Weinbergschnecken – Was die meisten über das geschützte Tier nicht wissen

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Wenn Rita Goller von ihren Weinbergschnecken erzählt, klingt das anders als erwartet. Keine Ekelgeschichten, kein Schulterzucken. Stattdessen sagt sie Sätze wie: „Eine Schnecke hat genauso Gefühle und man kann sich ein bisschen in die Schnecke reindenken.“ 20 Jahre lang hat sie Weinbergschnecken gezüchtet, in Münsingen-Rietheim auf der Schwäbischen Alb. Sie hat die Tiere nachts beobachtet, tagsüber gefüttert, ihre Vorlieben kennengelernt.

Warum Weinbergschnecken unter Naturschutz stehen

Seit 2004 steht die Weinbergschnecke auf der roten Liste. Zwei Gründe haben dazu geführt. Erstens wurde sie jahrelang massiv gesammelt. Bis 2004 durfte man alle drei Jahre Schnecken in der Natur sammeln, viele verdienten sich damit Taschengeld oder kauften sich davon ihre erste Uhr. Zweitens macht der Klimawandel den Tieren zu schaffen.

„Wenn es im Winter warm wird und dann auch noch Bodenfeuchte da ist, erwachen die Schnecken im Winterschlaf und überleben den Winter nicht“, erklärt Rita. Milde Winter bringen die Tiere aus dem Rhythmus. Im Frühjahr findet man dann leere Häuser. An manchen Stellen gibt es noch Weinbergschnecken, aber so wie vor 30 oder 40 Jahren wird es nicht mehr sein.

Was Weinbergschnecken von Zuchtschnecken unterscheidet

Die heimische Weinbergschnecke, die Helix pomatia, braucht dreieinhalb Jahre bis zur Geschlechtsreife. Mindestens vier Jahre, bis sie groß genug für den Verzehr ist. Die Zuchtschnecke aus dem Mittelmeerraum, die Helix aspersa, schafft das in einem einzigen Jahr. „Das ist eine Turboschnecke“, sagt Rita.

Der Unterschied zeigt sich auch beim Winterschlaf. Die heimische Weinbergschnecke bildet einen Kalkdeckel, der hart wird wie Tuffstein. Die Zuchtschnecke macht zwar auch einen Deckel, aber der bleibt weich. Sie würde einen echten Winter auf der Schwäbischen Alb nicht überleben.

Und dann ist da der Geschmack. Vier Jahre Wachstum gegen ein Jahr. Löwenzahn, Kohl und Karottenschalen gegen Turbofutter. Rita Gollers Stammkunden wussten den Unterschied zu schätzen.

Was Weinbergschnecken wirklich fressen

Hier räumt Rita mit dem größten Missverständnis auf. Weinbergschnecken fressen nicht den frischen Salat im Garten. Sie mögen es angesenkt. Einen halben Tag in der Sonne gelegen, leicht welk. Das ist ihr Ding.

Am liebsten fressen sie Löwenzahn, besonders die Milchstängel. Kohlblätter, Karottenschalen, Gurken. „Sie mag aber auch was Süßes“, sagt Rita. „Melonen frisst sie leidenschaftlich gern.“ Wassermelonen sind der Hit. Die Schnecke hat einen süßen Zahn, wie Rita es ausdrückt.

Weinbergschnecken und der schwäbische Charakter

Rita Goller vergleicht den Jahreszyklus der Weinbergschnecke gerne mit schwäbischer Mentalität. Im Frühjahr erwacht sie, stößt den Winterdeckel ab und frisst sich erstmal satt. Dann baut sie an ihrem Haus weiter. Und wenn das erledigt ist, sucht sie einen Partner. „Ich sage immer, das ist ein typischer Schwabe: Schaffe, schaffe, Häusle baue.“

Die Weinbergschnecke ist ein Zwitter. Jede Schnecke, die vorbeikriecht, kann ein Partner sein. Zur Liebesbezeugung verschießt sie einen Liebespfeil. Der eigentliche Liebesakt dauert dann mindestens einen ganzen Tag.

Danach gräbt die Schnecke mit ihrem Fuß ein Loch, formt es mit Schleim zu einer Geburtshöhle und legt 20 bis 40 Eier hinein. Nach 21 Tagen schlüpfen winzige Schnecken, fertig mit Häuschen, perlmuttgroß und sofort selbstständig unterwegs.

Wer Weinbergschnecken im eigenen Garten beobachten will, braucht etwas Wildnis, Morgensonne und Geduld. Rita Goller zeigt in ihrem Podcast, wie das geht.


Die ganze Geschichte von Rita Goller und ihren Weinbergschnecken gibt es im pekuu audiostories Podcast.

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