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Karst Schwäbische Alb: Warum hier so viele Höhlen liegen

Kalkstein verwittert nicht. Das ist der erste Satz, den man verstehen muss, um die Schwäbische Alb geologisch zu lesen.

Alexander Schneider, Vorstand im Höhlen- und Heimatverein Laichingen, sagt es im Interview ohne Pathos: „Der Kalkstein ist relativ stabil. In einer Höhle ist es so, dass man keinen Witterungseinfluss hat. Es gibt zum Beispiel keine Frostsprengung, wie man sie an der Oberfläche hat. Das Gestein verwittert nicht.“

Das ist die Voraussetzung für alles Folgende. Wer Höhlen will, braucht stabiles Gestein. Kalkstein liefert das, dazu noch eine Eigenschaft, die für die Höhlenbildung entscheidend ist.

Was Karst eigentlich ist

Karst ist eine Landschaftsform, die durch chemische Auflösung von Gestein entsteht. Das klassische Karst-Gestein ist Kalkstein, also Calciumcarbonat. Es löst sich in leicht saurem Wasser auf. Regenwasser ist schon leicht sauer, weil Kohlendioxid aus der Luft im Wasser gelöst wird und eine schwache Säure bildet.

Über lange Zeiträume gräbt dieses leicht saure Wasser Hohlräume in den Kalkstein. An der Oberfläche entstehen Karst-Erscheinungen wie Dolinen (runde Vertiefungen), Karren (Rinnen im Fels) oder Höhleneingänge. Unter der Oberfläche entstehen Höhlen, Schächte, Wasserwege.

Die Schwäbische Alb ist eines der größten Karst-Gebiete Deutschlands. Sie reicht von Tuttlingen im Süden bis Aalen im Norden, etwa 220 Kilometer lang. Geologisch besteht sie aus Jurakalken, die vor 150 bis 200 Millionen Jahren als Sedimente eines flachen Meeres entstanden sind.

Wie Höhlen entstehen

Auf der Schwäbischen Alb gibt es zwei grundlegende Höhlentypen.

Horizontalhöhlen: Wasser fließt seitlich durch eine Spalte oder einen Schichtgrenzbereich im Gestein. Über lange Zeit weitet sich der Weg, bis ein begehbarer Gang entstanden ist. Die meisten Tropfsteinhöhlen der Alb sind Horizontalhöhlen.

Schachthöhlen: Wasser sickert von oben nach unten durch vertikale Spalten im Kalkstein. Über lange Zeit weitet sich die Spalte zu einem Schacht. Die Laichinger Tiefenhöhle ist die bekannteste Schachthöhle der Alb. Mehr zum Konzept im Artikel zur Schachthöhle.

Was Schneider an der Geologie fasziniert

Schneider beschreibt im Interview seinen eigenen Reiz an der Höhlen-Geologie. Es geht ihm nicht um den großen Aufbau, sondern um die feinen Details an den Wänden. „An Wänden gibt es zum Beispiel Fließfassetten, die auf einen früheren Wasserlauf hinweisen. Es gibt verschiedene Sinterformen, die nur unter Wasser entstehen. Darauf kann man dann schließen, dass einfach mal in der Höhle Wasser stand oder Wasser geflossen ist.“

Fließfassetten sind kleine, fischschuppenartige Mulden im Gestein. Sie zeigen die Strömungsrichtung des einstigen Wassers an. Wer sie an einer Wand findet, kann lesen, in welche Richtung das Wasser geflossen ist, möglicherweise vor hunderttausend Jahren.

Sinterformen entstehen aus Wasser. Manche bilden sich, wenn das Wasser steht, andere wenn es tropft, wieder andere wenn es strömt. Wer die Formen unterscheiden kann, kann die Wasser-Geschichte der Höhle rekonstruieren.

Die zwei Schächte als geologisches Lehrstück

Schneider erzählt im Interview von einer Stelle in der Tiefenhöhle, die ihn besonders fasziniert. Zwei Schächte direkt nebeneinander, die völlig unterschiedlich aussehen.

„Es liegen zwei Schächte parallel nebeneinander und die sehen komplett unterschiedlich aus. Das liegt einfach daran, weil sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstanden sind und auf unterschiedliche Weise entstanden. Dieser Gegensatz direkt nebeneinander, das ist so das Schönste für mich an der Laichinger Tiefenhöhle.“

Das ist geologisch erklärbar. Karst-Höhlen entstehen nicht in einem einzigen Akt. Sie entstehen in Phasen, die durch das jeweilige Grundwasser-Niveau und die chemischen Bedingungen geprägt sind. Eine Spalte kann sich in einer Phase erweitern, dann austrocknen, später wieder aktiv werden.

