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Lampenflora Schauhöhle: Wenn künstliches Licht Moose ins Dunkle bringt

In einer natürlichen Höhle wachsen keine Pflanzen. Kein Sonnenlicht, keine Photosynthese, kein Wachstum. In einer Schauhöhle mit installierter Beleuchtung wächst plötzlich doch etwas. Es heißt Lampenflora.

Alexander Schneider, Vorstand im Höhlen- und Heimatverein Laichingen, beschreibt das Phänomen genau: „In der Höhle gibt es normalerweise keine Pflanzen außer am Eingangsbereich oder eben in künstlich beleuchteten Höhlen wie zum Beispiel in der Schauhöhle. Da gibt es die sogenannte Lampenflora, das heißt überall dort wo Lampen angebracht sind, können sich auch Moose, Ferne oder Algen bilden.“

Eine Schauhöhle ist also nicht nur eine Anlage für Besucher. Sie ist auch ein künstlich geschaffener Lebensraum für eine besondere Pflanzengemeinschaft.

Was Lampenflora ist

Lampenflora ist der Sammelbegriff für alles, was in beleuchteten Bereichen einer Höhle wächst. Das sind in der Regel drei Pflanzengruppen.

Erstens: Algen. Vor allem Cyanobakterien und Grünalgen, die mit sehr wenig Licht auskommen. Sie bilden dünne, oft grünliche oder bläuliche Beläge an Wänden, an Lampen und auf Tropfsteinen in der Umgebung der Lichtquelle.

Zweitens: Moose. Sie wachsen in feuchten Bereichen mit Licht, oft an den Wänden direkt unter oder neben Lampen. Sie sind grüner und sichtbarer als Algen.

Drittens: Farne. Manche Farnarten sind so anspruchslos, dass sie in Schauhöhlen unter Lampen wachsen können. Das passiert vor allem dann, wenn die Lampe nicht nur Licht, sondern auch Wärme abgibt und ein geeignetes Mikroklima erzeugt.

Alle drei brauchen drei Dinge: Licht (von der Lampe), Wasser (von der Höhlenwand-Feuchte oder vom Tropfwasser) und etwas organisches Material (das die Besucher mit ihrer Atemluft oder ihren Kleidern hineinbringen).

Warum sie ein Problem ist

Lampenflora ist nicht nur ein Schönheitsfehler. Sie ist ein konkretes Schutzproblem für die Höhlenbiologie.

Erstens: Sie verdeckt die Geologie. Wer einen sauberen Kalkstein-Tropfstein sehen will, sieht nicht mehr das natürliche Gestein, sondern eine grüne Algen-Schicht. Wer Sinter-Strukturen erkunden will, hat es schwerer, wenn alles mit Moos überzogen ist.

Zweitens: Sie kann das Gestein angreifen. Manche Algen und Bakterien produzieren Säuren, die den Kalkstein langsam angreifen. Über Jahre kann das die Substanz von Tropfsteinen oder Sinter-Überzügen verändern.

Drittens: Sie verändert die Mikroklima-Bedingungen. Wo Lampenflora wächst, gibt es eine andere Luftzusammensetzung, andere Feuchtigkeit, andere Temperatur als im ungestörten Höhlenbereich. Das wirkt sich auf andere Höhlenbewohner aus, etwa Fledermäuse, die bestimmte Klimabedingungen brauchen. Mehr zu Höhlenfauna und Fledermäusen.

Viertens: Sie ist nicht heimisch. Die Pflanzen, die als Lampenflora wachsen, sind nicht die natürliche Vegetation einer Höhle. Sie ist ein vom Menschen geschaffener Lebensraum für eine vom Menschen unbeabsichtigt eingebrachte Vegetation.

Wie Schauhöhlen damit umgehen

Es gibt mehrere Strategien, die in deutschen Schauhöhlen angewendet werden.

Strategie eins: Beleuchtungsoptimierung. Moderne LED-Lampen können so gestaltet werden, dass sie weniger des Wellenlängenspektrums abgeben, das Pflanzen für die Photosynthese brauchen. Wenn nur das Licht da ist, das für menschliches Sehen relevant ist, wachsen Algen und Moose deutlich langsamer.

Strategie zwei: Beleuchtungs-Zeitsteuerung. Anstatt Lampen den ganzen Tag laufen zu lassen, werden sie nur eingeschaltet, wenn Besucher in der Nähe sind. Ohne kontinuierliches Licht haben Pflanzen es schwerer zu wachsen. In der Laichinger Tiefenhöhle mit Audioguide-System funktioniert das gut, weil die Beleuchtung an die Stationen-Logik gekoppelt sein kann.

