Wer im Höhlen- und Heimatverein Laichingen aktiv ist, ist nicht auf die Schwäbische Alb beschränkt. Ein zentrales Forschungsgebiet des Vereins liegt rund tausend Kilometer entfernt, in den österreichischen Alpen.
Alexander Schneider, Vorstand im Verein, beschreibt es: „Vereinsmitglieder forschen zum Beispiel im Toten Gebirge in Österreich rund um das Albert-Appel-Haus. Da haben wir ein Forschungsgebiet, wo wir sehr aktiv sind.“
Das Tote Gebirge in Oberösterreich. Karstig, hochgelegen, mit einigen der bedeutendsten Schachthöhlen-Systeme Europas. Wer hier in eine Höhle einsteigt, betritt eine andere Liga als auf der Alb.
Was das Tote Gebirge zu einem Höhlenforschungs-Ziel macht
Das Tote Gebirge ist ein Karstgebirge im Salzkammergut, östlich des Dachsteins. Etwa 1100 Quadratkilometer groß, mit Hochflächen bis über 2300 Meter Höhe. Was es für Höhlenforscher besonders macht: Das Gebirge besteht fast vollständig aus Kalkstein, und über die Jahrtausende hat sich darin ein System tiefer Schachthöhlen entwickelt.
Einige der tiefsten Höhlen Österreichs liegen hier. Manche reichen mehrere hundert Meter in die Tiefe. Die Höhlenforschung kennt aus diesem Gebiet auch sehr lange Höhlensysteme mit weit verzweigten Gängen.
Warum gerade dort
Schneider deutet im Interview nicht im Detail aus, warum der Verein gerade das Tote Gebirge gewählt hat. Aber die Antwort liegt nahe: Wer auf der Schwäbischen Alb forscht, hat es mit Höhlen bis etwa 100 Meter Tiefe zu tun. Mehr gibt die geologische Struktur der Alb nicht her. Wer tiefere Schachthöhlen erforschen will, muss in ein anderes Gebirge.
Das Tote Gebirge ist verkehrstechnisch von Laichingen aus zumutbar. Etwa siebeneinhalb bis acht Stunden Autofahrt. Es liegt in einem ähnlichen Karst-System wie die Alb, also vergleichbare Gesteine und teilweise vergleichbare Höhlenbildungsprozesse. Aber durch das höhere Gebirgsniveau sind hier auch deutlich tiefere Höhlen möglich.
Das Albert-Appel-Haus
Schneider nennt das Albert-Appel-Haus als Basisstation. Das ist eine alpine Schutzhütte des Österreichischen Alpenvereins, gelegen auf etwa 1660 Meter Höhe im Toten Gebirge. Von hier aus sind verschiedene Höhlen-Eingänge zu Fuß erreichbar.
Für Forschungsexpeditionen ist eine Basisstation wie das Albert-Appel-Haus wichtig. Wer mehrere Tage in einem Höhlen-Gebiet arbeiten will, braucht einen Ort, an dem er übernachten, sich aufwärmen, Ausrüstung trocknen und Mahlzeiten zubereiten kann. Im Gebirge gibt es keine Hotels in der Nähe der Höhlen-Eingänge. Eine alpine Hütte ist die übliche Lösung.
Was eine Expedition dort konkret bedeutet
Eine Forschungs-Expedition ins Tote Gebirge ist nicht eine Wochenend-Tour. Sie wird über Monate geplant. Wer mitkommt, muss zeitlich, körperlich und ausrüstungsmäßig vorbereitet sein.
Ablauf typischerweise: Anreise mit Auto, Übernachtung im oder am Albert-Appel-Haus, Zustieg zum Höhlen-Eingang (oft mit ein bis zwei Stunden Hike über alpines Gelände), dann mehrere Tage in der Höhle. Manche Expeditionen biwakieren auch in der Höhle, also schlafen unten in geeigneten Kammern, um nicht jeden Tag den langen Abstieg und Wiederaufstieg machen zu müssen.
Was im Toten Gebirge gemacht wird, ist meist Vermessungs- und Kartierungs-Arbeit. Wer eine tiefe Schachthöhle wirklich verstehen will, muss sie ausführlich aufnehmen. Lage der Schächte, Verbindungen zwischen Bereichen, Wasserwege, geologische Besonderheiten.
