassen.
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Das vollständige Gespräch mit Andrea Maucher gibt es im Podcast pekuu audiostories.

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