Der erste Mensch in der Laichinger Tiefenhöhle war vierzehn Jahre alt. Er hatte ein Seil um die Hüfte und eine Kerze in der Hand. Sein Name war Ulrich Mack.
Alexander Schneider, Vorstand im Höhlen- und Heimatverein Laichingen, beschreibt den ursprünglichen Eingang der Höhle so: „Wenn man in die Laichinger Tiefenhöhle reingeht, dann sieht man erst einmal einen künstlichen Eingang. Der ursprüngliche Eingang von der Laichinger Tiefenhöhle ist ein kleines Loch, wo sich ein damals 14-jähriger Junge als erster Mensch durchgezwängt hat.“ Dieser Junge war Ulrich.
Wie es dazu kam
Ulrichs Vater Johann Georg Mack hatte 1892 zufällig einen Hohlraum unter seinem Sand-Schurf am Ortsrand von Laichingen freigelegt. Sand verschwand nachts in einem Loch, das immer größer wurde. Der Vater erweiterte das Loch, fand einen Hohlraum dahinter und stand vor der Frage, was unten ist.
Schneider beschreibt, was als nächstes passierte: „Die Höhle hat sich entdeckt vom Vater von Ulrich Mack, Johann Georg Mack. Er hat die durch Zufall angeschnitten beim Graben nach Dolomit Sand. Er hat dann seinen jüngsten Sohn, Ulrich Mack, an einem Seil mit einer Kerze in der Hand runtergelassen.“
Warum Ulrich? Vermutlich aus mehreren Gründen. Erstens: Er war klein und schmal genug, um durch das enge Loch zu passen. Ein Erwachsener hätte sich nicht hineingezwängt. Zweitens: Er war ein Junge und in jener Zeit jemand, dem körperlich heikle Aufgaben zugeteilt wurden. Drittens: Er war Sohn des Schurf-Inhabers und damit familiäre Vertrauensperson.
Was unter ihm lag
Was Ulrich an jenem Tag 1892 sah, ist nicht im Detail überliefert. Aber wir wissen heute, was unter dem damaligen Mausloch wirklich war. Ein 55-Meter-Schacht. Genauer: ein System mehrerer Schächte, die zu unterschiedlichen Zeiten und unter unterschiedlichen Bedingungen entstanden sind. Schneider beschreibt diese Konstellation aus heutiger Sicht: „Es liegen zwei Schächte parallel nebeneinander und die sehen komplett unterschiedlich aus.“
Ulrich konnte das mit einer Kerze nicht erkennen. Eine Kerze reicht für ein paar Meter Sicht, nicht für die Tiefenwahrnehmung eines Schachts mit ungekanntem Boden. Wie weit er an jenem Tag wirklich hinunterkam, ist unklar. Vermutlich blieb er im oberen Bereich des Schachts, weil das Seil seines Vaters nur eine begrenzte Länge hatte und Vorsicht geboten war.
Was Ulrich aber sah, reichte für eine Aussage: Hier ist mehr als nur eine kleine Erweiterung. Hier ist ein größerer Hohlraum.
Das Risiko, das niemand benannte
1892 hatte niemand ein Höhlen-Erste-Hilfe-Konzept. Es gab keine Versicherung, kein Atemschutzgerät, keinen Helm, keinen Klettergurt im heutigen Sinne. Eine Kerze konnte ausgehen, wenn das Luftgemisch in der Höhle zu wenig Sauerstoff hatte. Das Seil konnte sich an einer Kante reiben und reißen. Der Hohlraum konnte tiefer sein, als das Seil lang war.
Vater und Sohn akzeptierten diese Risiken nicht ausdrücklich. Sie kannten sie wahrscheinlich nur teilweise. Was sie taten, war ein für ihre Zeit angemessenes Vorgehen, eine unbekannte Lage zu klären.