Wenn zwei Spalten nebeneinander zu unterschiedlichen Zeiten aktiv waren, sehen die daraus entstehenden Schächte unterschiedlich aus. Der eine kann rauer sein, mit gröberen Strukturen. Der andere glatter, mit feineren Mustern. Wer beides nebeneinander sieht, sieht zwei verschiedene Phasen der Karst-Geschichte an einer Stelle.

Warum Kalkstein nicht verwittert

Schneider erklärt im Interview die Frage der Stabilität: „In einer Höhle ist es so, dass man keinen Witterungseinfluss hat. Es gibt zum Beispiel keine Frostsprengung, wie man sie an der Oberfläche hat. Das Gestein verwittert nicht. Dass Räume zusammenbrechen, ist eigentlich nicht der Fall ohne dass Einwirkungen von außen kommen, sei es der Mensch oder ein Erdbeben.“

An der Oberfläche bricht Kalkstein, weil Wasser in Spalten gefriert und das Gestein sprengt. Im Inneren einer Höhle gibt es keinen Frost. Die Temperatur bleibt das ganze Jahr in einem engen Bereich, auf der Alb zwischen sieben und neun Grad. Wasser kann nicht zu Eis werden. Das Gestein hat keinen mechanischen Stress.

Deshalb sind Höhlen stabiler, als sie aussehen. Wer einen 50-Meter-Schacht von oben sieht, denkt vielleicht, er könnte einstürzen. Tatsächlich steht er seit Jahrtausenden so und wird vermutlich noch viele Jahrtausende so stehen.

Was Karst sonst zeigt

Karst-Landschaften haben eigene Wasserwege. Anders als in normalen Mittelgebirgen, wo Bäche an der Oberfläche fließen, verschwindet Wasser auf der Alb oft im Untergrund. Es taucht erst wieder auf, manchmal kilometerweit weg, an Karst-Quellen.

Die berühmteste Karst-Quelle der Alb ist der Blautopf in Blaubeuren. Hier kommt das Wasser des Blauhöhlensystems wieder an die Oberfläche, nachdem es unterirdisch lange Wege zurückgelegt hat. Mehr zum Blauhöhlensystem.

Schneider erwähnt eine mögliche, aber bisher unbewiesene Wasser-Verbindung von der Tiefenhöhle zum Blautopf: „Eine Verbindung von der Laichinger Tiefenhöhle zum Blautopf, die existiert bisher nur in unserer Fantasie. Es gibt Wasserwege, also Wege, die das Wasser nehmen kann, zum Blautopf zu gelangen. Allerdings ist noch nichts bekannt, was groß genug wäre, damit ein Mensch durchkommt.“

Das ist typisch Karst. Wasser findet Wege, die Menschen nicht finden.

Warum die Alb ein UNESCO-Geopark ist

Die Schwäbische Alb ist seit 2015 als UNESCO Global Geopark anerkannt. Das hängt direkt mit ihrer Karst-Geologie zusammen. Wer geologische Phänomene in Mitteleuropa studieren will, findet hier eine besonders gut sichtbare Karst-Landschaft mit zahllosen Höhlen, Karst-Quellen, Erdfällen und Tropfsteinen.

Zusätzlich sind Teile der Alb seit 2017 UNESCO-Welterbe als „Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb“. Das bezieht sich auf die berühmten archäologischen Funde in einigen Höhlen, etwa im Hohle Fels bei Schelklingen.

Was sichtbar bleibt

Wer auf der Alb wandert, hat eine ungewöhnliche geologische Erfahrung. Über tausenden von Höhlen unter dem Boden. Mit Karst-Quellen, die Wasser aus dem Untergrund nach oben bringen. Mit Felsen, die aus dem Wald aufsteigen wie die Wände einer ausgehöhlten Anlage. Mit Spalten, hinter denen vielleicht noch nicht erkundete Hohlräume liegen.

Wer das sehen lernt, sieht eine andere Landschaft. Nicht „Wald mit Felsen“, sondern „Karst-Hochfläche mit Hohlraum-System darunter“. Die Schwäbische Alb ist nicht nur eine Oberfläche. Sie ist auch das, was unter ihr liegt.


Mehr zur Tiefenhöhle, zu Sinter und Tropfsteinen und zur Forschung im Podcast mit Alexander Schneider.