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Pestalozzi heute: Lernen mit Kopf, Herz und Hand in der echten Schule

Johann Heinrich Pestalozzi, geboren 1746 in Zürich, gestorben 1827 in Brugg, gilt als einer der wichtigsten Pädagogen der europäischen Bildungsgeschichte. Seine zentrale Idee: Bildung darf nicht nur Verstand sein. Sie muss Kopf, Herz und Hand verbinden. Erst aus diesem Dreiklang entsteht Persönlichkeit.

220 Jahre später ist diese Idee in der Theorie überall, in pädagogischen Leitbildern, in Reformschulen, in Lehrplänen. In der Praxis ist sie seltener, als es klingt. Eine reguläre Gemeinschaftsschule in Friedrichshafen, in der Linoldruck mit Achtklässlern und Sauerteig mit Sechstklässlern Teil des Alltags sind, ist eine Ausnahme.

Pascal Kaiser unterrichtet dort. Er ist Klassenlehrer einer 6. Klasse, gibt Kunst, Mathematik, Technik, Erdkunde und Geschichte. Wenn man ihn fragt, was er Eltern empfiehlt, sagt er einen Satz, der pestalozzianisch klingt.

„Macht was mit euren Händen und macht was zusammen. Ich glaube dieses Handy in der Hosentasche, das ist so oft schnell in der Hand und ist eigentlich eine Barriere und eine Mauer, gemeinsam Dinge zu machen.“

Was Pestalozzi sagte

Pestalozzis Pädagogik war eine Reaktion auf die rein verstandes-orientierte Schule seiner Zeit. Kinder, die lateinische Grammatik beherrschten, aber nicht selbst handeln konnten. Sein Vorschlag: Lernen muss vom Konkreten zum Abstrakten gehen. Vom Tun zur Theorie. Von der Anschauung zum Begriff.

Diese Idee war neu im 18. Jahrhundert. Heute ist sie überall, wo Reformpädagogik gepflegt wird, Maria Montessori, Rudolf Steiner, Kurt Hahn. Aber im regulären Schul-System bleibt die Hand-Komponente oft auf wenige Kunst- und Werk-Stunden begrenzt, während Lesen, Schreiben, Rechnen das Volumen bekommen.

Pascals Praxis

Pascal bringt die Hand-Komponente konkret in seinen Unterricht. Mit seinen Acht- und Neuntklässlern macht er Linoldruck. Eine Linolplatte wird mit Schneideisen bearbeitet, das Motiv gespiegelt aufs Papier gedruckt.

„Ich habe jetzt gerade zum Beispiel mit meinen Neuntklässlern mache ich Linoldruck. Ich mache mit meiner achten Klasse aktuell auch Linoldruck. Die haben verschiedene Motive und schneidet die und die werden anschließend gedruckt, auch mehrfarbiger Druck mit der sogenannten verlorenen Platte.“

Bei der verlorenen Platte wird die Linolplatte zwischen den Druck-Durchgängen weiter weggeschnitten. Was weg ist, ist endgültig weg. Eine konkrete Erfahrung von Konsequenz, die kein digitales Tool vermittelt.

Daneben pflegt Pascal zu Hause Sauerteig und hat das Backen mit seiner sechsten Klasse umgesetzt.

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„Ich habe jetzt erst im Schulanteil mir ganz, ganz viel gebacken mit meinen Sechsgläser und das kann ich, weil ich ganz ganz viele Routine da drin schon habe.“

Seine Wurzel liegt nach eigener Aussage in der Erlebnispädagogik, die er im Studium an der Pädagogischen Hochschule Weingarten kennengelernt hat.

„Ich finde, ich komme auch aus der Erlebnispädagogik, weil ich auch Teile in meinem Studium hatte.“

Im Studium hat er an der Kreissäge gearbeitet, Drechseln gelernt, verschiedene Drucktechniken kennengelernt, Fotografie und Siebdruck. Die Werkzeuge, die er später in seiner Schul-Praxis und in seinem Escape Room verwendet, und die zur Werkbank für Kinder gehören, wenn man Hand-Arbeit von Anfang an einbezieht.

Lebensweltbezug

Pascal verwendet einen pädagogischen Fachbegriff, der genau Pestalozzis Idee modernisiert formuliert.

„Man baut im Unterricht, egal ob das jetzt Matheunterricht oder Kunst oder Technik ist, eine Welt auf, wo man sagt, okay, was hat das mit den Kids zu tun? Wie kann man die dort abholen? Da baut man eine Welt auf und Leute tauchen da dann 60 Minuten drin ein.“

Lebensweltbezug heißt: Das Lernen knüpft an Erfahrungen an, die die Kinder selbst gemacht haben oder machen können. Es bleibt nicht abstrakt, sondern verbindet sich mit ihrem Leben. Pestalozzi hätte diesen Begriff im 18. Jahrhundert vielleicht noch nicht so genannt, aber er hätte ihn unterschrieben.

Pascal ist kein Reformpädagoge

Pascal ist kein Reformpädagoge. Er arbeitet nicht in einer Waldorfschule, in einem Montessori-Haus oder in einem Internat mit eigenem pädagogischem Konzept. Schreienesch ist eine reguläre Gemeinschaftsschule. Das macht seine Praxis interessant: Sie zeigt, dass Pestalozzis Idee von Kopf, Herz und Hand auch im regulären Schulbetrieb möglich ist, wenn ein Klassenlehrer sich dafür entscheidet.

Was er anbietet, ist kein Programm. Es ist eine alltägliche Praxis, die in Kunst-, Technik- und auch in Klassenlehrer-Stunden Platz findet. Linoldruck wird in einer Schul-Doppelstunde gemacht. Backen wird über mehrere Wochen geplant. Auch Theaterpädagogik gehört dazu, Pascal probt regelmäßig beim Seehase Theater Friedrichshafen mit Kindern und Jugendlichen.