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pekuu Original · Reportage · Lesezeit 4 Min.

Hatha Yoga: was ein Arzt darunter versteht

Hatha Yoga, erklärt von Arzt und Ashtanga-Lehrer Dr. Ronald Steiner: 3000 Jahre alte Idee, warum es kein Stretching ist und was den Kern ausmacht.

Als Ronald Steiner ein kleines Kind war, las ihm seine Mutter Geschichten von Yogis vor. Sie war selbst Yogalehrerin, und die alten Erzählungen taten beim Jungen ihre Wirkung. „Das ist magisch, das ist mystisch“, dachte er damals. Heute ist er Arzt, Ashtanga-Lehrer und unterrichtet seit knapp dreißig Jahren. Und wenn er über Hatha Yoga spricht, beginnt er nicht mit einer Übung, sondern mit einem Satz, der viele überrascht: „Yoga ist kein Stretching.“

Damit meint er nicht, dass Dehnung verboten wäre. Er meint, dass die meisten das Wesentliche verwechseln. Es ist der Oberbegriff, unter dem fast alle körperlichen Yoga-Formen im Westen laufen. Vinyasa, Ashtanga, Yin, Power Yoga. Sie alle sind Kinder des Hatha. Doch was diesen Kern ausmacht, ist für Steiner keine Frage der Beweglichkeit.

Eine 3000 Jahre alte Idee

Für Steiner ist Yoga eine Idee, die mindestens dreitausend Jahre zurückreicht. In dieser langen Geschichte gehe es immer wieder um zwei Dinge: „meditativ uns selbst wahrzunehmen“ und „Körper und Geist in Balance zu bringen“. Das ist der Faden, der sich durch die Jahrtausende zieht, von alten Quelltexten bis zur Matte im Wohnzimmer. Die Haltungen selbst haben sich dabei ständig verändert.

Genau hier setzt seine Provokation an. „Die Stretching-Übungen, die heutzutage alle mit Yoga oder viele mit Yoga assoziieren, sind gerade mal die letzten 100 Jahre Teil der Yoga-Bewegung geworden“, sagt der Mann, der Sanskrit liest und alte Quelltexte selbst übersetzt. Eine Bewegung von dreitausend Jahren, und die gedehnten Halteübungen, die heute als Inbegriff des Yoga gelten, sind darin ein junges Kapitel. Das nimmt dem Hatha Yoga nichts. Es rückt es nur gerade.

Warum Hatha Yoga mehr ist als Dehnen

Wenn er selbst übt oder unterrichtet, hat seine Praxis einen hohen Kraftanteil, Übungen, die man eher mit Functional Fitness verbinden würde. Für ihn ist das kein Widerspruch, sondern der Punkt. Aus heutiger Sicht seien kräftige Übungen wichtig, um Körper und Geist in Balance zu bringen. Eine gehaltene Haltung ist damit keine passive Dehnung, sondern Arbeit. Muskeln stabilisieren, der Atem läuft, die Aufmerksamkeit bleibt im Körper.

Das erklärt, warum ihn ein verbreiteter Satz ärgert: „Ich mache Yoga und zum Ausgleich mache ich Pilates.“ In dem Moment, sagt Steiner, behandle man Yoga als bloßes Stretching. Für ihn ist es das Gegenteil. Kräftigen und Sammeln gehören zusammen. Wer den direkten Vergleich sucht, findet ihn im Beitrag zum Unterschied zwischen Yoga und Pilates.

Für wen sich Hatha Yoga eignet

Weil das Tempo in einer typischen Stunde ruhiger ist als in einer schnellen Klasse, gilt der Stil als guter Einstieg. Es bleibt Zeit, eine Haltung zu verstehen, bevor die nächste kommt. Das heißt nicht, dass Hatha leicht ist. Es heißt, dass der Weg hinein gut begehbar ist. Wer von hier aus weitergehen will, findet die schnellere Variante im Vinyasa Yoga und die festeste, älteste Form in der Ashtanga Serie 1, die Steiner selbst als das Original bezeichnet.

Am Ende bleibt es für ihn weniger ein Rezept als eine Richtung. Meditative Selbstwahrnehmung und Balance von Körper und Geist. Dieselbe Faszination, die den kleinen Jungen bei den Yogi-Geschichten packte, trägt den Arzt bis heute auf die Matte.

Hatha Yoga für zu Hause beginnen

Wer mit Hatha Yoga anfängt, braucht keine besondere Beweglichkeit und keine Vorerfahrung. Es genügt eine Matte, etwas Platz und die Bereitschaft, für ein paar Minuten aus dem Alltag auszusteigen. Steiner rät Einsteigern, nicht auf die perfekte Form zu schielen, sondern auf den Atem und das eigene Spüren zu achten. Eine Haltung, die von außen unspektakulär wirkt, kann innerlich viel bewegen, wenn die Aufmerksamkeit wirklich im Körper ankommt. Genau das unterscheidet Hatha Yoga von reiner Gymnastik. Sinnvoll ist ein Start mit einer angeleiteten Stunde, ob vor Ort oder online, damit die Ausrichtung von Beginn an stimmt und sich keine ungünstigen Muster einschleifen. Feste Zeiten tragen mehr als lange Einheiten. Ein kurzer, regelmäßiger Rhythmus hält die Praxis über Wochen, während der gute Vorsatz einer langen Sonntagseinheit oft im Sand verläuft. Wer dranbleibt, merkt meist nach wenigen Wochen, dass die vertraute Abfolge leichter fällt und der Kopf schneller ruhig wird. Dieser Wiederholungseffekt ist kein Zufall, sondern gehört zur Idee, die hinter dem klassischen Hatha Yoga steht.

Häufige Fragen

Was ist Hatha Yoga?
Hatha Yoga ist der Oberbegriff für die körperlichen Yoga-Formen, aus dem sich Stile wie Vinyasa oder Ashtanga ableiten. Für Dr. Ronald Steiner geht es im Kern um meditative Selbstwahrnehmung und um Balance von Körper und Geist, nicht um Dehnung.

Ist Hatha Yoga nur Dehnen?
Nein. Steiner bringt es auf den Punkt: „Yoga ist kein Stretching.“ Gehaltene Haltungen sind Arbeit für die Muskeln, begleitet von Atem und Aufmerksamkeit. Reine Dehnung greift zu kurz.

Ist Hatha Yoga für Anfänger geeignet?
Ja. Das ruhigere Tempo lässt Zeit, jede Haltung zu verstehen, bevor die nächste folgt. Anstrengend kann es trotzdem sein, weil Haltungen gehalten und nicht nur kurz angetippt werden.

Wie alt ist Yoga wirklich?
Als Idee reicht Yoga nach Steiner mindestens dreitausend Jahre zurück. Die heute verbreiteten Dehn- und Halteübungen sind dagegen erst in den letzten rund hundert Jahren zum prägenden Teil der Bewegung geworden.

Hinweis

Dieser Beitrag gibt die Sicht und Erfahrung von Dr. Ronald Steiner wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei Beschwerden oder Vorerkrankungen klär den Übungsbeginn vorab mit einer Ärztin oder einem Arzt ab. Wie eine Yoga-Praxis im Einzelfall wirkt, ist von Mensch zu Mensch verschieden.


Zur Episode und weiteren Beiträgen mit Dr. Ronald Steiner im pekuu audiostories Podcast: Dr. Ronald Steiner.