Alpe Sonnhalde
Alpe Sonnhalde: Ein Demeter-Ziegenhof bei Oberstaufen, der Vorurteile gegen Ziegenmilch aufhebt
An einem Tisch vor der Hütte sitzen Wanderer über einer Brotzeit mit Ziegenkräuterquark. Ein paar Meter weiter melkt ein Mann Ziegen von Hand, draußen, an der frischen Luft. Auf der Weide dahinter tragen alle Rinder Hörner. Kein Schild weist auf eine Sehenswürdigkeit hin. Und doch kommen die Leute. Die Alpe Sonnhalde liegt eingebettet im Mittelbachtal bei Oberstaufen und ist seit ein paar Jahren das, was man einen Geheimtipp nennt – obwohl Andrea Maucher, die den Hof zusammen mit ihrem Mann betreibt, über das Wort wahrscheinlich lachen würde.
900 Meter, Blick nach Westen
Die Sonnhalde liegt nicht oben auf einem Gipfel, sondern in einem Tal auf 900 Metern. Von der Eingangstür aus blickt man über die Terrasse, den Gemüse- und Obstgarten und die alten Streuobstbäume. Dahinter der Wanderweg Richtung Buchenegger Wasserfälle. Die Hütte ist nach Westen ausgerichtet, was ungewöhnlich ist. „Regen und Hagel trifft uns volle Kanne“, sagt Andrea Maucher. „Aber die Sonnenuntergänge natürlich auch.“
Erreichbar ist die Hütte zu Fuß von Steibis, vom Hündle, von der Hochgratbahn oder von Talkirchdorf bei Immenstadt. Mehrere E-Bike-Touren, die von der Gemeinde Oberstaufen gepflegt werden, führen direkt vorbei.
Ziegenmilch statt Kuhkäse
Früher gab es auf der Sonnhalde auch Kuhkäse. Damit ist Schluss. Die zunehmende Hitze in den Sommern hat die Bedingungen verändert: weniger Gras, zu warmer Käsekeller. Andrea und ihr Mann haben umgestellt. Heute ist die Alpe Sonnhalde ein reiner Ziegenmilchbetrieb. „Das ist jetzt unser Aushängeschild“, sagt Andrea.
Die Ziegen werden zweimal täglich gemolken, morgens und abends, draußen auf einem Melkstand neben der Hütte. Direkt von Hand. Weil die Milch dabei frische Luft umgibt und keinen Stallgeruch aufnimmt, schmeckt sie überraschend mild. Viele Gäste merken gar nicht, dass sie Ziegenmilch trinken. Allergiker kommen gezielt her, weil Ziegenmilch im Allgäu eine Seltenheit ist. Die meisten Alpen verarbeiten Kuhmilch.
Aus der Milch macht Andrea Quark und Schnittkäse. Beides handwerklich, in kleinen Mengen. Der Quark ruht 24 Stunden, wird dann in ein Tuch geschöpft und aufgehängt. Der Käse reift mindestens sechs Wochen im Keller, wird regelmäßig geschmiert und gepflegt. „Manchmal schmilzt er fast auf der Zunge“, sagt Andrea. Weil die Hütte nicht gedämmt ist und die Temperatur schwankt, fällt jeder Laib anders aus. „Durch dieses Handwerkliche wird jeder einzigartig.“
Was auf den Tisch kommt
Die Speisekarte der Sonnhalde ist kurz und ehrlich. Eigener Ziegenkräuterquark, eigener Käse als Brotzeit, dazu Landjäger und Ziegenpfefferbeißer von befreundeten Landwirten aus der Region. Andrea war in den Ställen, hat gesehen, wo die Tiere leben. Auf der Speisekarte steht, aus welchem Ort und welchem Betrieb jedes Produkt stammt.
Dazu gibt es saisonale Tagesgerichte – Ziegenkäseapfelsalat, Wurstsalat aus eigenem Ziegenleberkäse. Hausgemachte Kuchen, wo möglich mit eigenen Zutaten. Zum Käsekuchen nur eigener Ziegenquark. Statt Buttermilchkuchen: Molkekuchen aus der Molke, die bei der Quarkherstellung abfällt. „Wir kaufen eben die teureren Landjäger, weil es besser ist für das Klima und nachhaltiger“, sagt Andrea.
Für Gruppen gibt es auf Anfrage Ziegenkäsequiche – ein Rezept, das sogar in einem Allgäu-Kochbuch veröffentlicht wurde. Auf der Getränkekarte: Bier von einer regionalen Bio-Brauerei, frische Ziegenmilch, Ziegenmolke.
Demeter heißt: mit Horn
Die Alpe Sonnhalde ist Demeter-zertifiziert, der strengste Bio-Standard in Deutschland. Für Andrea und ihren Mann bedeutet das vor allem eines: Die Tiere behalten ihre Hörner. Alle Rinder, alle Ziegen. Tag und Nacht draußen auf 31 Hektar Weidefläche. Die Flächen ziehen sich 200 Höhenmeter nach oben, sind extensiv bewirtschaftet und dadurch reich an Blumenarten und Artenvielfalt. „Die Weidewirtschaft in den Alpen ist auch Kulturlandschaftspflege“, sagt Andrea.
Dass Kühe von Natur aus Hörner tragen, wissen nicht alle Besucher. Andrea hat mal einen Gast belauscht: „Die haben alle Hörner, das sind lauter Stiere.“ Kein einziger Stier war dabei. Am Eingang zu den Weideflächen hängen inzwischen Tafeln vom Demeter-Verband: ein Rind mit Hörnern, darunter „natürlich mit Horn“.
Kein Hotel, kein Event, kein Halligalli
Übernachten kann man auf der Sonnhalde nicht. Das wäre dem kleinen Team zu viel. Andrea und ihr Mann, dazu zwei Aushilfen in der Saison – das reicht für Gastronomie, Landwirtschaft und rund 100 Tiere. Mehr nicht.
Was die Sonnhalde stattdessen bietet: einen Ort, an dem man die Natur genießen kann und etwas Ehrliches zu essen bekommt. Andrea will den Betrieb als öffentlichen Ort erhalten. Einen Ort, wo die Leute hinkommen, die Sonne genießen, ein Stück Käse essen und vielleicht etwas mitnehmen. Nicht nur in der Tasche, sondern auch im Kopf.
„Unser Wunsch ist, dass wir die Sonnhalde als Ort erhalten, zu dem Menschen gerne kommen.“
Dieser Artikel basiert auf einem Gespräch im Rahmen des Podcasts pekuu audiostories.
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