620 Stufen. Diese Zahl steht in keinem Reiseführer fett gedruckt, weil sie zwei Lesarten zulässt: viel oder wenig, je nachdem wer fragt. Für ein gut trainiertes Bein ist es ein langes Treppenhaus. Für ein Kind, das zum ersten Mal eine Höhle besucht, ist es ein Abenteuer. Für jemanden mit Knieproblemen kann es eine echte Hürde sein.
Alexander Schneider, Vorstand im Höhlen- und Heimatverein Laichingen, formuliert es so, wie es ist: „Der Rundgang ist ca. 320 Meter lang, geht bis auf 55 Meter runter. Man muss dabei ca. 620 Stufen steigen und dauert je nach Fitness zwischen 25 und 45 Minuten.“
Diese Zahlen sind der Grund, warum die Laichinger Tiefenhöhle keine gewöhnliche Schauhöhle ist.
Warum 620 Stufen und keine 50
Die meisten Schauhöhlen in Deutschland sind Horizontalhöhlen. Man geht hinein, läuft durch einen Gang, kommt am anderen Ende wieder heraus. Höhenunterschied: vielleicht zehn Meter, vielleicht zwanzig.
Die Laichinger Tiefenhöhle ist anders gebaut. Schneider erklärt: „Normalerweise sind Schauhöhlen Horizontalhöhlen, die einigermaßen eben begangen werden können. Die Laichinger Tiefenhöhle ist eine Schachthöhle, bei der man 55 Meter in die Tiefe hinabsteigt.“
55 Meter Tiefe entsprechen einem 18-stöckigen Hochhaus. Wer einmal hinunter und einmal herauf steigt, hat die Höhe eines mittleren Wolkenkratzers im Bein.
Was die Stufen körperlich bedeuten
Die Stufen sind keine Naturtreppen. Sie sind eingebaut. Der Höhlen- und Heimatverein hat sie über Jahrzehnte angelegt, gewartet, ersetzt. Sie sind sicher, sie sind stabil, sie sind nicht rutschig. Aber sie sind eben Stufen.
Der Abstieg verteilt sich auf den ganzen Rundgang. Es ist nicht eine einzige 620er-Treppe, sondern eine Abfolge: kürzere Abschnitte, gerade Wege, dann wieder Stufen, manchmal kleine Plattformen. Wer den Audioguide nutzt, hat an den Hörstationen sowieso Pausen eingebaut.
Der Aufstieg ist der körperlich intensivere Teil. Wer 25 Minuten nach unten gegangen ist und auf dem Rückweg an einer steilen Treppe steht, merkt seine Waden. Schneiders Spanne, 25 bis 45 Minuten für die ganze Tour, ist realistisch: trainierte Erwachsene schaffen es in 25, mit Kindern oder gemütlichem Tempo eher 45.
Was man wissen sollte, bevor man losgeht
Festes Schuhwerk. Keine Flipflops. Keine glatten Sohlen. Die Stufen sind manchmal feucht, weil in einer Höhle Luftfeuchtigkeit normal ist.
Eine leichte Jacke. In der Höhle ist es ganzjährig kühl, das Klima bewegt sich um die acht bis zehn Grad. Wer im Sommer in kurzer Hose ankommt, friert nach fünf Minuten.
Wer Knieprobleme hat, sollte ehrlich mit sich sein. 55 Meter Abstieg sind 55 Meter, die das Knie auf dem Rückweg wieder aufrecht stützen muss. Es gibt keine Lifte, keine Abkürzungen, keinen Ausweg auf halber Strecke. Wer einmal unten ist, geht auch wieder hinauf.
Sicherheit und Geländer
Die Stufen sind durchgehend mit Geländern versehen. Wer Höhenangst hat, kann sich orientieren. Wer Kinder dabei hat, sieht das ganze Geländersystem als willkommene Sicherheit.
Schneider weist darauf hin, dass in Höhlen generell Vorsicht angebracht ist: „Gewisse Gefahren lauern schon auch in der Höhle, aber ich sag mal die sind ähnlich wie jetzt beim Sportklettern am Fels. Man muss eben aufpassen, dass von oben nichts runter kommt.“
Im Schauteil der Tiefenhöhle ist das Risiko durch herabfallendes Gestein minimal, der Verein wartet die Höhle regelmäßig. Wer aber nach unten oder oben blickt, soll sich an den Stufen festhalten und nicht abgelenkt sein.
Pausen unterwegs
An mehreren Stellen gibt es kleine Plattformen, an denen man stehen bleiben kann. Hier sind oft die Audioguide-Stationen. Das ist beabsichtigt: Man kann die Information hören, gleichzeitig kurz Luft holen, sich umsehen.
Schneider beschreibt seinen Lieblings-Moment im Schauteil so: „Es liegen zum Beispiel zwei Schächte parallel nebeneinander und die sehen komplett unterschiedlich aus. Das liegt einfach daran, weil sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstanden sind und auf unterschiedliche Weise entstanden.“
Wer auf dem Weg nach unten an diesem Punkt steht und beide Schächte gleichzeitig sehen kann, vergisst die Stufen für einen Moment. Genau dafür gibt es Pausen.
Kinder und die Stufen
Für Kinder ab etwa vier Jahren sind die 620 Stufen mit Begleitung gut machbar. Kleinere Kinder können getragen werden, allerdings ist das auf den engeren Abschnitten unpraktisch. Wer einen Kinderwagen dabei hat, lässt ihn oben am Eingang stehen, die Höhle ist nicht kinderwagentauglich.
Schulklassen kommen regelmäßig, und für die meisten Kinder ist der Abstieg eher Faszination als Anstrengung. Die ungewöhnliche Umgebung, die kühle Luft, das gedämpfte Licht, das verteilt die Aufmerksamkeit, die Stufen werden nebenbei erledigt.
Wer die Stufen nicht schaffen würde
Wer dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen ist, kann die Tiefenhöhle nicht besuchen. Es gibt keine barrierefreie Variante, und es lässt sich auch keine bauen, eine Schachthöhle ist räumlich nicht so erweiterbar wie eine Horizontalhöhle.
Wer mit Rollator unterwegs ist, sollte die Tour realistisch einschätzen. 620 Stufen sind kein Spaziergang. Der Verein berät offen, wenn man telefonisch nachfragt, ob die persönliche Fitness reicht.
Was nach den 620 Stufen kommt
Direkt am Höhleneingang ist das Rasthaus. Hier kann man sich setzen, etwas trinken, einen selbstgebackenen Kuchen probieren. Schneider beschreibt das als integralen Teil des Besuchs: „Danach kann man natürlich im Rasthaus noch Getränke kaufen oder kleine Speisen zu sich nehmen oder vom selber gebackenen Kuchen Stücke probieren.“
Wer 620 Stufen herauf gegangen ist, hat sich ein Stück Kuchen verdient. Das ist nicht Marketing, das ist Mathematik.
Fazit
620 Stufen klingen nach viel, sind aber für die meisten Besucher gut zu bewältigen, wenn man Zeit mitbringt und realistisch plant. Wer fit ist, ist in 25 Minuten durch. Wer es ruhiger angeht, braucht 45. Beides ist legitim, beides bringt zum gleichen Ziel.
Die tiefste Schauhöhle Deutschlands ist nicht die bequemste. Aber das ist ja gerade der Punkt.
Im Podcast pekuu audiostories spricht Alexander Schneider von der Laichinger Tiefenhöhle über Schächte, Stufen und warum 55 Meter senkrecht etwas anderes sind als ein gemütlicher Höhlen-Spaziergang. → Zur Episode
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