Rita Goller hat über 20 Jahre Weinbergschnecken gezüchtet, auf der Schwäbischen Alb in Münsingen-Rietheim. Wenn sie über den Schnecken Winterschlaf spricht, wird sie besonders genau. Denn hier entscheidet sich, ob ein Tier überlebt oder nicht. Und der Klimawandel mischt dabei kräftig mit.
Wann der Schnecken Winterschlaf beginnt
Nicht alle Schnecken gehen gleichzeitig schlafen. Das ist wie bei Menschen, sagt Rita. Manche frieren schneller. „Wenn die ersten Nachtfröste kommen oder das unter 5, 6 Grad ist, dann gibt es wie bei den Menschen ein bisschen eine, die erfroren sind oder nicht.“ Die Empfindlichen verkriechen sich schon im September. Die Mutigen warten bis Anfang November.
Dann passiert etwas Erstaunliches. Die Schnecke verschließt ihr Haus mit einem Kalkdeckel. Der wird innerhalb eines einzigen Tages steinhart. „Das ist wie ein Tuffstein“, vergleicht Rita. Tuffstein wächst im Wasser und wird hart, wenn man ihn herausnimmt. Genauso funktioniert der Kalkdeckel.
Und die Schnecke denkt dabei voraus. Sie legt sich mit dem Deckel nach oben hin. Warum? Damit sie im Frühjahr nicht ihr ganzes Haus anheben muss. Sie stößt einfach den Deckel ab und ist sofort da. Energiesparen auf Schwäbisch.
Warum der Klimawandel den Schnecken Winterschlaf bedroht
Hier wird es ernst. Milde Winter sind für die Weinbergschnecke tödlich. „Wenn es im Winter dann warm wird, wenn mal eine Woche richtig plus 10 Grad oder 8 Grad hat und dann auch noch Bodenfeuchte da ist, dann ist das Problem, dass die Schnecken im Winterschlaf erwachen.“ Diese Schnecken überleben den nächsten Frost nicht mehr. Sie sterben.
Im Frühjahr findet man dann die leeren Häuser. Die Weinbergschnecke steht auf der roten Liste, und der Klimawandel ist ein Hauptgrund dafür. „Die wird sich auch die nächsten Jahre sehr schwer tun, dass sie sich in der Natur wieder richtig entwickelt“, sagt Rita. An manchen Stellen gibt es noch Populationen. Aber wie vor 30 oder 40 Jahren wird es nicht mehr.
Was nach dem Schnecken Winterschlaf passiert
Wenn es im Frühjahr warm genug wird, stößt die Schnecke ihren Deckel ab. Dann hat sie enormen Hunger. Innerhalb von ein bis zwei Tagen frisst sie alles nach, was sie in den Schlafmonaten verloren hat. Löwenzahn, Kohlblätter, was der Garten hergibt.
Wenn sie satt ist, baut sie an ihrem Haus weiter. Dann sucht sie einen Partner. „Ich sage immer, das ist ein typischer Schwabe: Schaffe, schaffe, Häusle baue“, lacht Rita. Fressen, bauen, fortpflanzen. In dieser Reihenfolge.
Die Jungtiere machen schon im ersten Jahr ihren Winterschlaf. Winzig, mit weichem Häuschen, müssen sie Mäusen und Frost trotzen. Nicht alle schaffen das. Aber die, die durchkommen, sind nach dreieinhalb Jahren geschlechtsreif.
Warum der Winterschlaf die Schnecke zur Delikatesse machte
Die Tradition, Weinbergschnecken im Winter zu essen, hat mit dem Kalkdeckel zu tun. Hinter dem Deckel hat das Tier keinen Schleim. Man muss es nicht aushungern, nicht entschleimen. „Man muss es nicht aushungern, man muss es nicht entschleimen, sondern der Schleim ist weg“, erklärt Rita.
In den Klöstern wusste man das. Die Schnecke war ein perfektes Fastengericht. Kein Fleisch, leicht zu lagern im Winterschlaf, kein aufwendiges Schlachten. Ein Tier, das im Schlaf stirbt.
Rita Goller verarbeitet heute keine Schnecken mehr für die Gastronomie. Aber wenn sie vom Schnecken Winterschlaf erzählt, spürt man die Faszination für ein Tier, das die meisten Menschen unterschätzen.
Den ganzen Jahreszyklus der Weinbergschnecke erzählt Rita im pekuu audiostories Podcast.
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