Was an Kleidung und Ausrüstung dazukommt
Schneider erwähnt im Interview, dass die Höhlen im Gebirge kälter sind als auf der Alb. „Im Gebirge haben die Höhlen ca. 2 Grad. Da ist dann doch ein bisschen frischer.“ Das hat direkte Konsequenzen für die Ausrüstung.
Erstens: warme Unterkleidung. Mehrere Schichten, möglichst Merinowolle oder Funktionsfasern, die auch feucht noch wärmen. Baumwolle ist nicht geeignet, weil sie nass kalt wird.
Zweitens: handhaschwere Stirnlampe-Batterien. Bei zwei Grad halten Akkus nicht so lange wie bei zehn Grad. Wer rechnet, packt Reserve ein.
Drittens: Zusatz-Verpflegung. Eine acht-Stunden-Tour bei zwei Grad verbraucht mehr Energie als bei normalen Temperaturen. Wer nicht regelmäßig isst, kühlt aus.
Viertens: möglicherweise Biwak-Material, wenn die Tour mehrere Tage dauert. Schlafsack für Höhlen-Temperaturen, Iso-Matte, eventuell ein wasserdichtes Bivouac-Sack für Tauchprobleme im Wasser-Bereich.
Mehr zur Grundausrüstung im Artikel zur Höhlenforscher-Ausrüstung.
Was an wissenschaftlicher Arbeit hier passiert
Höhlenforschung ist nicht reines Abenteuer. Sie hat einen wissenschaftlichen Anspruch. Im Toten Gebirge werden Höhlen vermessen, fotografisch dokumentiert, hydrologisch untersucht. Wassertemperatur, Strömungsrichtungen, Verlauf von Wasserwegen, all das wird aufgezeichnet.
Auch geologische Beobachtungen sind Teil der Arbeit. Welche Gesteinsschichten finden sich? Welche Sinter-Formen entstehen unter welchen Bedingungen? Gibt es Hinweise auf historische Wasserstände, etwa durch Fließfassetten an den Wänden? Mehr zu solchen Beobachtungen im Artikel über Karst-Geologie.
Wer hier viele Jahre dabei ist, baut über die Zeit ein Bild des untersuchten Höhlen-Systems auf. Das ist die langsame, geduldige Arbeit, die echte Höhlenforschung ausmacht.
Was der Reiz im Gegensatz zur Alb ist
Schneider beschreibt seinen eigenen Reiz an der Forschung mit einem Satz, der gut zur Toten-Gebirge-Arbeit passt: „Für mich ist der Reiz im Erforschen von etwas Neuem ein bisschen größer als im Analysieren.“
Auf der Alb sind die meisten Höhlen schon kartiert. Wer hier sucht, findet selten etwas wirklich Unentdecktes. Im Toten Gebirge ist das anders. Die Systeme sind so groß und so verzweigt, dass auch nach Jahrzehnten Forschung noch neue Bereiche entdeckt werden können.
Wer eine Sache neu entdeckt, hat ein anderes Verhältnis zu ihr als jemand, der etwas Bekanntes besucht. Das ist der Reiz, von dem Schneider spricht. Und im Toten Gebirge ist dieser Reiz deutlich häufiger erlebbar als auf der heimischen Alb.
Wer ins Tote Gebirge mitkommt
Ins Tote Gebirge mitkommen ist kein Recht jeder Vereinsmitglieder. Es braucht Erfahrung in tiefen Schachthöhlen, sichere Beherrschung der Klettertechnik und Belastbarkeit für mehrtägige Touren bei niedrigen Temperaturen.
Wer in der Jugendgruppe einsteigt und kontinuierlich dabeibleibt, kann nach mehreren Jahren so weit sein. Wer als Erwachsener einsteigt, braucht in der Regel zwei bis drei Jahre intensiver Vereinsarbeit, bevor er bei den anspruchsvollen Touren mitkommen kann. Mehr zum Einstiegsweg im Artikel Höhlenforscher werden.
Was bleibt
Das Tote Gebirge ist nicht jeder Karst-Liebhaber zugänglich. Aber es ist ein wichtiger Teil der Aktivitäten, die der Höhlen- und Heimatverein Laichingen über Jahrzehnte aufgebaut hat. Wer Mitglied wird und die Bereitschaft mitbringt, sich systematisch in die nötigen Fähigkeiten einzuarbeiten, kann hier ein Forschungs-Niveau erreichen, das die heimische Alb nicht hergibt.
Mehr zur Höhlenforschung Schwäbische Alb, zum Verein und zur Tiefenhöhle im Podcast mit Alexander Schneider.