Strategie drei: Mechanische Entfernung. Wo schon Lampenflora gewachsen ist, kann sie mit Bürsten oder anderen mechanischen Mitteln entfernt werden. Das ist Pflege-Arbeit, die in regelmäßigen Abständen durchgeführt wird.

Strategie vier: Chemische Behandlung. In manchen Schauhöhlen werden mit großer Vorsicht milde Lösungen verwendet, die Algen abtöten, ohne das umgebende Gestein anzugreifen. Wasserstoffperoxid in niedriger Konzentration ist eine verbreitete Lösung.

Was der Verein konkret tut

Der Höhlen- und Heimatverein Laichingen hat in den letzten Jahren die Beleuchtung der Tiefenhöhle weiterentwickelt. Die Wartung der Beleuchtung ist eine Daueraufgabe, wie Schneider beschreibt: „Die Beleuchtung ist ein wichtiges Thema, die muss man instand halten, weil ohne Licht haben die Besucher auch kein so cooles Erlebnis.“ Mehr zur Vereinsarbeit im eigenen Artikel.

Schneider erwähnt im Interview nicht im Detail, welche Lampenflora-Strategie der Verein anwendet, aber er weist auf die grundsätzliche Existenz des Phänomens hin. In Schauhöhlen ist Lampenflora ein bekanntes Thema, das alle Betreiber kennen und das laufend bearbeitet wird.

Warum es trotzdem nicht ganz zu vermeiden ist

Vollständige Vermeidung von Lampenflora ist praktisch unmöglich. Solange Menschen in Höhlen gehen und Lampen sie beleuchten, gibt es Bedingungen, unter denen sich Algen, Moose oder Farne entwickeln können.

Was man tun kann, ist das Wachstum verlangsamen, das vorhandene Material regelmäßig entfernen und die Beleuchtung so gestalten, dass die Bedingungen nicht ideal für die Lampenflora sind.

In der Praxis bedeutet das: Auch in einer gut gepflegten Schauhöhle sieht man irgendwo grüne Beläge in der Nähe von Lampen. Wer das sieht, hat eine besondere Art von Höhlen-Biologie vor sich. Sie ist nicht ideal aus Naturschutz-Sicht, aber sie ist Realität jeder beleuchteten Höhle.

Was natürliche Höhlen davon unterscheidet

Wer eine unausgebaute Höhle besucht, sieht keine Lampenflora. Hier ist nur die natürliche Höhlenbiologie. Mineralisierte Wände, Sinterformen, ein paar Insekten oder Spinnen am Eingang.

Wer eine Höhle wirklich „pristine“ (also völlig ungestört) sehen will, geht in unausgebaute Bereiche. Das ist eine ganz andere Erfahrung als eine Schauhöhle. Mehr zum Unterschied im Artikel zur Höhlenforschung auf der Schwäbischen Alb.

In einer unausgebauten Höhle sieht man auch, wie schnell Lampenflora wirklich wächst. Wenn Höhlenforscher mit ihren Stirnlampen kommen, gehen, wiederkommen, dauert es Jahre, bis erste Spuren von Wachstum sichtbar werden. In Schauhöhlen mit dauerhafter Beleuchtung dauert es Wochen.

Was Besucher tun können

Wer eine Schauhöhle besucht, kann das Lampenflora-Problem auf einfache Weise reduzieren. Nichts berühren ist die wichtigste Regel. Wer Tropfsteine anfasst, bringt Hautfette ein, die als Nährboden für Mikroorganismen dienen können. Wer Wege verlässt und in andere Bereiche eindringt, bringt organisches Material in unbeschützte Zonen.

Schauhöhlen-Wege sind so angelegt, dass die Besucher in einem klaren Korridor bleiben. Wer dort bleibt und nichts anfasst, lässt die Höhle so, wie er sie vorgefunden hat.

Was bleibt

Lampenflora ist die unvermeidliche Nebenwirkung der Schauhöhlen-Beleuchtung. Wer eine Höhle für Besucher zugänglich macht, schafft gleichzeitig Bedingungen für eine besondere Pflanzengemeinschaft. Sie ist nicht ideal, aber sie ist Teil des Pakets.

Wer das beim Besuch der Laichinger Tiefenhöhle im Hinterkopf hat, sieht eine grüne Algen-Schicht an der Wand anders. Nicht als Schmutz, sondern als Hinweis darauf, dass eine Höhle ein lebendiges System ist, das auf jede Veränderung reagiert.


Mehr zur Höhlenfauna, zur Vereinsarbeit und zur Tiefenhöhle im Podcast mit Alexander Schneider.