Wer durch eine Tropfsteinhöhle geht und einen langen, spitzen Stein von der Decke hängen sieht, sagt vermutlich „Stalaktit“. Manche sagen „Stalagmit“. Die meisten sind sich nicht ganz sicher. Hier eine kurze Übersicht, die auch unter Felsen funktioniert.
Alexander Schneider, Vorstand im Höhlen- und Heimatverein Laichingen, klärt das im Interview ohne Pose: „Sinter ist der Überbegriff für Tropfsteine. Also alles was ein Tropfstein ist wird im Großen und Ganzen als Sinter bezeichnet.“
Sinter zuerst. Stalaktit und Stalagmit sind Unterkategorien.
Die zwei Hauptformen
Schneider beschreibt sie konkret: „Darunter zählen die von der Decke hängenden Tropfsteine, die Stalaktiten, sowie die von unten nach oben wachsenden, die Stalagmiten, aber auch Sonderformen wie zum Beispiel Knöpfchen-Sinter oder Excentriques oder Macaroni.“
Stalaktiten hängen. Sie wachsen von der Decke nach unten. Das Wasser tropft langsam herunter, bei jedem Tropfen bleibt ein winziger Rest Calciumcarbonat hängen, der erstarrt. Über Jahrtausende entstehen so die langen, manchmal sehr dünnen Strukturen, die man aus Bildern kennt.
Stalagmiten wachsen. Sie entstehen am Boden, dort wo Wassertropfen aufschlagen. Beim Aufschlagen bleibt ebenfalls ein winziger Rest Calciumcarbonat zurück. Über Jahrtausende baut sich ein Hügel auf, der nach oben wächst.
Wenn Stalaktit und Stalagmit zusammenwachsen, entsteht eine Säule. Das passiert über Hunderttausende von Jahren und ist in stabilen Höhlen-Umgebungen ein häufiges Ergebnis.
Wie schnell so etwas wächst
Schneider erklärt die Wachstumsgeschwindigkeit: „So ein Tropfstein wächst ganz unterschiedlich schnell. Das hängt nämlich mit mehreren Sachen zusammen. Zum einen mit der Temperatur, zum anderen wie viel Kalk im Wasser gelöst ist und dann auch wie viel Kalk aus dem Wasser rausgelöst werden kann.“
Diese drei Faktoren bestimmen die Wachstumsrate. Höhere Temperatur kann das Wachstum beschleunigen oder verlangsamen, je nach dem chemischen Gleichgewicht. Mehr gelöster Kalk im Wasser bedeutet mehr Material für den Tropfstein. Wie viel Kalk wirklich „rausgelöst“ werden kann, hängt vom Sättigungs-Zustand des Wassers ab.
Was alle Tropfsteine teilen: Sie wachsen langsam. Sehr langsam. In den meisten Höhlen Mitteleuropas rechnet man mit Wachstumsraten von wenigen Millimetern bis Zentimetern pro Hundert Jahre. Wer einen 50 Zentimeter langen Stalaktit sieht, sieht möglicherweise das Werk von 5000 bis 50.000 Jahren.
Das ist auch der Grund, warum Tropfsteine in Schauhöhlen unter strengem Schutz stehen. Wer einen zerstört, hat etwas zerstört, was er in einem Menschenleben nicht ersetzen kann.
Die Sonderformen
Schneider nennt drei Sonderformen, die er erwähnt: Knöpfchen-Sinter, Excentriques und Macaroni. Wer sich für die Familie der Sinter interessiert, sollte diese kennen.
Knöpfchen-Sinter sind kleine, knopfartige Strukturen, die aus Calciumcarbonat geformt sind. Sie wachsen oft an feuchten Wänden, wenn Wasser über die Wand sickert und sich an bestimmten Punkten ablagert. Das Ergebnis sind viele kleine, knopfartige Wölbungen.
Excentriques sind Tropfsteine, die nicht senkrecht hängen oder wachsen, sondern in unregelmäßigen, oft fast horizontalen Richtungen. Sie entstehen, wenn das Wachstum nicht von der Schwerkraft, sondern von Kapillar-Effekten oder Luftströmungen bestimmt wird. Excentriques sind besonders empfindlich und kommen in unbeschützten Schauhöhlen-Bereichen selten vor.
