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Johann Georg Mack: Der Sand-Schürfer, der die Tiefenhöhle fand

Johann Georg Mack war kein Forscher. Er war Sand-Schürfer. 1892 grub er am Ortsrand von Laichingen Dolomit-Sand aus, häufte das Tageswerk auf einen Haufen und ging abends nach Hause. Am nächsten Morgen war der Haufen kleiner.

So fängt die Geschichte der tiefsten Schauhöhle Deutschlands an. Alexander Schneider, heute Vorstand im Höhlen- und Heimatverein Laichingen, erzählt sie so, wie sie in der Vereinschronik steht:

„Johann Georg Mack hat nach Dolomitsand gegraben und hat sein Tageswerk an Sand zu einem Haufen aufgeschüttet. Am nächsten Tag, als er den Haufen abholen wollte, war der aber deutlich kleiner. Sein erster Gedanke war, dass jemand ihm Teile vom Sand geklaut hat. Um das zu verhindern, hat er sich dann einfach mal die Nacht später auf die Lauer gelegt oder in der Nähe vom Haufen übernachtet. Um dann festzustellen, der Sand verschwindet, ohne dass irgendjemand kommt und ihn abholt.“

Wer dieser Mack war

Über Johann Georg Mack ist heute weniger bekannt als über die Höhle, die er fand. Er war Laichinger. Er war Handwerker oder Kleinbauer mit einem Nebenerwerb im Sand-Schurf. Dolomit-Sand war im neunzehnten Jahrhundert auf der Schwäbischen Alb ein gefragter Rohstoff. Glasereien, Bauunternehmen und Steinbrüche nutzten ihn. Wer ein Schurfrecht hatte, konnte sich damit ein zusätzliches Einkommen sichern.

Macks Schurf lag am Ortsrand von Laichingen, auf einem Stück Land, das geologisch zur Karst-Hochfläche der Alb gehört. Karst bedeutet Kalkstein mit Hohlräumen. Wer hier gräbt, weiß nie genau, was unter dem nächsten Spatenstich liegt. Mack wusste es vermutlich auch nicht, als er 1892 sein Tageswerk auf den Haufen schüttete.

Die Nacht auf der Lauer

Was Mack tat, nachdem der Sand zum ersten Mal verschwunden war, ist menschlich. Er vermutete einen Dieb. Wer in Laichingen wem den Sand geklaut hätte, ist nie geklärt worden, weil es niemand getan hat. Aber die Vermutung war naheliegend genug, um sich eine Nacht draußen am Haufen anzustellen.

Schneider beschreibt diese Nacht nüchtern. Mack legte sich auf die Lauer. Er wartete. Niemand kam. Trotzdem wurde der Sand-Haufen am Morgen wieder kleiner.

Das ist der Moment, in dem die Geschichte abbiegt. Ein durchschnittlich misstrauischer Mensch hätte vermutlich noch eine Nacht gewartet. Vielleicht zwei. Mack tat etwas anderes. Er begann zu graben.

Vom Mausloch zum Schacht

Mack grub dort, wo der Sand verschwand. Er fand ein Loch im Boden, anfangs nicht größer als ein Mausloch. Er erweiterte es. Hinter dem Loch öffnete sich ein Hohlraum. Was dort kam, war kein einfacher Erdfall, sondern der Eingang zu einer Schachthöhle.

Schneider fasst es so zusammen: „Die Höhle hat sich entdeckt vom Vater von Ulrich Mack, Johann Georg Mack. Er hat die durch Zufall angeschnitten beim Graben nach Dolomit Sand.“

Das Wort „Zufall“ steht hier im Vordergrund. Mack hat die Höhle nicht gesucht. Er hat nicht geahnt, dass sie existiert. Er hat den Eingang in dem Moment freigelegt, in dem sein Tageswerk auf einen Punkt fiel, unter dem sich ein 55 Meter tiefer Schacht öffnete. Hätte er seinen Haufen zwei Meter weiter weg geschüttet, läge die Höhle vermutlich heute noch unter Sand.

