Das größte Höhlensystem auf der Schwäbischen Alb ist kein Schauhöhlen-System. Es ist ein Forschungs-Reich. Die meisten Menschen sehen davon nur einen einzigen Punkt: die blau schimmernde Wasserfläche des Blautopfs in Blaubeuren.
Alexander Schneider, Vorstand im Höhlen- und Heimatverein Laichingen, beschreibt es so: „Ich weiß, dass das größte Höhlensystem auf der Schwäbischen Alb gerade das Blauhöhlensystem ist. Das erstreckt sich von Blaubeuren Richtung Sonderbuch-Seißen. Der erste Eingang, den man gefunden hat, war durch den Blautopf. Inzwischen gibt es mehrere Eingänge zu dem Höhlensystem, unter anderem die Hessenauhöhle.“
Ein Höhlensystem, das sich unter der Erde von einem Ort zum anderen erstreckt. Mehrere Eingänge, alle verbunden, größtenteils unter Wasser.
Was der Blautopf ist
Der Blautopf in Blaubeuren ist eine Karst-Quelle. Hier kommt Wasser, das vorher in einem ausgedehnten unterirdischen System geflossen ist, an die Oberfläche. Die berühmte blaue Farbe entsteht durch die Streuung des Lichts in den feinen Calcium-Carbonat-Partikeln, die das Wasser mitführt.
Die Quelle ist nicht still. Sie fördert kontinuierlich Wasser, mit Schwankungen je nach Niederschlag und Jahreszeit. Wer am Blautopf steht und das Wasser nach oben sprudeln sieht, sieht den Abfluss eines unterirdischen Systems, das sich kilometerweit ins Karst-Gestein zieht. Mehr zum Blautopf selbst im Artikel Blautopf Blaubeuren.
Wie das System entdeckt wurde
Die Entdeckung verlief über mehrere Etappen. Zuerst der Blautopf selbst, der seit Jahrhunderten bekannt ist. Aber der Blautopf ist kein einfacher Höhleneingang. Er ist eine wassergefüllte Quelle. Wer hier hineinwill, muss tauchen.
Schneider beschreibt es genau so: „Der erste Eingang, den man gefunden hat, war durch den Blautopf.“ Im zwanzigsten Jahrhundert wurden Höhlentaucher zu den Pionieren, die das System öffneten. Sie tauchten in den Blautopf hinab und folgten den Gängen unter Wasser.
Was sie fanden, war ein weitläufiges Höhlensystem. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte erweiterten weitere Tauchgänge die Karte. Stück für Stück wurde klar, wie groß das System wirklich ist.
Die Entdeckung der Hessenauhöhle
Schneider nennt die Hessenauhöhle als einen der weiteren Eingänge. Diese wurde entdeckt, weil Höhlenforscher systematisch nach trockenen Zugängen zum Blauhöhlensystem suchten. Wer einen trockenen Eingang findet, kann das System erforschen, ohne tauchen zu müssen. Das öffnet die Forschung für deutlich mehr Mitglieder.
Die Hessenauhöhle und weitere Eingänge haben das System Stück für Stück besser erschließbar gemacht. Heute ist es möglich, längere Strecken durch das Blauhöhlensystem zu gehen, ohne Tauchausrüstung, wenn man die richtigen Eingänge wählt.
Warum das System so groß ist
Das Blauhöhlensystem zeigt etwas, das Schneider im Interview generell zur Karst-Geologie sagt. Wasser sucht sich seinen Weg. Über Hunderttausende von Jahren weitet leicht saures Wasser Spalten im Kalkstein zu Gängen, Gänge zu Sälen, Säle zu ausgedehnten Höhlensystemen.
In der Region zwischen Blaubeuren und Sonderbuch-Seißen sind die geologischen Bedingungen offenbar so günstig, dass ein besonders weites System entstanden ist. Die Wasser-Wege ziehen sich kilometerweit unter der Alb-Oberfläche.
Wie weit das System wirklich ist, weiß heute niemand exakt. Es wird laufend weiter erforscht. Jede neue Tauchtour, jede neue Expedition kann den bekannten Umfang erweitern.