Heute würde keine Sicherheits-Vorschrift dieses Vorgehen mittragen. Im modernen Höhlenforschungs-Standard gilt nach Schneider: „Eine Höhlentour, wenn man zum Forschen geht, sollte man mindestens zu dritt sein. Das hat einfach den Sicherheitsaspekt. Wenn irgendwas passiert, kann eine Person raus und Hilfe holen und die zweite Person kann bei der verletzten Person bleiben.“ Zu dritt, mit Helm, mit gutem Licht. 1892 war es: zu zweit, mit Seil, mit Kerze.
Was aus der Erstbefahrung wurde
Ulrich kam wieder hoch. Das ist das wichtigste Fakt der Geschichte. Die Höhle wurde 1892 als entdeckt eingestuft. Schneider sagt es trocken: „Die Höhle wurde 1892 entdeckt.“ Was folgte, war eine schrittweise Erschließung. Erst die Sicherung des Eingangs, dann erste Holz-Konstruktionen für den Abstieg, später Stahl-Treppen und Geländer.
Heute gehen 30.000 Besucher pro Jahr durch einen künstlich ausgebauten Eingang in die Tiefenhöhle. Der ursprüngliche Mack-Eingang, das Loch, durch das sich Ulrich gezwängt hat, ist immer noch da, aber nicht der reguläre Zugang. Wer ihn sehen will, fragt am besten beim Höhlen- und Heimatverein Laichingen nach.
Was Ulrichs Geschichte für Kinder bedeutet
Die Geschichte vom vierzehnjährigen Ulrich Mack ist eine der wenigen Anekdoten, die Kindern in der Tiefenhöhle besonders im Gedächtnis bleiben. Sie funktioniert in beide Richtungen.
Für ältere Kinder ist sie eine Identifikationsfigur. Ein Vierzehnjähriger hat es geschafft, in eine völlig unbekannte Höhle abzusteigen, mit einfacher Ausrüstung, ohne moderne Sicherheit. Wer selbst neun oder zehn Jahre alt ist, sieht in dieser Geschichte das, was man unter Mut und Pragmatismus verstehen kann.
Für jüngere Kinder ist die Sache mit der Kerze und dem Seil das, was hängenbleibt. Eine echte Kerze, in echter Höhle, ohne Strom, ohne Lampe. Das ist ein konkretes Bild, das in einer Welt von Smartphones und LED-Stirnlampen ungewöhnlich wirkt.
Was über Ulrich danach bekannt ist
Über das spätere Leben von Ulrich Mack ist in der Vereinschronik wenig dokumentiert. Es scheint, dass er in Laichingen blieb und die Verbindung der Familie zur Höhle erhalten blieb. Die Familie Mack ist über mehrere Generationen mit dem Höhlen- und Heimatverein verbunden, und die Tiefenhöhle wurde Teil des Familienerbes.
Schneider selbst stammt aus Laichingen und beschreibt seinen eigenen ersten Höhlenbesuch nicht als Sensation, sondern als Selbstverständlichkeit: „Meine Familie ist aus Laichingen und selber auch im Verein tätig und deswegen schätze ich mal, dass ich ein recht kleines Kind war, als ich das erste Mal in der Höhle war.“ Was für Ulrich 1892 erste Befahrung war, ist für Laichinger Kinder heute Familienkalender.
Was bleibt
Ein vierzehnjähriger Junge mit einer Kerze in der Hand und einem Seil um die Hüfte ist nicht das Bild, das man mit moderner Höhlenforschung verbindet. Aber es ist das Bild, mit dem die Geschichte der tiefsten Schauhöhle Deutschlands beginnt. Manchmal sind die wichtigen Anfangsmomente einer Sache klein, ungeplant und ohne Drama.
Ulrich Mack hat das nicht gewusst, als er hinunterkletterte. Er hat einfach getan, was sein Vater ihm gesagt hat. Aus diesem Tun ist eine 130-jährige Vereinsgeschichte geworden, und 30.000 Menschen im Jahr stehen unten in einem Schacht, in dem 1892 ein vierzehnjähriger Junge mit einer Kerze allein hing.
Mehr zu Johann Georg Mack, zur Vereinsgeschichte und zur Tiefenhöhle heute im Podcast mit Alexander Schneider.