Was Mack als Nächstes tat

Mack tat 1892 etwas, das ein heutiger Mensch nicht mehr machen würde. Er befestigte ein Seil, gab seinem vierzehnjährigen Sohn Ulrich eine Kerze in die Hand und ließ ihn an dem Seil in den unbekannten Hohlraum hinunter.

Schneider erzählt es so: „Er hat dann seinen jüngsten Sohn, Ulrich Mack, an einem Seil mit einer Kerze in der Hand runtergelassen.“ Mehr Worte braucht es nicht. Vater oben, Sohn unten, Seil dazwischen, Kerze im Dunkeln. Im Jahr 1892 war das eine Standard-Lösung für ein unbekanntes Erkundungsproblem. Es gab keine Schutzhelme, keine Steigklemmen, keine Versicherung.

Dass Ulrich nicht abstürzte, dass das Seil hielt, dass die Kerze nicht ausging und dass im Schacht keine Atemluft-Probleme auftraten, ist im Nachhinein bemerkenswert. Damals war es einfach das, was funktionierte. Mehr zu Ulrich Mack und seiner Erst-Befahrung im eigenen Artikel zu Ulrich Mack, dem 14-Jährigen am Seil.

Was nach der Entdeckung kam

Die Höhle wurde 1892 als entdeckt erklärt. Schneider gibt das Datum trocken an: „Die Höhle wurde 1892 entdeckt.“ Vermutlich folgte eine Phase, in der Mack das Loch zumindest sicherte, weitere Gehilfen einlud und das Ausmaß des Hohlraums abschätzte. Dass ein 55-Meter-Schacht im Sand-Schurf des eigenen Grundstücks lag, war für einen Laichinger Kleinbetrieb nicht alltäglich.

Über die folgenden Jahre wurde der Eingang ausgebaut, die ersten Treppen wurden eingebaut, und schließlich übernahm der spätere Höhlen- und Heimatverein Laichingen die Verwaltung der Höhle. Heute steht der ursprüngliche Mack-Eingang noch, aber Besucher gehen durch einen späteren, künstlich ausgebauten Eingang. Mehr zum Eingang und seiner Geschichte im Artikel zum Tiefenhöhlen-Eingang.

Was die Familie Mack heute bedeutet

Der Name Mack ist in Laichingen geblieben. Die Familie ist über mehrere Generationen mit der Höhle verbunden, und auch der Vereinsname trägt das Erbe von Johann Georg Macks Entdeckung weiter. Wer heute durch die Laichinger Tiefenhöhle geht, sieht das Werk eines Vereins, der ohne diesen einen Sandhaufen-Diebstahl-Verdacht nie zustande gekommen wäre.

Das ist die ungewöhnliche Pointe der Mack-Geschichte. Eine Vermutung war falsch. Niemand hatte den Sand geklaut. Aus dieser falschen Vermutung, einer Nacht im Freien und einem Spaten am nächsten Morgen wurde eine deutsche Schauhöhlen-Geschichte. Die tiefste, um genau zu sein.

Was geblieben ist

Johann Georg Mack hat keine Bücher hinterlassen. Es gibt vermutlich kein Foto von ihm. Was geblieben ist, ist die mündliche Vereinschronik, die seinen Namen, sein Vorgehen und das Jahr 1892 bewahrt hat. Plus eine 55-Meter-Schachthöhle, die 30.000 Besucher pro Jahr durch das Tor seines damaligen Sand-Schurfs schickt.

Es gibt Entdeckungen, die ihren Entdecker überdauern. Die Tiefenhöhle ist eine davon.


Die ganze Geschichte zur Familie Mack, zum Höhlen- und Heimatverein Laichingen und zur heutigen Tiefenhöhlen-Arbeit im Podcast-Gespräch mit Alexander Schneider.