Was die Tiefenhöhle damit zu tun hat
Hier kommt eine Frage, die Höhlenforscher seit langem beschäftigt. Hat das Blauhöhlensystem eine Verbindung zur Laichinger Tiefenhöhle?
Schneider beantwortet das im Interview ehrlich: „Eine Verbindung von der Laichinger Tiefenhöhle zum Blautopf, die existiert bisher nur in unserer Fantasie. Es gibt Wasserwege, also Wege, die das Wasser nehmen kann, zum Blautopf zu gelangen. Allerdings ist noch nichts bekannt, was groß genug wäre, damit ein Mensch durchkommt.“
Das ist eine Lage, die für Höhlenforscher reizvoll ist. Es gibt vermutlich eine hydrologische Verbindung. Wasser, das in die Tiefenhöhle einsickert, könnte über lange Wege zum Blautopf laufen. Aber ob diese Wege je groß genug werden, um Menschen durchzulassen, ist offen.
Wer auf der Schwäbischen Alb Höhlenforschung betreibt, hat damit ein offenes Forschungsgebiet im wörtlichen Sinne. Etwas, das vielleicht in zehn, fünfzig oder hundert Jahren bewiesen werden kann.
Wer hier arbeitet
Das Blauhöhlensystem wird von verschiedenen Höhlenforscher-Vereinen erforscht. Wichtige Gruppen sind die ARGE Blautopf (Arbeitsgemeinschaft Blautopf), die Höhlenforscher des Schwäbischen Albvereins, und mehrere weitere regionale Vereine.
Höhlentaucher sind eine besondere Gruppe innerhalb der Forschung. Sie haben spezielle Ausbildung und besondere Ausrüstung, die für normales Höhlen-Erforschen nicht nötig ist. Wer im Blauhöhlensystem die unter Wasser stehenden Bereiche erforschen will, muss zuerst Höhlentauch-Erfahrung sammeln.
Der Höhlen- und Heimatverein Laichingen hat seinen Schwerpunkt eher in der Tiefenhöhle und in den unausgebauten Bereichen darunter sowie im Forschungsgebiet im Toten Gebirge. Aber Mitglieder können mit anderen Vereinen kooperieren oder selber im Blauhöhlensystem aktiv werden.
Was Besucher davon zu sehen bekommen
Wer das Blauhöhlensystem als Tourist erleben will, hat begrenzte Optionen. Der Blautopf selbst ist immer zugänglich. Wer am Wasserrand steht, sieht die berühmte Quelle und den Beginn des Systems.
Im Klosterhof Blaubeuren gibt es ein Hammerschmiede-Museum und Ausstellungen zum Blautopf. Hier kann man mehr über die Forschungsgeschichte erfahren, ohne selbst zu tauchen.
Wer das System selbst betreten will, muss entweder Mitglied eines Höhlenvereins werden und Höhlentauchen lernen, oder spezielle geführte Touren in den trockenen Eingangsbereichen suchen. Die sind aber selten und stark reglementiert.
Warum das System trotzdem wichtig ist
Auch wer das Blauhöhlensystem nie selbst betritt, profitiert von der Forschung daran. Aus der Erkundung dieses Systems wissen wir, wie Karst-Hydrologie auf der Schwäbischen Alb wirklich funktioniert. Wo Wasser hinläuft. Wie Quellen entstehen. Wie groß unterirdische Wassersysteme werden können.
Das wirkt sich praktisch aus, etwa beim Trinkwasser-Schutz. Wer weiß, wo Wasser im Untergrund hinläuft, kann besser schützen, was nicht verunreinigt werden darf.
Was die Pointe ist
Das Blauhöhlensystem ist nicht spektakulär in dem Sinne, dass es Touristen beeindrucken müsste. Es ist das größte unterirdische System der Region, fast unsichtbar von oben, sichtbar nur durch eine blaue Quelle und ein paar trockene Eingänge.
Genau diese Verborgenheit ist sein Reiz. Und sie ist der Grund, warum die Frage „kann man von der Tiefenhöhle hierher schwimmen?“ für Schneider und seine Kollegen seit Jahren spannend bleibt. Bisher: nur in der Fantasie. Vielleicht eines Tages: in der Realität.
Mehr zur Karst-Geologie, zur Tiefenhöhle und zur Vereinsarbeit im Podcast mit Alexander Schneider.