Macaroni-Tropfsteine sind dünne, langgestreckte Stalaktiten, die wie Spaghetti aussehen. Sie sind hohl, weil sich Calciumcarbonat um einen Wassertropfen herum ablagert und dann nach unten wächst. Diese Hohl-Stalaktiten sind extrem zerbrechlich.
Sinter ist nicht gleich Tropfstein
Manche Sinter-Formen sind keine Tropfsteine im engeren Sinne. Sinter-Überzüge zum Beispiel sind flächige Schichten, die sich an Wänden bilden, wenn Wasser über sie hinabläuft. Sie sind nicht „getropft“, sondern „geflossen“.
In der Laichinger Tiefenhöhle gibt es nach Schneiders eigenen Worten weniger klassische Tropfsteine, dafür aber Sinter-Überzüge: „Wir haben eher dann so Sinter-Überzug an der Wand.“
„Es gibt andere Schauhöhlen auf der Schwäbischen Alb, gerade auch Laichingen herum. Zum Beispiel die Sontheimer Höhle oder die Schertelshöhle bei Westerheim.“ Mehr zur Sontheimer Höhle und zur Schertelshöhle in eigenen Artikeln.
Wie sich Sinter chemisch bildet
Der Chemismus ist simpel. Calciumcarbonat (CaCO₃) ist in normalem Wasser fast nicht löslich. In leicht saurem Wasser (durch gelöstes Kohlendioxid) löst es sich besser. Regenwasser ist leicht sauer. Wenn es durch Kalkstein sickert, löst es etwas Kalk und nimmt ihn mit.
Wenn dieses kalkreiche Wasser dann in einer Höhle ankommt, kann es das Calciumcarbonat wieder abgeben. Das geschieht, weil sich die chemischen Bedingungen ändern: Kohlendioxid entweicht aus dem Wasser an die Höhlenluft, die Konzentration sinkt, das Wasser ist wieder weniger sauer, das gelöste Calciumcarbonat fällt aus.
Wo das geschieht, lagert sich Calciumcarbonat ab. An der Decke entsteht ein Stalaktit, am Boden ein Stalagmit, an einer Wand ein Sinter-Überzug.
Was Sinter über die Geschichte einer Höhle erzählt
Wer in der Lage ist, Sinter-Formen zu lesen, kann die Geschichte einer Höhle teilweise rekonstruieren. Welche Bereiche waren wann aktiv? Wo floss Wasser, wo tropfte es nur? Wie haben sich die Bedingungen über die Zeit geändert?
Schneider deutet das im Interview an, wenn er über das „geschulte Auge“ spricht: „Was das geschulte Auge im Gegensatz zu einem Laienauge in der Höhle sieht, vielleicht die Entstehungsgeschichte von der Höhle.“
Das ist die Höhlenforschungs-Kunst. Aus den Spuren an den Wänden, aus den Sinter-Formen, aus den Fließfassetten kann man eine Geschichte rekonstruieren, die hunderttausend Jahre alt ist und nicht in Büchern steht.
Warum Sinter empfindlich ist
Sinter wächst über Jahrtausende, kann aber in Sekunden zerstört werden. Wer einen Stalaktit anfasst, hinterlässt Hautfette, die das weitere Wachstum behindern. Wer einen Stalaktit abbricht, hat ihn endgültig zerstört. Es gibt keinen Wiederaufbau.
Deshalb steht in jeder Schauhöhle das gleiche Schild: Nichts anfassen, nichts mitnehmen, nichts berühren. Das ist nicht Marketing, sondern naturschutzrechtliche Notwendigkeit.
In Schauhöhlen-Bereichen, in denen viel Sinter und Tropfsteine sind, wird der Zugang strikter geregelt. Audioguide-Stationen sind so platziert, dass Besucher nicht in der Nähe besonders empfindlicher Strukturen stehen bleiben müssen.
Was man als Besucher mitnimmt
Wer in einer Tropfsteinhöhle einen großen Stalagmiten sieht und versteht, dass dieser möglicherweise 50.000 Jahre alt ist, hat eine andere Beziehung zu ihm als jemand, der nur „schönen Stein“ denkt.
Tropfsteine sind nicht Dekoration. Sie sind Zeitspur. Wer sie ansieht und versteht, was sie sind, sieht eine sehr langsame, sehr genaue Form von Geologie. Die Schwäbische Alb hat davon viele Beispiele, wenn man weiß, wohin man fährt.
Mehr zur Karst-Geologie, zur Tiefenhöhle und zu anderen Schauhöhlen im Podcast mit Alexander Schneider.
